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Interview: Für Stephane Ratel sind Elektro- und Kundensport die Zukunft

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Interview: Für Stephane Ratel sind Elektro- und Kundensport die Zukunft
Autor:
Übersetzung: Mario Fritzsche

SRO-Chef Stephane Ratel erklärt, wie er sich den Motorsport in fünf bis zehn Jahren vorstellt und was die GT-World-Challenge für 2020 noch plant

Stephane Ratel - im Namen seiner Stephane Ratel Organisation (SRO) seit mehr als 20 Jahren Strippenzieher im internationalen GT-Rennsport - argumentiert im jüngsten Interview unserer #thinkingforward-Reihe, dass die Coronavirus-Pandemie in Verbindung mit der Dringlichkeit des Klimawandels den Motorsport bis weit in die Zukunft hinein prägen wird.

So werde jede Rennserie, die von Herstellern abhängig ist, unter den Folgen der Coronakrise leiden. Ratel kann sich vorstellen, dass Rennserien mit Prototypen künftig komplett auf Elektroantrieb umrüsten werden. Und er sieht eine goldene Zukunft für den Kundensport.

Für die Saison 2020 der GT-World-Challenge Europa hat die SRO einen überarbeiteten Rennkalender veröffentlicht, der einen verspäteten Saisonauftakt für Juli vorsieht. Während die ersten Rennen wohl unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden werden, ist Ratel optimistisch, dass noch vor Ende des Jahres wieder mit überschaubaren Zuschauerzahlen an den Strecken gerechnet werden kann.

Stephane, wie liefen die vergangenen Wochen für Sie? Wie schwierig war es, die Kalender der einzelnen Rennserien unter dem Banner der SRO neu zu planen?

Stephane Ratel: "Nun, Sie können sich vorstellen, dass alle Meisterschaften versucht haben, ihre neunmonatigen Rennkalender auf acht, sieben, sechs, fünf Monate umzuplanen. Somit sind die Rennstrecken alle sehr gut ausgelastet. Vor sechs Wochen hatten wir noch mit einem Saisonauftakt [der GT-World-Challenge Europa] für Ende Mai geplant. Vor drei Wochen mussten wir das auf Ende Juni verschieben. Und jetzt haben wir gerade alles so verschoben, dass es Ende Juli losgehen kann."

"Im GT-Rennsport besteht das Geschäft der meisten unserer Teams darin, nicht nur in einer einzigen Meisterschaft zu fahren. All das muss also harmonisch aufeinander abgestimmt werden, damit sie antreten können. Wir haben es also mit einem Dominoeffekt zu tun. Jedes Mal, wenn man etwas ändert, muss man viele weitere Dinge auch ändern."

"Selbst wenn die Genehmigung der Behörden vorliegt, ein Rennen vorerst ohne Publikum durchzuführen, braucht es noch die entsprechenden Voraussetzungen, was Auslandsreisen und Grenzöffnungen betrifft. Das ist also die dritte Herausforderung, vor der wir stehen. Es war daher ziemlich viel Arbeit, alles umzuplanen."

"Und wie Sie wissen, operieren wir nicht nur in Europa, sondern auch in Nordamerika und in Asien. Zudem haben wir die Intercontinental-GT-Challenge. Alles in allem sind es also eine Menge Rennen, die es zu planen und neu zu planen gilt."

Vermutlich sind nicht einmal Sie selbst zu 100 Prozent sicher, ob Sie Ende Juli beginnen können, obwohl es sich so anfühlt, als hätten sich die Dinge in letzter Zeit etwas entspannt?

Ratel: "Nun ja, leider operieren wir schon eine ganze Weile in einer stetig beunruhigenderen Situation, in der die Zahl der Opfer täglich steigt. Für ein Event der GT-World-Challenge mit allen Rahmenrennen sprechen wir von 2.000 bis 2.500 Leuten vor Ort. Wir sprechen von 200 bis 300 Autos vor Ort. Mit all den Fahrern, den Mechanikern, dem TV-Personal und so weiter sprechen wir also von ziemlich vielen Leuten."

"Für uns ist es daher wichtig zu wissen, was eine Veranstaltung 'unter Ausschluss der Öffentlichkeit' konkret bedeutet in Bezug auf die Anzahl der Menschen vor Ort. Das haben wir täglich im Blick, um zu sehen, ob es realistisch ist, im Sommer zu beginnen. Im Moment bin ich aber einigermaßen optimistisch, dass wir dazu in der Lage sein werden."

Wenn die Welt nach dieser Krise zur Normalität zurückkehrt, wird das eine 'neue Normalität' sein. Wie wird diese Ihrer Meinung nach für den Motorsport aussehen?

Ratel: "Ich sage schon länger, dass wir in zehn Jahren nur noch Elektrorennen und Kundenrennen haben werden. Diese Krise wird genau diese Entwicklung meiner Meinung nach noch beschleunigen. Wir haben den Kundensport in den vergangenen Jahren wieder in Mode gebracht. Daher sehe ich uns in einer besseren Position als andere Rennserien. Unsere Teams profitieren aber zum Teil auch von der Unterstützung durch die Hersteller. Und die Unterstützung durch die Hersteller hat in den vergangenen Jahren abgenommen. Das ist nichts, was wir erst seit gestern beobachten würden."

"Eines ist sicher: Alle Motorsportprogramme, die in hohem Maße von der direkten Beteiligung und den Investitionen der Hersteller abhängig sind, werden in den kommenden Jahren leiden. Das kann man als nahezu sicher betrachten, mit der einzigen Ausnahme, die da heißt Elektrorennsport. Denn ich glaube, was wir in den vergangenen zwei Monaten gesehen haben, zum Beispiel plötzlich wieder Delfine in Venedig, wird eine langanhaltende Wirkung auf die Menschen hinterlassen. Die Umweltfrage wird präsenter sein als vorher."

Der Kundensport befindet sich also in einer starken Position, weil es aus Herstellersicht keine riesige Investition ist, sondern ein gutes Schaufenster?

Ratel: "Als die Krise begann, war die SRO als Gruppe in der stärksten Position, die sie je innehatte. Wir hatten gerade den Vertrag mit Amazon Web Services (AWS) als neuem Sponsor unterzeichnet. Das war für uns nach zehn Jahren mit Blancpain ein ganz wichtiger Schritt. Zudem genießen wir die Unterstützung durch den Uhrenhersteller Rebellion und wir haben neue Vereinbarungen mit Pirelli und mit Total abgeschlossen. Bezogen auf die Starterfelder hatten wir das größte Netz, das wir je hatten: 55 Vollzeitstarter im Endurance-Cup in Europa, 33 im Sprint-Cup in Europa und 32 in Asien."

GT World Challenge Europe

Die GT-World-Challenge ist das aktuelle Zugpferd im SRO-Netz

Foto: SRO

"Auch wenn es inzwischen fast sicher ist, dass alle Meisterschaften Teilnehmer verlieren werden, glaube ich, dass wir uns in einer guten Situation befinden, um diese Krise zu überstehen. Das gilt zumindest für die erste Zeit, denn danach wird es eine große Wirtschaftskrise geben. Da wird es dann darauf ankommen, inwiefern unsere Teams oder die Leute, die die Teams finanzieren, weiterhin die Mittel oder den Appetit haben werden, auch mit geringer Herstellerunterstützung anzutreten."

"Der Grund, warum der Kundensport so erfolgreich war, sind die Marketingerlöse, die man erhält. Deshalb war das für viele Hersteller eine Win-Win-Situation und deshalb haben sich in den vergangenen Jahren so viele von ihnen unserer Plattform angeschlossen und haben Teams in den GT3- oder GT4-Klassen unterstützt."

Glauben Sie, dass die Hersteller auch in Zukunft den gleichen Appetit auf Motorsport haben werden, wenn auch mit geringeren Investitionen?

Ratel: "Das Wichtigste für die nahe Zukunft ist es, einen Fahrplan zur Kostensenkung ganz präzise und in jedem einzelnen Segment einzuhalten. Darüber hinaus brauchen wir einen Fahrplan für die Umwelt, denn dieses Thema wird immer wichtiger. Wenn es uns gelingt, diese beiden Fahrpläne miteinander zu verknüpfen, dann glaube ich, dass es einen Weg gibt. Den Appetit auf Marketing und damit auch Marketing in Form von Sport wird es immer geben."

"Hinzu kommt, dass diese Autohersteller eine jahrzehntelange Geschichte haben. Einige von ihnen haben sogar eine mehr als hundertjährige Geschichte. Es ist sehr wichtig, dass sie das in ihrem Produkt umsetzen. Selbst wenn elektrisch gefahren wird und selbst wenn mit allen möglichen neuen Technologien gefahren wird, so werden unterm Strich immer das Prestige und das über Jahrzehnte aufgebaute sportliche Image das Entscheidende sein. Das darf man nicht einfach so wegwerfen. Daher ist es wichtig, das die Hersteller das in ihr neues Produkt übertragen. Und genau deshalb glaube ich daran, dass der Motorsport weiterhin relevant bleiben wird."

Glauben Sie, dass es möglich sein wird, 2021 oder sogar noch 2020 Rennen mit Fans an der Strecke zu veranstalten? Oder wird das erst möglich sein, wenn es einen Impfstoff gibt?

Ratel: "Ich glaube, es sind drei Schritte: Gar kein Publikum, zahlenmäßig begrenztes Publikum und schließlich wieder eine vollständige Öffnung für Publikum. Im Vergleich zu einem Fußballstadion ist jede Rennstrecke eine sehr große Anlage. In Silverstone beispielsweise können sich 5.000, 6.000 oder 10.000 Menschen schnell mal verlieren. Damit die großen Formel-1-Strecken voll aussehen, muss man schon in den Bereich von zehntausenden bis hin zu 100.000 Menschen gehen."

"Selbst wenn wir also visuell keine großen Menschenmassen bei den Rennen haben werden, sind die Einnahmen aus dem Publikum trotzdem wichtig. Ganz ohne Publikum zu fahren, wird daher nicht einfach für uns. Trotzdem können wir uns das für jedes Rennen [2020] vorstellen."

24h Spa, 24 Stunden von Spa, Nacht, Panorama

Gehen die 24h Spa in diesem Jahr über eine Distanz von 25 Stunden?

Foto: Alexander Trienitz

"Die 24 Stunden von Spa haben wir inzwischen so weit nach hinten verschoben wie es nur geht, ohne auf ein wirklich großes Risiko von Schneefall in den Ardennen zu stoßen. Deshalb haben wir dieses Rennen jetzt auf das letzte Oktober-Wochenende angesetzt. Das wird eine Herausforderung, weil die Nacht um diese Jahreszeit schon sehr lang sein wird. Und es ist das Wochenende der Umstellung auf Winterzeit. Das heißt, wenn wir um 15:00 Uhr starten (Samstag) und um 15:00 Uhr ins Ziel fahren (Sonntag), dann könnte es das erste 24-Stunden-Rennen sein, das 25 Stunden dauert!"

"Ich bin von Natur aus ein optimistischer Mensch und ich möchte hoffen, dass wir bis September, Oktober die internationale Reisetätigkeit wieder aufnehmen können und Veranstaltungen mit Publikum, zumindest mit begrenzter Anzahl, durchführen dürfen. In Frankreich hat man beispielsweise gesagt, dass Veranstaltungen mit bis zu 5.000 Menschen möglicherweise schon im August wieder stattfinden könnten. Wir werden sehen. 5.000 Menschen wären besser als gar keine."

E-Sport und Sim-Racing hatten in der Krise die Gelegenheit zu glänzen. Können Sie uns einen Überblick geben, wie E-Sport aus Ihrer Sicht diese Chance genutzt hat?

Ratel: "Wie heißt es doch so schön? 'Jede Krise schafft auch Möglichkeiten.' Am Ende dieser Krise wird es möglicherweise weniger Rennserien geben. Weil wir davon ausgehen, zu denen zu gehören, die sich halten werden, könnten wir erfolgreicher sein und einen größeren Teil des Kuchens bekommen. Die andere Möglichkeit ist ganz klar E-Sport. In Verbindung mit Assetto Corsa, Informatica und neuerdings mit der Unterstützung von Fanatec haben wir eine wahre Explosion unserer eigenen E-Sport-Serie der GT-World-Challenge erlebt."

"Wir hatten Charles Leclerc, Jean-Eric Vergne und die meisten der besten GT-Fahrer dabei. Das hat für eine Menge Aufmerksamkeit gesorgt. Mit den Rückmeldungen in Form der Zuschauerzahlen waren wir sehr zufrieden. Deshalb glauben wir nicht, dass das etwas ist, was mit Ende der Krise wieder verschwinden wird. Insbesondere in unserem Fall von E-Sport sprechen wir nicht von einem Spiel, sondern von einer Simulation."

"Bei Assetto Corsa sprechen wir von einem Wettbewerb auf sehr hohem Niveau. Die Zahl der Fahrer, der Fans und der Spieler, die den notwendigen Sitz, die Pedale und das Lenkrad erworben haben, ist inzwischen sehr groß. Diese Leute werden das nicht einfach beiseite legen, wenn sie wieder ins Büro gehen. Ich glaube, das wird Teil ihres Hobbys bleiben und bei einigen auch Teil ihres Trainingsprogramms. Daher glaube ich, dass das Potenzial sehr groß ist."

Wie sieht mit Blick auf die kommenden fünf bis zehn Jahre Ihr Bild des Motorsports?

Ratel: "Ich denke, alle Beteiligten inklusive der Autohersteller sind sich einig, dass es im Moment schwierig sein wird, den Elektrorennsport mit dem Kundensport zu verbinden. Ich kann Ihnen nicht sagen, dass die GT-World-Challenge in naher Zukunft mit Elektroautos gefahren wird, denn was wir unseren Fahrern verkaufen ist Leidenschaft. Und bis der Elektrorennsport das Gefühl eines V10 von Lamborghini oder Ferrari oder einem anderen Hersteller vermitteln kann, wird noch einige Zeit vergehen."

Mario Dominguez

Die Jaguar I-Pace-eTrophy als Rahmenserie der Formel E wird Ende 2020 eingestellt

Foto: LAT

"Wir brauchen aber ganz klar einen Fahrplan, um den CO2-Ausstoß zu verringern. In der Intercontinental-GT-Challenge ist es schon jetzt so, dass wir für die Rennen bevorzugt auf lokale Teams setzen anstatt auf Teams, die für die gesamte Saison um die ganze Welt reisen. Damit wird der sehr wichtige Teil der Weltreisen schon mal reduziert. Das ist ein nachhaltiger Fahrplan, um umweltschonend Motorsport zu betreiben und den CO2-Ausstoß zu reduzieren."

"Und ich habe im vergangenen Jahr das Konzept der GTX-World-Tour vorgestellt. Dabei geht es um Rennen mit Elektroautos von Stadt zu Stadt. So würde man diese Autos der Öffentlichkeit zugänglich machen und hätte gleichzeitig viel Exposition in den Städten. Das wären spannende Rennen, sowohl im Bergrennformat als auch auf kleinen Rennstrecken. Denn es ist einfach schwierig, traditionellen Motorsport mit Elektrorennsport zu vermischen."

"Das ist also ein Konzept, das wir vorantreiben um zu sehen, ob es umsetzbar ist. Für so etwas würde man natürlich für den Transport keine LKWs mit Dieselgeneratoren einsetzen. Es müsste schon eine rundum elektrische Sache sein. Das wiederum macht die Organisation kompliziert und kostspielig. Aber wir arbeiten daran."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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Artikel-Info

Rennserie ALLGEMEINES , GTWC Endurance , IGTC
Autor James Allen