Rowe-Team kritisiert DTM-Reifenwahl: "Funktioniert bei BMW nicht"

Wieso der Teamchef des Rowe-Rennstalls mit dem Wechsel der DTM auf den Medium-Reifen nicht einverstanden ist und dadurch klare Vorteile für die Konkurrenz sieht

Rowe-Team kritisiert DTM-Reifenwahl: "Funktioniert bei BMW nicht"

Nachdem es ursprünglich geplant gewesen war, dass 2021 in der DTM die härteste Michelin-Mischung S9M zum Einsatz kommt, hat sich die DTM nun doch auf den Medium-Reifen S8M als einzigen Reifen festgelegt. So will man dafür sorgen, dass es zumindest etwas Reifenabbau - und damit ein unberechenbares Element in den Rennen - gibt.

Doch das sorgt nun vor allem im BMW-Lager für großen Unmut. "Ich finde die Überlegung, mit der S8-Mischung zu fahren, nicht besonders toll", hält Hans-Peter Naundorf, Teamchef des Rowe-Rennstalls, mit seiner Meinung nicht hinter den Berg. "Das liegt daran, dass der Reifen mit unserem Auto im Gegensatz zum S9 nicht funktioniert."

Naundorf stößt sich auch daran, dass die Entscheidung sehr kurzfristig fiel. "Zuerst hieß es, dass wir den S9-Reifen verwenden", sagt er. "Dann hat man damit getestet, darin investiert. Und beim Hockenheim-Test heißt es dann plötzlich, dass jetzt auch der S8-Reifen da ist."

"Nach fünf bis acht Runden war der Reifen weg"

Der S8M-Pneu - das M steht übrigens für die Ausbaustufe (alphabetisch gereiht) - durfte beim ersten offiziellen Test zu Versuchszwecken eingesetzt werden und sorgte beim M6 GT3 für eine böse Überraschung. "Wir hatten einen irren Abbau", offenbart Naundorf. "Nach fünf bis acht Runden war der Reifen weg."

Dieser Abbau habe die Balance des Autos massiv geändert. "Da kannst du dem Fahrer nur noch sagen, er soll vorsichtiger fahren", sagt der Teamchef von Timo Glock und Sheldon van der Linde. "Über Set-up-Änderungen kann man das nicht in den Griff bekommen." Umso größer war der Ärger, als auf dem Lausitzring nur noch frische S8M-Reifensätze zum Einsatz kamen.

Wieso der BMW nicht mit dem Medium-Reifen harmoniert

Doch warum harmoniert der BMW M6 GT3 nicht mit dem S8M-Reifen und sorgt für so viel Reifenabbau? "Man könnte genauso gut fragen, warum der Mercedes mit diesem Reifen keinen hohen Abbau hat", reagiert Naundorf mit einer Gegenfrage und ortet Vorteile für Mercedes-AMG.

"Das ist Bauart- und Antriebs-bedingt", liefert er die Erklärung nach. "Wir haben einen Turbomotor, der eher wie ein Elektromotor funktioniert und im unteren Bereich ein sehr hohes Drehmoment hat. Daher belastet er die Räder mehr."

Der M6 GT3 sei diesbezüglich besonders im Nachteil, weil der Ladedruck des BMW-Turbomotors laut der Test-Balance-of-Performance bei 2,064 bar liegt, während er beim Ferrari 488 GT3 Evo nur 1,819 bar ausmacht. Der McLaren 720S GT3 liegt übrigens in einem ähnlichen Bereich wie der Ferrari.

Auch Fahrzeugkonzept als Herausforderung

"Je mehr Turbodruck, desto mehr geht die Kraft von der Verdichtung aus", erklärt Naundorf. "Der Ferrari ist nicht so sehr verdichtet und hat nicht so eine Aufladung. Da ist der Turboverlauf eher flach und ähnelt einem Sauger."

Doch das ist nicht der einzige Nachteil. "Wenn ich ein Auto mit einer leichten Hinterachse habe, weil das Auto durch die Bauweise sehr frontlastig ist, ist der Verschleiß hinten einfach größer als bei einem reinrassigen Sportwagen wie dem Porsche oder dem Audi", verweist er auf die Konstruktion des M6 GT3, bei dem es sich um ein sogenanntes Plattform-Fahrzeug handelt. Das bedeutet, dass als Basis ein Serienauto und kein Sportwagen dient.

Naundorf: S8M-Mischung vor allem für Mercedes ein Vorteil

Der Mercedes-AMG GT3 gehe im Gegensatz zum BMW "sehr vorsichtig mit den Reifen um", meint Naundorf, dessen Team bis 2015 selbst einen Mercedes einsetzte.

"Es handelt sich um ein sehr ausgereiftes Fahrzeug, bei dem das Fahrwerkskonzept und die Kinematik sehr gut sind. Auf der anderen Seite hat man bei gewissen Bedingungen das Problem, die Reifen überhaupt zum Arbeiten zu bringen. Ich gehe also davon aus, dass die S8-Mischung beim Mercedes sehr gut funktionieren wird."

 

Lucas Auer

Beeindruckender Longrun: Bei Lucas Auer baute die S8M-Mischung nicht ab

Foto: DTM

Darauf deuteten auch die Tests auf dem Lausitzring hin: Winward-Mercedes-Pilot Lucas Auer absolvierte am Mittwoch-Nachmittag einen beeindruckenden 29-Runden-Longrun, den der Österreicher im 1:46er-Bereich begann, ehe er in der vorletzten Runde in 1:44.726 seine schnellste Rundenzeit fuhr. Der Abbau der Reifen wirkte sich also nicht auf die Zeiten aus, die wegen der immer geringer werdenden Spritlast immer schneller wurden.

 

Naundorf lässt Aufwärm-Argument nicht gelten

Tatsächlich hatte sich Mercedes-AMG-Kundensport-Koordinator Thomas Jäger mit der Entscheidung, statt auf die S9M- auf die S8M-Mischung zu setzen, einverstanden gezeigt. "Der S8 ist ein superguter Universalreifen, der eigentlich immer funktioniert, obwohl du einen gewissen Drop hast. Der ist aber kalkulierbar", meinte der Ex-DTM-Pilot.

"Unser Auto funktioniert mit beiden Mischungen gut, aber du bist mit dem S8 einfach noch mal performanter unterwegs. Und die Tatsache, dass man nicht heizen darf und mit kalten Reifen losfährt, spricht für die S8-Mischung", verweist er auf die Tatsache, dass Heizdecken in der DTM verboten bleiben und die S8M-Mischung schneller auf Temperatur kommen.

Ein Argument, das Naundorf nur bedingt gelten lässt. "In Hockenheim hat der S9 bei einstelligen Außentemperaturen funktioniert. Man hat halt fünf Runden gebraucht, bis er da war", meint er.

"Beim S8 hat es vielleicht zwei Runden gedauert. Das größere Thema ist jetzt aber, dass wir bei höheren Temperaturen mit der weicheren Mischung schneller Blasenbildung kriegen. Und der Großteil der Rennen findet im Hochsommer statt. Daher wäre es eine kluge Entscheidung gewesen, mit dem S9 zu fahren."

Mit Bildmaterial von DTM.

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