Kampf gegen die unsichtbare Pandemie auf unseren Straßen

Kolumne von Jean Todt, Sondergesandter des UN-Generalsekretärs für Verkehrssicherheit.

Wenn man in einem beliebigen Wörterbuch die Definition des Wortes Pandemie nachschlägt, stößt man auf einen Eintrag, der eine Erkrankung oder einen Zustand beschreibt, der zu Massenleiden auf nationaler, internationaler oder – im erschreckendsten Fall – globaler Ebene führt.

Die Vorstellung, dass solch ein Ereignis eintreten könnte, ein Zustand, der Gemeinden drastisch verringern, sich auf das Leben von Millionen von Menschen auswirken und Unruhe in der Wirtschaftswelt stiften würde, worunter die Entwicklung und die Hoffnungen ganzer Nationen leiden würden, ist einfach nur erschreckend.

Umso trauriger ist es, dass es sich hierbei um einen Zustand handelt, mit dem wir unwissentlich Tag für Tag leben und mit dem wir uns irgendwie abgefunden haben, obwohl wir die Lösung dafür kennen.

Ich spreche hier von den durch Autounfälle verursachten Todesfällen und Verletzungen. Jedes Jahr sterben auf den Straßen weltweit fast 1,3 Millionen Menschen.

Angaben der Weltgesundheitsorganisation zufolge stellen Verkehrsunfälle global gesehen die achthäufigste Todesursache dar, während sie die häufigste Todesursache unter jungen Menschen im Alter von 15-29 Jahren sind.

Noch erschreckender ist die Tatsache, dass weltweit jedes Jahr 186.000 Kinder als Folge von Verkehrsunfällen sterben – das sind mehr als 500 Kinder pro Tag oder ein Kind alle drei Minuten.

Und trotzdem werden diese tragischen Todesfälle, die wir in unserem Streben nach Zugang zu Mobilität irgendwie als „hinnehmbare Verluste“ abschreiben, auf diesen Seiten meistens nicht einmal in einem kurzen Artikel erwähnt.

Ich bin fest entschlossen, diese Situation zusammen mit vielen anderen Menschen auf der Welt anzugehen.

Es ist an der Zeit, globale Maßnahmen zu treffen

Es wurde bereits viel unternommen, um die Verbreitung dieser Pest zu bremsen. Im Jahr 2011 haben die Vereinten Nationen in Anerkennung der Krise, in der wir uns befinden, ein Jahrzehnt der Sicherheit im Straßenverkehr eingeläutet.

Das Ziel der Kampagne ist es, bis 2020 auf den Straßen der Welt fünf Millionen Menschenleben zu retten. Es wurden umfassende Anstrengungen unternommen, um dieses Problem an die Spitze der globalen politischen Tagesordnung zu setzen, und die sich für Verkehrssicherheit einsetzende Gruppe hatte Erfolg. Nur leider nicht im ausreichenden Maße.

Tatsache ist einfach, dass die Zahlen der Verkehrstoten steigen. Während die erste Hälfte des Jahrzehnts der Verkehrssicherheit sich dem Ende neigt, laufen wir Gefahr, die ehrgeizigen Ziele, die wir uns gesetzt haben, um die Pandemie zu stoppen, nicht zu erreichen.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon erkennt diese Tatsache an. Aus diesem Grund hat er kürzlich beschlossen, dass die Kampagne neu orientiert werden muss und mich im Rahmen seiner Pläne mit der Ehre betraut, sein Sondergesandter für Verkehrssicherheit zu werden.

Ich sehe dies als eine enorme Verantwortung, aber auch als eine Riesenchance. In den vergangenen fünf Jahren habe ich als Präsident der FIA1 die Sicherheit im Straßenverkehr zu einem Aspekt der höchsten Priorität für die Organisation gemacht.

Um zu zeigen, dass Verkehrssicherheit eines der größten Probleme unserer Zeit darstellt, bin ich um die Welt gereist, um mich mit Staatschefs, Regierungsstellen und Entwicklungsorganisationen zu treffen.

In dieser Zeit wurde mir mehrmals zu verstehen gegeben, dass wir von einer globalen Plattform aus sprechen müssen, wenn wir Veränderungen auf globaler Ebene erreichen wollen.

Ich bin der Überzeugung, dass die Rolle des Sondergesandten ins Leben gerufen wurde, um den Aufbau genau dieser Plattform zu koordinieren.

Dieser Artikel kann als Katalysator des Wandels dienen und einen Schwerpunkt in Bezug auf die Mobilisation der für die Verkehrssicherheit kämpfenden Gemeinde, der Staatschefs und Regierungen bilden kann, mit dem für sicherere Straßen und Fahrzeuge sowie bessere Fahrvorschriften gekämpft wird.

Schritt 1: Sammeln des politischen Willens auf der ganzen Welt

Die Mittel, um all das zu erreichen, haben wir bereits zur Hand. In den letzten zehn Jahren haben die Vereinten Nationen unter der Federführung von UNECE 58 Übereinkommen und Vereinbarungen in Bezug auf den internationalen Transport erarbeitet. Viele von ihnen regeln verschiedene Aspekte der Verkehrssicherheit wie Verkehrsregeln, die Vereinheitlichung von Straßenschildern und-signalen sowie Fahrzeugnormen.
Diese Rechtsinstrumente sind bereits in Kraft: Wir wissen, wie wir unsere Fahrzeuge sicherer machen können; wir wissen, wie wir unsere Straßen sicherer machen können; wir wissen, wie optimierte und vereinheitlichte Verkehrsregeln und Straßenschilder Menschen helfen können, die Straßen noch sicherer zu nutzen.

Doch es gibt immer noch viele Nationen und Regionen, die diese Instrumente noch nicht verabschiedet haben. Wenn wir diese auf globaler Ebene einführen und ihre Umsetzung richtig kontrollieren könnten, würde sich die Lage auf unseren Straßen in den kritischsten Gebieten der Welt – in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen, wo erschütternde 91 % aller tödlichen Verkehrsunfälle der Welt passieren – dramatisch verbessern.

Die Erzeugung des politischen Willens zum Handeln unter Politikern, die glauben, dass Untätigkeit rentabler ist, ist ein Schlüsselfaktor. Diese Aufgabe nehme ich gerne an aus dem einfachen Grund, dass Unfälle im Straßenverkehr sich enorm auf das wirtschaftliche Wohl von Nationen auswirken. Manche Länder verlieren etwa ein bis drei Prozent des BSP pro Jahr.

Wenn wir Regierungen davon überzeugen können, etwas mehr darin zu investieren, die Symptome dieser Erkrankung zu bekämpfen, können wir auch Kosten sparen, aber vor allem Menschenleben retten.

Die Abstimmung in Bezug auf die nachhaltigen Entwicklungsziele während der nächsten Generalversammlung der Vereinten Nationen wird einen wichtigen Meilenstein bei der Umsetzung einer globalen Plattform zur Förderung der Sicherheit im Straßenverkehr bilden. Die nachhaltigen Entwicklungsziele sollten daher Verkehrssicherheitsziele erstmals auf der globalen Entwicklungsagenda umsetzen.

Schritt 2: Schaffen eines innovativen und wirksamen Finanzierungsmodells

Die Finanzmittel für die Förderung der Verkehrssicherheit müssen unbedingt radikal erhöht werden, und wir müssen noch mehr dafür tun, um den privaten Sektor dazu ermutigen, einen wesentlichen Beitrag zu leisten.

Für diesen Zweck werde ich ein Gremium mit Experten aus verschiedenen Bereichen zusammenstellen, um einen Mechanismus zu entwickeln, mit dem wir die nötigen Finanzmittel aufbringen können.

Wir müssen die bestehenden, manchmal überalterten und unwirksamen, Modelle hinter uns lassen und offen und flexibel sein, um neue Finanzierungswege zu erforschen.

Zu den Ideen, die ich zusammen mit der für die Verkehrssicherheit kämpfenden Gemeinde unterstütze, gehören die Entwicklung eines auf dem UNITAID-Modell basierenden Finanzierungsmechanismus sowie ein Beitrag aus dem Verkauf von Flugtickets. Hierbei würde es sich um einen geringen Beitrag zum Verkauf in der Automobilindustrie handeln.

Ein solcher Mechanismus könnte schnell umfangreiche Finanzmittel generieren, die dann in einen globalen UN-Fonds für Verkehrssicherheit fließen könnten, um Entwicklungsländern zu helfen, sich den Herausforderungen der Straßenverkehrssicherheit zu stellen.

So sehen unsere langfristigen Ziele aus. Diese werden nicht leicht zu erreichen sein. Dazu benötigen wir Verfechter auf den höchsten Ebenen, Lobby-Arbeit auf internationaler, nationaler sowie regionaler Ebene.

Wir müssen bessere Finanzierungsmechanismen entwickeln und die Überzeugung aufrechterhalten, dass wir einen Wandel erreichen können, wenn wir laut genug und mit einer Stimme sprechen.

Wir müssen Druck auf diejenigen ausüben, die die Auseinandersetzung mit dieser globalen Plage ständig aufschieben und sie als hinnehmbare und tragbare Verluste abschreiben, damit sie über den Tellerrand hinausblicken und die Pandemie vor ihrer eigenen Tür erkennen.

Biografie von Jean Todt

Jean Todt wurde im April 2015 von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon zum Sonderbotschafter für Sicherheit im Straßenverkehr ernannt. Seit 2009 ist er Präsident des Automobil-Weltverbands. Vorher hatte er die Sportaktivitäten bei Peugeot und Ferrari geleitet. Jean Todt setzt sich auch für zahlreiche wohltätige Zwecke ein, darunter insbesondere für das Institut für Gehirn- und Rückenmarksforschung und für die Suu Foundation.

1 Fédération Internationale de l’Automobile, die die Automobil- Motorsportklubs in 140 Ländern neu gruppiert.

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