"Druck wäre ohne Sieg größer": Dakar-Titelverteidiger Walkner im Interview

geteilte inhalte
kommentare
Autor: Gerald Dirnbeck
01.01.2019, 12:31

Wie Matthias Walkner an die Rallye Dakar 2019 herangeht und welche Erwartungen und Ziele der Österreicher hat. Das verrät er im Interview mit 'Motorsport.com'.

KTM-Werksfahrer Matthias Walkner kehrt an die Stätte seines größten sportlichen Erfolges zurück. 2018 gewann er als erster Österreicher die Motorradwertung der Rallye Dakar. Walkner wurde in seiner Heimat auf einen Schlag zu einem nationalen Sportstar und wurde zum dritten Mal zum Motorsportler des Jahres gewählt. Nun steht der 32-Jährige vor der Herausforderung Titelverteidigung. Im Interview mit 'Motorsport.com' spricht Walkner über seine Erwartungen, seine Gegner und seine Ziele bei der Rallye Dakar 2019, die vom 7. bis 17. Januar 2019 ausschließlich in Peru stattfinden wird.

Frage: "Matthias, ist Ihre Vorbereitung für die Rallye Dakar optimal verlaufen?"
Matthias Walkner: "Die ganze Vorbereitung ist richtig gut gelaufen. Ich kann sagen, dass ich von allen Dakars am fittesten und am besten vorbereitet bin. Ich mache jedes Jahr Leistungstests und die Referenzwerte sind richtig gut. Das ist auch für den Kopf wichtig, wenn man merkt, dass man gut vorbereitet ist."

Frage: "Sie kommen als Titelverteidiger nach Peru. Lautet damit das logische Ziel, wieder zu gewinnen?"
Walkner: "Nein, überhaupt nicht. Für mich ist das eher eine Entlastung vom Druck als eine Belastung. Ich habe schon das Rennen gewonnen, das jeder gewinnen will. Ich glaube, der Druck wäre größer, wenn ich noch nicht gewonnen hätte. Natürlich habe ich eine gewisse Erwartungshaltung und zähle mich zu den sieben, acht Fahrern, die gewinnen können. Aber die Dakar ist so lang und es gibt so viele Dinge, die man nicht selbst in der Hand hat. Von dem her ist es kein Spaziergang."

 

Frage: "Auf dem Papier gibt es viele Sieganwärter. Ihre KTM-Teamkollegen Sam Sunderland und Toby Price, die Honda-Fahrer Joan Barreda und Kevin Benavides. Dazu Adrien van Beveren mit der Yamaha und Pablo Quintanilla mit der Husqvarna. Es wird sicherlich ein großer Kampf?"
Walkner: "Ja, es wird wie in jedem Jahr extrem schwierig. Am Ende wird der ganz oben stehen, der die zwei, drei Navigationspunkte am besten liest oder auf sich selbst vertraut. Im Vorjahr hat von 5.000 Roadbookpunkten ein einziger das Rennen entscheiden. Mal schauen, ob es diesmal wieder so sein wird."

Frage: "KTM ist seit 17 Dakars ungeschlagen. Für 2018 gab es ein komplett neues Motorrad. Hat sich jetzt viel beim Bike verändert?"
Walkner: "Nicht viel, es ist zu 90 Prozent die gleiche Basis. Die Motorcharakteristik ist etwas anders, weil wir von Akrapovic einen neuen Auspuff bekommen haben, der etwas mehr Drehmoment und Spitzenleistung ermöglicht. Das ist im Sand sehr wichtig, weil der Boden viel Leistung schluckt. Das Fahrwerk und der Schwerpunkt wurde dementsprechend angepasst."

Reiz der Vergangenheit fehlt, aber es wird sicher schwierig

Frage: "Die Dakar findet erstmals nur in einem Land statt. Kritiker meinen, dass deshalb der Reiz der Vergangenheit fehlt. Was würden Sie diesen Kritikern entgegenhalten?"
Walkner: "Nichts, sie haben recht! Es wird sicher eine richtig schwierige Dakar, da braucht sich keiner etwas vormachen. Die Kilometer sind nur eine Angabe. Es ist ein Unterschied, ob man 1.000 Kilometer auf einer Autobahn fährt, oder 1.000 Kilometer durch Dünen. Man kann das nicht vergleichen."

"In Peru waren im Vorjahr mit Abstand die schwierigsten Tage. Die Dünen waren sehr tückisch, weich und durch das hohe Licht schwierig einzusehen. Aber die Höhe von Bolivien, der Regen und die WRC-ähnlichen Strecken in Argentinien fehlen. Die coolste Dakar war meine erste 2015, weil sie so facettenreich war. Innerhalb von zehn Tagen habe ich vom Meer bis zum Schnee alle vier Jahreszeiten erlebt. Das macht es aus. In diesem Jahr wird es mit 70 Prozent Dünen und Sand doch recht eintönig."

 

Frage: "Sie sprechen die ersten Etappen von 2018 an, als es in Peru für alle Teilnehmer extrem hart war. Wird es wieder so werden?"
Walkner: "Es wird sicher extrem schwierig. Jede Dakar ist schwierig, egal wie sie aussieht. Die langen Verbindungsetappen vermisse ich überhaupt nicht. Wir bewegen uns trotzdem in einem relativ engen Korridor, wodurch es eintöniger werden wird wie die Jahre zuvor. Für mich hat es das immer ausgemacht, dass man in 14 Tagen so viel sieht wie in fünf Jahren Motocross nicht. Ich bin gespannt und hoffe, dass ich eines Besseren belehrt werde. Falls nicht, kann ich vielleicht sagen, dass ich die letzte richtige Dakar gewonnen habe." (lacht; Anm. d. Red.)

Walkner sicher: Es wird ein taktisches Rennen

Frage: "Die Navigation wird bei den ersten Startern in der Wüste sehr wichtig, der Rest kann den Spuren folgen und aufholen. Erwarten Sie von Tag zu Tag ein taktisches Rennen?"
Walkner: "Ja, gut erkannt. Es wird schwierig wie man das anlegt. Verlässt man sich auf die ersten drei Fahrer und versucht Zeit gutzumachen, oder navigiert man mit, falls sich jemand vorne verfährt."

"Im Vorjahr ist meine Taktik aufgegangen, aber sie muss nicht immer funktionieren. Ich bin mir sicher, dass es zwei, drei Chaostage geben wird, wo der Erste eine falsche Spur legt und alle anderen mitfahren. Man muss dann bei denen dabei sein, die es als erste kapieren. Ich weiß noch nicht genau, wie ich das anlegen werde. Ich schätze, man muss das hohe Tempo mitgehen."

"Wer als Erster die Piste eröffnet, wird von einem anderen eingeholt und abgelöst. Dieser muss dann die Navigation übernehmen. Wenn es eine schwierige Düne ist, reden wir von einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 50 km/h. Wenn man sechs, sieben Stunden nur Dünen fährt, dann ist es richtig hart."

 

Frage: "Die Startnummer 1 steht natürlich speziell im Fokus und erhält die mediale Aufmerksamkeit. Ist das etwas Besonderes?"
Walkner: "Das brauche ich nicht unbedingt, aber es ist ein positiver Nebeneffekt. Direkt vor der Rallye würde ich mich lieber auf das Rennen konzentrieren als durchgereicht zu werden. Das gehört aber dazu. Natürlich freue ich mich, wenn Interesse an meiner Person herrscht."

Frage: "Die Erwartungshaltung ist speziell in Österreich groß. Wie gehen Sie damit um?"
Walkner: "Ich glaube nicht, dass jemand Wunderdinge erwartet. Wer sich für meine Person interessiert, der weiß, dass das nicht von irgendwo herkommt und ich immer bestmöglich vorbereitet in solche Rennen gehe. Es kann aber nur einen Sieger geben. In den beiden Wochen werde ich alles geben. Wenn das nur für den sechsten Platz reicht, darf die Welt nicht untergehen. Für mich ist wichtig, dass ich mir nachher keinen Vorwurf machen kann."

Frage: "Wie lange wollen Sie noch die Dakar fahren und wäre ein Umstieg auf ein Auto in Zukunft denkbar?"
Walkner: "Denkbar schon, aber mal schauen wie lange es noch Spaß macht, die Motivation besteht und wie es körperlich mit Verletzungen aussieht. Ich hoffe schon, dass ich noch das eine oder andere Jahr machen kann. Dann wäre ich schon offen für einen Test mit einem Auto. Aber nur weil ich gut Motorradfahren kann, muss das nicht heißen, dass ich auch im Auto begabt bin. Aber einen Versuch wäre es schon wert. Derzeit habe ich aber so viele Baustellen, dass ich daran noch nicht denken kann."

Nächster Artikel
Kommentare laden