DTM-Boss Berger über mögliches Audi-Aus: "Brauchen wir noch Motorsport?"

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DTM-Boss Berger über mögliches Audi-Aus: "Brauchen wir noch Motorsport?"
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19.02.2020, 12:16

DTM-Boss Gerhard Berger im Interview über den möglichen Audi-Ausstieg: Warum er nicht dementiert und der Motorsport abseits der Formel E auf dem Spiel steht

Der mögliche DTM-Ausstieg von Meister Audi nach der Saison 2020 hält die traditionsreiche Rennserie in Atem. Weil der Vertrag der Ingolstädter mit der DTM-Dachgesellschaft ITR Ende des Jahres ausläuft und ein paralleler Verbleib in DTM und Formel E wegen geplanter Sparmaßnahmen und der Transformation des Volkswagenkonzerns in Richtung Elektromobilität als sehr unwahrscheinlich gilt, müssen sich die Ingolstädter nach der Saison 2020 für eine der beiden Rennserien entscheiden.

Alles spricht für die Formel E, wie wir am Dienstag berichtet haben. Doch wie sieht DTM-Boss Gerhard Berger die angespannte Lage? 'Motorsport.com' hat den Österreicher, der seit 2017 ITR-Vorsitzender ist, im ausführlichen Interview in seinem Büro in Wörgl mit den Entwicklungen hintern den Kulissen Audis konfrontiert, die die Zukunft der DTM gefährden. Und Berger dementiert nicht.

Frage: "Herr Berger, wir haben aus sicherer Quelle erfahren, dass bei Audi nach dieser Saison DTM und Formel E parallel nicht mehr vorstellbar sind. Intern wird die Formel E extrem gepusht, der Werkssport wird vom Entwicklungsbereich in die Audi Sport GmbH ausgelagert. Steigt Audi 2021 aus der DTM aus?"

Gerhard Berger: "Dass die DTM jetzt der Audi Sport GmbH unterstellt ist, sehe ich überhaupt nicht als Problem, aber es ist in der Tat die Diskussion im Gange, ob wir überhaupt noch Motorsport brauchen."

"Ich als Hardcore-Motorsportler würden die Formel E nicht unbedingt in die Kategorie Motorsport einordnen. Wir schätzen sie als Marketingplattform und der Promotor macht einen guten Job. Ob diese E-Mobilität auch so nachhaltig und so toll ist, das ist wieder ein eigenes Thema, aber abgesehen davon, muss man das jetzt einfach den Konzernen überlassen. Nur die Konzern-Insider wissen, was sie für ihre Marke langfristig als richtig ansehen. Dazu will ich mich eigentlich nicht äußern."

Gerhard Berger und Sven Haidinger

Motorsport.com-Reporter Haidinger sprach mit Gerhard Berger in dessen Büro

Foto: Sven Haidinger (smg)

Frage: "Wie wichtig ist die DTM für eine Marke wie Audi aus Ihrer Sicht?"

Berger: "Audi ist nicht nur ein Teilnehmer auf unserer Plattform, sondern über die ITR auch ein voll verantwortliches und mitgestaltendes Mitglied. Und die DTM ist nach der Formel 1, der NASCAR und der MotoGP eine der größten Plattformen, die es überhaupt im Motorsport gibt."

"In Europa ist die DTM mit Sicherheit mit Abstand die größte. Wir haben im Jahr 600.000 Leute, die auf der Rennstrecke die Rennen ansehen. Wir haben jedes Rennen fast eineinhalb Millionen TV-Zuschauer - alleine im deutschsprachigen Raum."

"Das ist ein Gut, das Audi und BMW besitzen, das natürlich auch in diese Entscheidung miteinzubeziehen ist. Letztlich müssen die Hersteller entscheiden, wie sie diese Plattform bespielen möchten. Wenn man sie aufgeben würde, wäre das nicht ersetzbar."

Frage: "Wenn es weg ist, ist es weg."

Berger: "Genau. Für mich ist das nicht nur die Entscheidung: Mache ich Formel E oder DTM? Sondern man würde auch jedes zweite Wochenende auf eineinhalb Millionen Leute - und somit Kontakte - verzichten, die meine Marke anschauen. Und auf 600.000 Leute vor Ort, die jedes Jahr auf die Plattform kommen, um meine Marke zu bewundern. Das hat also schon eine größere Tragweite."

Mercedes, HWA

Mercedes-Ausstieg 2018: Berger sieht grundlegenden Unterschied zu Audis Lage

Foto: LAT

Frage: "Auch Mercedes hat sich für die Formel E und gegen die DTM entschieden."

Berger: Ja, aber dort war die Argumentation, dass man sich nicht mehr drei Motorsport-Projekte leisten will, sondern nur noch zwei. Man hat also sinngemäß gesagt: 'Die Formel 1 ist gesetzt, das ist die Plattform, auf der wir Emotion und Sportlichkeit bewerben. Die DTM erfüllt einen ähnlichen Bereich, aber die Formel E erfüllt etwas Anderes. Darum ist es sinnvoll, auf Formel 1 und Formel E zu setzen, weil sich das ergänzt. Darum müssen wir die DTM aufgeben.'"

Frage: "Wie sehen Sie das bei Audi? "

Berger: "Wenn man auf die DTM alleine zugunsten der Formel E verzichten würde, schwächt man womöglich seine Sportlichkeit - und schwächt damit auch den Bereich, in dem du die Emotion mitnimmst. Denn das Thema Emotionalität, Leidenschaft ist bei der Formel E meiner Meinung nach momentan nur sehr begrenzt vermittelbar."

"Die Autos sind heute noch zu langsam und dadurch zu unspektakulär. Außerdem sind sie Formel-Fahrzeuge, wodurch der klare optische Bezug zum Serienmodell fehlt. Dann schränkst du die sportliche Basis einer Marke ein."

"Natürlich kannst du dann sagen: 'Das interessiert mich in Zukunft nicht mehr, wir brauchen die Sportlichkeit und die Emotion nicht mehr. Stattdessen setzen wir nur noch auf Elektromobilität.' Das könnte eine Herangehensweise sein, aber das ist nicht meine Entscheidung."

Frage: "Wie laufen die Gespräche mit Audi?"

Berger: "Gut. Ich habe mit allen ein gutes Verhältnis und muss sagen, dass ich bei Audi und bei BMW immer offene Türen eingerannt bin. Ich gehe aber mit offenen Augen durchs Leben und stelle mich auch der grundsätzlichen Frage: Braucht man in der Zukunft überhaupt noch Motorsport?"

Frage: "Wie lautet Ihre Antwort?"

Berger: "Ein ganz eindeutiges Ja! Das ist eine interessante Diskussion, denn ich bin der Meinung, dass Emotion und Sportlichkeit bei einer Automarke erst über den Motorsport kommen. Das ist auch der Grund gewesen, warum Mercedes irgendwann entschieden hat, richtig Formel 1 zu machen und heute so ein sportliches Image hat."

"Als Kind war der Audi für mich das schlimmste Auto. Heute ist der Audi eines der tollsten Autos überhaupt." - Gerhard Berger

"Ich habe meine Zweifel, ob man eine Automarke ausschließlich durch Sport-Sponsorings außerhalb des Motorsports mit Sportlichkeit aufladen kann. Das gelingt nur über den Automobilrennsport - egal ob Formel 1, DTM oder IndyCar. Ich verfolge die Diskussionen über die Zukunft des Verbrennungsmotors und des Motorsports sehr interessiert. Ich bin gespannt, wo die Reise hingeht."

Frage: "Sind Sie zuversichtlich, dass sich Audi weiterhin für die DTM entscheidet?"

Berger: "Ja. Dazu fällt mir etwas Lustiges ein: Als Kind war der Audi für mich das schlimmste Auto. Jeder kennt das mit dem Hut hinten auf der Ablage. Heute ist der Audi eines der tollsten Autos überhaupt. Und eine sportliche Marke. Jedes Mal, wenn ich mir in Kitzbühel die Audi-Palette anschaue, bin ich begeistert. Wenn ich mich zurückerinnere: Wann ist Audi bei meinen Freunden und in meinem Kopf plötzlich eine coole Marke geworden?"

Walter Röhrl

Rallye-Ass Walter Röhrl im legendären S1: Die Geburt von Audi als sportliche Marke

Foto: LAT

Frage: "Vermutlich mit Walter Röhrl Anfang der 1980er-Jahre ..."

Berger: "Mit Walter Röhrl - keine Frage! Und wenn man sich anschaut, wie Audi die Sportlichkeit gewonnen hat - Aluminium, Audi quattro, Rallye, Pikes Peak, DTM -, dann sollte man so etwas nicht ignorieren, wenn man nach vorne denkt. Denn dann macht man die Rechnung ohne Wirt. Ich persönliche glaube, das geht schief."

Frage: "Ist es ein Argument für Audis DTM-Verbleib, dass man eigentlich mit Porsche eine Schwesternmarke in der Formel E hat und sich so gegenseitig bekriegt?"

Berger: "Das ist eine Philosophiefrage. Das muss der Konzern selbst entscheiden, wo die Vorteile liegen, wenn zwei eigene Marken gegeneinander antreten. Das hat im VW-Konzern ja Tradition: Porsche fuhr schon früher in Le Mans gegen Audi."

"Ich habe es nie so richtig verstanden, denn einer wird immer der Verlierer sein, und der andere hat das Geld umsonst ausgeben. Aber es kann natürlich sein, dass man Ingenieure beflügelt, weil sie untereinander im Wettbewerb mehr leisten und bessere Ideen haben. Ich kenne die Hintergründe zu wenig. Andere Marken machen das nicht."

Frage: "Ist die DTM tot, wenn Audi aussteigt?"

Berger: "Nein. Man muss hier auch unterscheiden. Die DTM ist eine starke Plattform. Was ich damit meine: An einem DTM-Rennwochenende fahren neben der Rennserie DTM auch zahlreiche andere Rennserien - mit einer großen Markenvielfalt. Dieses Jahr kommt unsere eigene DTM-Trophy noch dazu."

"Wir sprechen hier also nicht ausschließlich über die DTM mit Class-1-Fahrzeugen. Sollte Audi eine negative Entscheidung treffen, dann rechne ich damit, dass sie es wie Mercedes machen und uns ordentlich Vorlaufzeit einräumen. Auch in ihrem eigenen Interesse, denn es ist ja auch ihre Plattform."

Audi, BMW

Nach dem R-Motorsport-Ausstieg bleiben Audi und BMW in der DTM übrig

Foto: ITR

Frage: "Bis wann wäre eine Entscheidung notwendig?"

Berger: "Ich kenne die Entscheidungsprozesse und die damit verbundenen Timings bei Audi nicht. Ich bin aber immer zuversichtlich - das liegt in meinem Naturell. Und beschäftige mich dann damit, wenn es anders kommt als ich hoffe und glaube. Ich glaube aber, dass die DTM eine unglaublich starke Fangemeinde hat. Das hat man beim Mercedes-Ausstieg gesehen."

"Wenn ich sage, dass dieser gar nichts ausgemacht hat, dann stimmt das nicht, denn ich glaube, mit Mercedes wären wir heute noch viel weiter. Wir sind aber zumindest dank der treuen DTM-Fans nicht zurückgefallen."

Frage: "Kann man das Thema Motorsport überhaupt isoliert betrachten? Die DTM ist schließlich eng mit der deutschen Automobilindustrie verbunden."

Berger: "Ganz richtig. Ich finde es interessant zu beobachten, wie in Deutschland in der Diesel- und Abgasthematik eine Dynamik in Gang gekommen ist, mit der man so viel kaputt macht."

"Kein Mensch kann mir erzählen, dass ausgerechnet das Land mit der über viele Jahre besten Technik im Automobilbau plötzlich nicht mehr in der Lage war, diese Bestimmungen zu leisten, während das alle anderen - die Amerikaner und die anderen Europäer - perfekt hinbekommen haben. Trotzdem existiert das Thema gefühlt nur in Deutschland."

"Und es weitet sich aus und richtet so einen Schaden an, auch wenn es um viele Arbeitsplätze geht, dass es schon fast nicht mehr im Verhältnis zu dem steht, was wirklich falsch gemacht wurde. Keine Frage, das war alles nicht in Ordnung und die Fehler, die passiert sind, gehören geahndet. Dennoch haben die Automobilhersteller auf der ganzen Welt mit der gleichen Problematik gekämpft, aber richtig unter die Räder kommt die deutsche Automobilindustrie."

"Die DTM-Plattform ist ein Glied in der deutschen Automobilindustrie, auf der man sich und seine Technik präsentieren kann. Und die eine Reichweite hat, auf der man die Kunden in einer Größenordnung trifft, wie es sie nur zwei, drei Mal im Automobil-Rennsport auf der Welt gibt. Und auch da ist es aus meiner Sicht so, dass man sein Gut zu wenig schätzt - ein bisschen wie der Prophet im eigenen Land."

Neel Jani, Daniel Abt

Die Volkswagen-Marken Porsche und Audi bekämpfen einander in der Formel E

Foto: LAT

Frage: "Sie haben nach dem R-Motorsport-Ausstieg gesagt, es gäbe gute Gespräche mit Herstellern."

Berger: "Ja, wobei das alles wenig nützt, solange keiner sagt, er macht jetzt DTM. 2022 startet bei uns durch den Hybrid eine neue Generation. Vielleicht ist das nochmal ein zusätzlicher Anreiz für neue Hersteller, auch im Zusammenspiel mit einem synthetischen Kraftstoff. Das ist auch eine große Chance für uns alle."

Frage: "Müssen Sie bis Mitte des Jahres einen dritten Hersteller finden?"

Berger: "Nein, aber ich bemühe mich gerne. Im Prinzip sind wir - Audi, BMW und ich - ein Dreiergremium in der ITR. Wir können das Thema DTM nur gemeinsam vorantreiben. Darum wehre ich mich ein bisschen dagegen, dass das nur meine Aufgabe ist."

"Klar tue ich mein Möglichstes, aber meine Aufgabenbeschreibung war ursprünglich, Audi, BMW und Mercedes zu unterstützen, das Thema voranzubringen - nicht, neue Hersteller zu finden. Dennoch ist es für mich okay, dass das noch dazukommt."

Frage: "Gibt es eine Deadline? Denn die Hersteller müssen sich für 2021 auch entscheiden, ob sie dabeibleiben."

Berger: "Ich glaube, man muss die Sache umdrehen: Wenn Audi und BMW sagen: Wir stehen hinter der DTM, weil sie ein tolles Produkt ist, von dem wir profitieren und mit dem wir unsere Marken sportlich aufladen, dann könnte das auch bei anderen für Interesse sorgen."

"Die sagen dann: Wenn Audi und BMW das so sehen, dann sollten wir uns das auch einmal genauer ansehen. Wenn einer aber überlegt, nur noch Elektro zu machen, dann erzeugt das eine Außenwirkung, bei der man sich das als potenzieller Neueinsteiger noch einmal überlegt. Wichtig wird, Mitte des Jahres einmal zu sehen: Wie stark stehen Audi und BMW zur DTM?"

Mit Bildmaterial von LAT.

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Rennserie DTM
Autor Sven Haidinger