Handwerkskünstler: Auf eine schnelle Runde mit Alessandro Zanardi

Mit Alessandro Zanardi im DTM-Renntaxi um den Hockenheimring: Stefan Ziegler berichtet von einer rasanten und vor allem eindrucksvollen Fahrt.

„Hello, my friend! I have good news for you. The tires are warm…”

Und kaum hat Alessandro Zanardi diese Begrüßungsworte an mich gerichtet, beginnt unser kleines Abenteuer auch schon.

Ich sitze zur Rechten des italienischen Rennfahrers im engen Cockpit des BMW M4 DTM, dem Renntaxi beim DTM-Saisonfinale in Hockenheim, im nachgerüsteten Beifahrersitz. Ausgestattet mit Overall, Handschuhen, Helm und HANS. Fest im Sitz verankert durch den Fünfpunktgurt, der mich in den Schalensitz presst.

Gerade habe ich von der Crew meine Schultergurte noch ein wenig enger machen lassen. Einem inneren Instinkt folgend, dass sich diese Entscheidung vielleicht noch bezahlt machen könnte. Denn jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Die Türen sind geschlossen. Und auf ein Zeichen unseres Renningenieurs hin lässt Alessandro den Motor unseres Rennwagens an.

Plötzlich kommt Leben in die Bude, es grummelt und grollt. Und mein Körper vibriert im Einklang mit dem Motor, der eben schon zwei schnelle Runden auf dem Hockenheimring befeuert hat. Ein Erlebnis, das mir nun ebenfalls bevorsteht.

Alessandro zögert auch nicht, als ihm das Signal zum Losfahren erteilt wird. Es klackt laut, als er den Gang einlegt. Dann heult der Motor auf und wir schlittern los, hinaus auf die Rennstrecke.

Und ich erschrecke! Weil mich die krasse Beschleunigung aus der Boxengasse heraus völlig überrascht. Tatsächlich bleibt mir für einen Moment die Luft weg, ein bisschen schwummrig ist mir auch!

Doch dann haben wir schon die Nordkurve hinter uns gelassen und rauschen auf die Einfahrt zur Parabolica zu. Ich atme wieder. Und sammle mich. Schließlich war das nur der Anfang.

Alessandro muss ein dickes Grinsen unter seinem Helm gehabt haben, als er mir mit nach oben gerecktem Daumen die Frage zu stellen scheint: „Na, alles klar?“

Natürlich! Irgendwie…

Also halte ich meinen behandschuhten Arm ebenfalls in die Höhe, zeige meinen Daumen, lasse die Hand aber alsbald wieder in meinen Schoß fallen. Denn Alessandro steht inzwischen auf der Bremse. Und ich hänge in den Gurten.

Der Head and Neck Support, kurz HANS, ist schon eine feine Sache, denke ich mir in diesem Augenblick. Klar wusste ich, dass er für die zweite Kurve bremsen würde. Aber das harte Manöver war dennoch meine zweite Überraschung auf unserer Fahrt.

In der Parabolica, auf der es erstaunlich holpert und wir uns dem Topspeed nähern, nehme ich mir fest vor, mich nicht erneut von der Bremszone reinlegen zu lassen. Das gelingt auch – beinahe. Der Ruck ist wieder heftiger als ich gedacht hatte!

Doch ausgangs der Haarnadelkurve spüre ich die Beschleunigung nicht sehr intensiv, weil Alessandro gar kein Vollgas geben kann: Vor uns fährt das Audi-Renntaxi. Und wir haben bereits aufgeschlossen.

Es scheint sich ein kleiner Zweikampf anzubahnen, als wir auf die Mercedes-Tribüne zufahren. Doch weil der Vordermann keine Anstalten macht, uns vorbeizulassen, gibt es in unserem M4 wiederum ein Handzeichen. Dieses Mal heißt es wohl: „Mamma mia!“

Und Alessandro nimmt Tempo raus, geht auf Abstand. Schade! Aber die wenigen Sekunden auf Halbgas geben uns wieder neuen „Spiel“-Raum. Und schon lässt mein Chauffeur das Auto wieder richtig fliegen.

Doch es ist wie verhext: Kaum haben wir das schöne Motodrom durchfahren, schon hängen wir wieder hinter dem Renntaxi der Konkurrenz.

Immerhin: Das gibt mir die Gelegenheit, zu beobachten, wie Alessandro seinem Handwerk nachgeht. Und das meine ich ganz buchstäblich: Mit einem Ring am Lenkrad dosiert er das Gas. Die Bremse wiederum bedient Alessandro mit der rechten Prothese.

Es erstaunt mich, mit welcher Leichtigkeit er dieses wilde Rennfahrzeug bewegt.

Und wie viel Racer in ihm steckt, obwohl das hier nur eine Taxifahrt ist.

Denn als wir ein zweites Mal über die Parabolica rauschen, zeigt sich Alessandro schon im Rückspiegel unseres Vordermanns. Und der scheint die Botschaft verstanden zu haben.

Oder doch nicht? Im Anflug auf die Mercedes-Tribüne gibt es ein kleines Katz-und-Maus-Spiel. Ich bin verblüfft über den Zweikampf, der sich vor meinen Augen abspielt! Und ich bin mittendrin!

So erlebe ich aus erster Hand, wie sich ein Überholmanöver anfühlt.

Alessandro steuert unseren M4 vor der Mercedes-Tribüne innen neben den Audi, der uns passieren lässt. Und damit haben wir freie Fahrt bis zum Ende unserer Tour.

Ich genieße nochmals die Beschleunigung, das „Räubern“ über die Randsteine, das Ruckeln beim Anbremsen und das Gefühl, Teil einer lebendigen Maschine zu sein. So ein DTM-Auto ist wirklich ein ganz feines Sportgerät!

Und dann fahren wir auch schon wieder in die Boxengasse ein. Die Beifahrertür wird ausgehängt, die Crew schnallt mich ab. Mit dem rechten Fuß werfe ich den „Anker“ und ziehe mich am Überrollkäfig hinaus aus dem Auto.

Ich beuge mich nochmals ins Cockpit und sage: „Thank you for the ride, Alex!“ Er antwortet: „My pleasure!“

Und das nehme ich ihm auch ab!

Jetzt ein Teil von etwas Großem werden!

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Rennserien DTM
Fahrer Alex Zanardi
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