Kolumne: Gary Paffett – Ich, mein Leben und die DTM-Saison 2016

Mercedes-Fahrer Gary Paffett schreibt in seiner ersten Kolumne für Motorsport.com über seine Anfänge im Motorsport, seine Racing-Mentalität und darüber, was ihm in der DTM gegen den Strich geht!

Liebe Leser von Motorsport.com,

in wenigen Tagen fahre ich erstmals mit meinem neugestalteten Mercedes-AMG C63 DTM aus der Box. Das Auto sieht klasse aus! Es ist vermutlich das schönste DTM-Fahrzeug, das ich je gefahren bin.

Doch ehe ich vorgreife, möchte ich mit Euch einen kleinen Ausflug in die Vergangenheit unternehmen. Lasst uns doch mal eben 25 Jahre zurückgehen!

Die Anfänge

Im Alter von neun Jahren fuhr ich meine ersten Kartrennen. Mein Vater ist ein großer Motorsport-Fan und noch dazu ein sehr ordentlicher Klubsport-Fahrer. Seine Leidenschaft führte dazu, dass er mir ein Kart kaufte, als ich acht Jahre alt war. Und so hat alles begonnen.

Ich stamme aus einer bodenständigen Familie. Wir hatten nicht viel Geld, das wir für meine Rennkarriere hätten aufwenden können. Doch nach zwei erfolgreichen Jahren in der nationalen britischen Meisterschaft hatte ich die Aufmerksamkeit eines großen britischen Kartteams auf mich gelenkt.

Das war mein Glück, denn man Vater hatte bis dahin fast sein gesamtes Geld eingesetzt. Ab diesem Zeitpunkt aber wurde ich von Zipkart und Martin Hines unterstützt. Sie standen mir anschließend fast zehn Jahre lang zur Seite, bis ich 2002 den Titel in der deutschen Formel 3 gewonnen hatte.

Wie ich schon sagte: Ich war ein normaler Junge aus einem kleinen Dorf im ländlichen England. Meine Familie ist nicht reich und mein Vater war auch kein Rennfahrer. Ich hatte nur hart arbeitende Eltern und eine ältere Schwester.

 

Wir reisten als Familie und mit der gesamten Ausrüstung im Kofferraum unseres Vans durch das ganze Land. Wir schliefen in einem Zelt. Es war eine großartige Zeit. Wir hatten viel Spaß mit unseren Freunden und es war überhaupt nicht politisch. Übrigens traf ich im Alter von 14 Jahren sogar erstmals meine spätere Ehefrau Lisa – an einer Kartstrecke.

Ich fuhr zunächst in den Nachwuchsklassen im Kartsport und gewann einige nationale Titel, ehe ich im Winter 1997 den Sprung ins Formelauto wagte. Ich siegte 1998 und 1999 in der Formel Vauxhall, erst in der B- und dann in der A-Wertung. Zur Saison 2000 wechselte ich in die Formel 3.

2001 trat ich erstmals außerhalb von Großbritannien in einer Rennserie an, als ich der deutschen Formel 3 beitrat. Das war eine gewaltige Veränderung für mich. Hauptsächlich, weil ich mit einem Team arbeitete, das eine fremde Sprache sprach. Ich verstand kein Wort. Außerdem lebte ich fern meiner Familie und meiner Freunde. Das war auch nicht einfach für mich.

Ich fuhr damals für das Rosberg-Team. Und dort wurde ich auch sehr herzlich aufgenommen. Es stellte sich heraus: Dieser Schritt war die beste Entscheidung meines Lebens!

Bildergalerie: Gary Paffett

Ich siegte 2002 in der deutschen Formel 3 und erhielt nach Saisonende die Chance, ein DTM-Auto von Mercedes-Benz zu testen. Der Test lief gut und ich wurde DTM-Stammpilot. 2003 fuhr ich einen Mercedes-Jahreswagen in der DTM, der wiederum vom Rosberg-Rennstall eingesetzt wurde.

Damals wusste ich noch nicht, wohin all dies führen würde. Und ich hätte mir sicherlich niemals träumen lassen, 13 Jahre später noch immer hier zu sein!

Mein Leben und ich

Ich habe Euch bereits über meinen Werdegang berichtet und wie ich als ganz normaler Junge aufwuchs. Dieser normale Junge bin ich noch immer. Ja, ich habe nun vielleicht ein größeres Haus mit einem größeren Fernseher als damals, aber ich bin sehr bodenständig und meinen Wurzeln treu geblieben.

Ich sehne mich nicht nach der Berühmtheit, die dir als Topsportler automatisch zuteilwird. Vielmehr bin ich immer wieder überwältigt, wenn die Fans zu mir kommen, um Autogramme zu erhalten oder ein Foto mit mir zu machen.

Seit zehn Jahren bin ich mit meiner Frau Lisa verheiratet. Sie ist zugleich meine beste Freundin. Wir haben drei Söhne: Harvey, Freddie und Alfie. Wir leben in einem alten Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert, in einer kleinen Ortschaft im ländlichen Suffolk. Wir lieben die Ruhe auf dem Land. Und wir sind bekannt dafür, einige Haustiere zu haben. Mein guter Freund Mattias Ekström nennt unser Haus daher auch immer den „Bauernhof“.

Ich war schon immer sehr wettbewerbsorientiert – bei allem, was ich tue. Ich denke, genau deshalb war ich in meiner bisherigen Rennkarriere so erfolgreich. Denn ich kann es einfach nicht leiden zu verlieren.

 

Als ich noch Kartfahrer war, übte ich alle möglichen Sportarten aus. Das ist mir bis heute geblieben. Wir sind oft auf dem Tennisplatz oder spielen eine Runde Golf. Solange es einen Wettbewerbscharakter hat, bin ich dabei und probiere wirklich alles aus!

Zu meinem Training gehört übrigens auch Fahrradfahren. Ich bin möglichst oft auf dem Fahrrad unterwegs – und trainiere ebenso oft im Fitnessstudio, um die Kraft und die Ausdauer für meine Renneinsätze zu haben.

Scheinbar hat mein Sportsgeist auf unsere drei Söhne abgefärbt. Sie sind unheimlich sportlich. Und meist stehe ich direkt am Spielfeldrand, wenn sie aktiv sind, und feuere sie an.

In der Schule spielen sie Rugby, Hockey, Kricket und Tennis im nahegelegenen Haverhill Tennisklub. Es macht mir große Freude, sie aufwachsen zu sehen und ihre Fortschritte zu verfolgen. Ich habe so viel Spaß daran, dass ich kürzlich der Vorstandschaft des Tennisvereins beigetreten bin. Jetzt leite ich eine der Mannschaften, in der zwei meiner Jungs Tennis spielen.

So gern ich gewinne, so fest glaube ich an Fair Play. Es gibt einen Unterschied zwischen einem fairen Sieg und einem Sieg um jeden Preis. Denn Letzteres kann auch bedeuten, man agiert unfair oder regelwidrig.

In meiner Karriere gab es gewisse Momente, da hätte ich mehr erreichen können, wenn ich nur ein größeres Risiko eingegangen oder wenn ich noch abgebrühter gewesen wäre. Ich versuche aber stets, mich an die Regeln zu halten und meine Konkurrenten zu respektieren. Ich glaube: Da könnt Ihr meine DTM-Kollegen befragen. Sie werden es Euch bestätigen.

Fotostrecke: Die DTM-Fahrer 2016

Es gibt aber auch ein paar Dinge, die mir an dem Sport, den ich betreibe, nicht gefallen. Erstens ist der Spitzenmotorsport zu politisch. Außerdem ist nicht jeder ehrlich und aufrichtig, so wie ich es bin.

Ich habe großes Vertrauen in meine jetzigen Mercedes-DTM-Teamkollegen, dass sie ehrlich und vertrauenswürdig sind. So war es aber nicht immer. Mit einigen meiner ehemaligen Teamkollegen konnte man kaum zusammenarbeiten. Und als sie weitergezogen waren, wurde das Team zu einem viel besseren Umfeld.

Die DTM-Saison 2016

2015 war eine interessante Saison für mich. Ich war ab 2009 sowie 2004 und 2005 für HWA angetreten. Daher hatte ich durchaus gemischte Gefühle, als ich im vergangenen Jahr zum neuen Team ART Grand Prix wechselte. Es war nicht einfach, das Team zu verlassen, mit dem ich so lange gearbeitet hatte. Und bei ART kannte ich niemanden außer Fred Vasseur.

Ich hatte mit Fred gesprochen, ehe die Entscheidung getroffen wurde. Sein Ehrgeiz und seine Motivation für das DTM-Projekt haben mich beruhigt. ART war noch in jeder Rennserie erfolgreich, in der das Team angetreten ist. Dergleichen wollen sie auch in der DTM schaffen. Ich war von Anfang an beeindruckt von der ganzen Mannschaft. Die Ingenieure um Gaetan Jego sind wirklich talentiert und die Mechaniker arbeiten unheimlich hart.

Zu Saisonbeginn hatten wir ein paar Probleme. Kinderkrankheiten könnte man es nennen. Aber wir kamen schnell auf Tempo und waren regelmäßig unter den schnellsten Mercedes-Autos. Wir haben zwar kein Rennen gewonnen, aber immerhin drei Podestplätze erzielt. Und beim Finale in Hockenheim standen wir auf der Pole-Position. Wir erreichten alles, was wir uns für das erste gemeinsame DTM-Jahr vorgenommen hatten.

 

Und jetzt ist 2016. Wir sind viel besser vorbereitet. Das Team hatte nun ein Jahr lang Zeit, sich an die Rennserie zu gewöhnen. Die Ingenieure wissen jetzt, wie man die Leistung aus dem Auto herausholt.

Wir treten in diesem Jahr mit einem neuen Autodesign an, das sich am Design des C-Coupé-Serienautos orientiert. Den Designern und den Ingenieuren hat das ein paar zusätzliche Hausaufgaben beschert, damit wir mit dem neuen Fahrzeug an die Leistung des Vorjahresautos anknüpfen können.

Die Wintertests liefen ganz okay. Wir hatten ein paar Zuverlässigkeitsprobleme, die uns ziemlich viel Streckenzeit gekostet haben. Doch die Leistung schien in Ordnung zu sein. Ich war zufrieden mit unserem Arbeitspensum in dieser kurzen Zeit.

Es dürfte – wie immer – sehr eng werden in diesem Jahr. Das Feld liegt in der DTM ungeheuer eng beisammen. Und da BMW ein paar „Zugeständnisse“ gekriegt hat, könnte uns durchaus ein schwieriges erstes Rennwochenende in Hockenheim bevorstehen.

Ich bin eigentlich nicht damit einverstanden, was BMW da machen durfte. Ich halte das für ein bisschen unsportlich, vermute aber, die Entscheider hatten das Gefühl, etwas tun zu müssen, um BMW bei der Stange zu halten, nachdem BMW im vergangenen Jahr ziemliche Probleme gehabt hatte.

 

Es gab auch ein paar kleinere Änderungen am sportlichen Reglement, um das Racing in dieser Saison zu verbessern. Gemeinsam mit Timo Scheider und Martin Tomczyk bin ich einer von drei Herstellervertretern der DTM-DA (Fahrergewerkschaft der DTM). Wir haben die DTM-DA ins Leben gerufen, damit die Fahrer ein Mitspracherecht bei den Entscheidungen bezüglich der DTM-Regeln haben können. Über den kompletten Winter hinweg haben wir gemeinsam mit DMSB und ITR daran gearbeitet, was der Rennserie unserer Meinung nach weiterhelfen könnte.

Wir sind nur etwas verärgert darüber, dass viele unserer Punkte, von denen wir glauben, sie hätten der DTM gut getan, nicht verwirklicht oder gar nicht beachtet worden sind. Die DTM-DA ist aber noch eine sehr junge Vereinigung und wir hoffen, wir gewinnen in der Zukunft weiter an Einfluss.

Die kleinen Änderungen beim Ballastsystem und bei der Nutzung von DRS dürften das Racing verbessern. Vor allem die Performance-Gewichte sollten helfen, die Autos auf ein ähnliches Niveau zu bringen. Das bedeutet wiederum, der Fahrer rückt mehr in den Mittelpunkt. Ansonsten darf man nicht erwarten, dass es wesentlich anders laufen wird als in der vergangenen Saison.

Vor uns liegt ein schwieriges Jahr. Das ist aber nicht weiter überraschend, bedenkt man das hohe fahrerische Niveau in der Rennserie. In jedem Fall kann ich Euch versprechen: Ich werde alles geben, um am Ende zum zweiten Mal in meiner Karriere DTM-Champion zu sein!

Euer
Gary Paffett

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