Kolumne: Gary Paffett – Kein Saisonstart, wie man ihn sich wünscht…

Mercedes-Fahrer Gary Paffett schreibt in seiner Kolumne für Motorsport.com, wie sich der Auftakt zur DTM-Saison 2016 aus seiner Sicht dargestellt hat und warum er mit dem Wochenende in Hockenheim nicht ganz zufrieden sein kann.

Liebe Leser von Motorsport.com,

zum ersten Rennwochenende des Jahres nach Hockenheim zu kommen, ist immer ein ganz besonderes Gefühl. Das war 2016 nicht anders. Denn schon als wir am Donnerstag unseren Trackwalk absolvierten, wurden wir von einigen Autogrammjägern erwartet. Sie hatten sich am Eingang zum Fahrerlager postiert und waren erpicht darauf, uns Fahrer zu treffen.

Gemeinsam mit meinen Ingenieuren ging ich anschließend auf die Strecke. Das machen wir vor jedem Rennwochenende. Nur so kannst du dir einen genauen Eindruck von jeder einzelnen Kurve verschaffen. Außerdem ist der Trackwalk eine gute Gelegenheit, mit den Jungs zu reden – über alles, was gerade im Team vor sich geht, und über unsere Erwartungen an das jeweilige Wochenende.

Die erste Rennveranstaltung einer Saison ist meist richtig stressig. Jeder versucht, wieder in Schwung zu kommen. Und bei ART und auch bei Mercedes gibt es in diesem Jahr auch einige neue Leute. Zudem verändert sich der Zeitplan an einem DTM-Rennwochenende von Jahr zu Jahr leicht, sodass wir uns daran anpassen müssen.

 

Eine sehr schwierige Aufgabe an einem Rennwochenende ist das Zeitmanagement von uns Fahrern. Denn neben den Trainings und den Rennen haben wir noch eine ganze Reihe anderer Aufgaben zu bewältigen. Vor und nach einer Session treffen wir uns mit den Ingenieuren. Wir absolvieren Sponsorentermine, reden mit der Presse, es gibt die Autogrammstunde. Und irgendwann dazwischen sollten wir ja auch mal noch etwas essen! Zwei Rennen pro Wochenende sind klasse, keine Frage. Aber es macht den Zeitplan auch sehr eng.

Als wir am Freitag an die Strecke kamen, wurden wir erneut von einer Gruppe Fans abgepasst. Sie waren auf ein Foto oder ein Autogramm von ihrem Lieblingsfahrer aus. Da dauert der Weg zur Hospitality schon mal ein bisschen länger, aber das ist es wert! Die Freude in den Gesichtern der Menschen zu sehen, ist unbezahlbar!

Endlich: die ersten Meter im Auto!

Das Training am Freitagnachmittag ging ohne Probleme über die Bühne. Ich war zufrieden mit dem Auto. In der DTM ist es ungeheuer wichtig, das Wochenende mit einem guten Fahrzeug zu beginnen. Denn bei so wenig Testzeit hast du kaum eine Chance, große Änderungen vorzunehmen. Wir hatten zum Start eine solide, wenngleich nicht super-gute Balance im Auto. Dennoch war ich mit dem Auftakt in die Saison soweit recht zufrieden.

Keine Sorge: Ich werde jetzt nicht von jeder einzelnen Session berichten. Die Ergebnisse könnt Ihr schließlich überall nachlesen. Ich will Euch vielmehr meine persönlichen Eindrücke zu einigen Themen des Wochenendes schildern.

 

Nach dem Samstagsqualifying war ich nämlich ziemlich unzufrieden mit mir selbst. Das Auto war klasse und ich hatte den Speed, um in Reihe eins zu stehen. Allerdings habe ich keine Runde zustandegebracht und habe noch dazu einen Fehler eingangs von Kurve 12 im Motodrom gemacht. Und so fand ich mich an elfter Stelle wieder. Auto und Team hätten ein viel besseres Ergebnis verdient gehabt!

Das erste Rennen einer neuen Saison ist oft ein sehr lebhaftes. So war es auch dieses Mal. In Kurve 1 drückte mich Spengler, der einen besseren Start erwischt hatte, weit hinaus. Für den Rest der ersten Runde versuchte ich einfach nur, mich aus allem herauszuhalten. Ich hatte mich eine Reihe hinter meinem guten Freund und harten Rivalen Mattias Ekström qualifiziert. Wir beide arbeiteten uns durch die Keilerei nach vorn und kämpften um die siebte Position.

Der Moment, ab dem es schief ging...

Etwas zuvor hatte es eine Slow-Zone-Phase gegeben. Da hatten die Probleme angefangen. Rocky und Bruno hatten sich berührt, wobei die Aufhängung am Auto von Bruno Schaden genommen hatte. Deshalb fuhr er in der Slow-Zone mit weniger als den erlaubten 80 km/h.

Ein beschädigtes und langsames Auto darf man überholen. Deshalb ging ich davon aus, wir würden einfach an Bruno vorbeifahren. Doch Eki bremste hart ab, um eben nicht an Bruno vorbeizugehen, und so rauschte ich in das Heck seines Fahrzeugs, was unsere beiden Autos beschädigte.

Von da an tauschten wir Runde um Runde unsere Positionen. Wir überholten mit DRS vor Kurve 6 und es gab mehrfach kleinere Berührungen.

 

In Runde 9 zog ich wieder an Mattias vorbei. Ich hielt meine Position für ein paar Runden. Doch in Runde 12 fuhr er mir am Scheitelpunkt von Kurve 6 ziemlich rustikal ins Auto. Er räumte mich von der Strecke. Und mein Auto war danach vor allem im Heckbereich sehr beschädigt. Das hat mich wirklich auf die Palme gebracht! Denn bis dahin waren wir fair miteinander umgegangen. Ich hielt sein Manöver für zu hart, was man vielleicht anhand meines Tweets nach dem Rennen erkennen konnte.

 

Es gab noch eine weitere Berührung mit meinem Mercedes-Teamkollegen Lucas und ich verlor deshalb weitere Plätze. Am Ende fand ich mich außerhalb der Punkteränge auf Position elf wieder. Mit einem kaputten Auto, das es mir unmöglich machte, noch in die Top 10 vorzufahren. Sehr enttäuschend nach einem so harten ersten Saisonrennen!

Überstunden für die Mechaniker

Die Mechaniker von ART hatten eine große Aufgabe vor sich. Sie mussten das Auto reparieren und in den Zustand zurückversetzen, wie es zwei Tage zuvor fabrikneu an die Strecke geliefert worden war. Sie leisteten klasse Arbeit! Als ich am Sonntag in die Box kam, stand mein Fahrzeug da, als wäre es gerade vom Band gerollt.

Und am Sonntag lief es besser. Das Auto war wieder unheimlich schnell. Ich hätte erneut in der ersten Startreihe stehen sollen. Immerhin gelang es mir, auf Platz drei zu fahren. Es war eine große Erleichterung, wenigstens im zweiten Rennen von weit vorn starten zu können! Audi wiederum schien Probleme zu haben – mehr, als sie eigentlich hätten haben sollen. In meinen Augen stimmte da was nicht.

 

Der Rennstart verlief für mich ohne größere Dramen. Als ich erst einmal an Maxime Martin vorbei war, merkte ich rasch, dass Paul und ich schneller waren als der Rest des Feldes. Ich übte viel Druck auf ihn aus. Und nach dem Boxenstopp hing ich ihm im Getriebe. Ich dachte nur: Wo kann ich ihn überholen?

Kurz darauf knisterte es im Radio und mein Renningenieur Jojo überbrachte mit diese Botschaft: „Wir haben eine Durchfahrtsstrafe aufgrund eines Unsafe-Release erhalten…“

Ich hatte natürlich bemerkt, dass es in der Boxengasse ziemlich eng zugegangen war. Ich hatte gesehen, wie knapp vor mir Robert auf seinen Standplatz gefahren war. Aber ich hätte niemals gedacht, eine Strafe dafür zu kassieren! Ich war entsprechend verärgert über die Ankündigung der Strafe, konzentrierte mich aber darauf, mein Tempo hochzuhalten. Doch als ich nach der Durchfahrtsstrafe zurück auf die Strecke kam, lag ich nur noch an elfter Stelle. Eine Katastrophe!

Aufholjagd nach Durchfahrtsstrafe

Schnell schloss ich zu Müller auf und überholte ihn. Damit war ich Zehnter. Und da erkannte ich, wie viel besser unterwegs ich war im Vergleich zu allen anderen um mich herum. Es gelang mir, rasch an den drei BMW von Wittmann, Tomczyk und Blomqvist vorbeizufahren. Anschließend lief ich auf meinen Teamkollegen Robert Wickens auf. Ich passierte ihn in der Sachskurve, wobei es kurz mal sehr eng zwischen uns wurde. Und danach startete ich die Aufholjagd auf Platz zwei.

In der letzten Runde hatte ich zu Maxime aufgeschlossen. Es war aber zu spät, um noch einen Angriff zu starten. So belegte ich unterm Strich den ordentlichen fünften Platz. Ich glaube aber: Ein paar Runden mehr und ich hätte mich auf den zweiten Rang zurückkämpfen können…

 

Was für ein Rennen! Die Durchfahrtsstrafe ärgert mich noch immer. Aber mit den Punkten bin ich letztendlich doch zufrieden. Im Zuge der technischen Nachkontrolle wurde Timo Glock noch aus der Wertung genommen. Ein Teil seines Autos entsprach nicht den Vorgaben. So wurde ich nachträglich als Vierter gewertet und bekam zwölf Punkte.

Insgesamt habe ich nach diesem Wochenende das Gefühl: Wir haben ein konkurrenzfähiges Auto. Das sind gute Vorzeichen für diese Rennsaison – auch wenn ich in Hockenheim weniger Punkte geholt habe, als ich eigentlich hätte holen sollen.

Als nächstes reisen wir für die Saisonrennen 3 und 4 nach Spielberg. Dort kann ich hoffentlich an meine Leistung vom Sonntag in Hockenheim anknüpfen. Ich will mindestens einmal auf das Podium!

Euer
Gary Paffett

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Über diesen Artikel
Rennserien DTM
Veranstaltung Hockenheim
Unterveranstaltung Nach dem Rennen, Sonntag
Rennstrecke Hockenheimring
Fahrer Gary Paffett
Artikelsorte Kommentar
Tags art, dtm, gary paffett, hockenheim, kolumne, mercedes