Kolumne: Warum Alex Zanardi in vielerlei Hinsicht ein Held ist

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Kolumne: Warum Alex Zanardi in vielerlei Hinsicht ein Held ist
Autor: Julia Spacek
31.08.2018, 06:42

Alex Zanardi ist für viele Menschen eine Inspiration: Redakteurin Julia Spacek schildert, warum der Italiener für sie ein Held ist und wie sie ihn in Misano erlebt hat

Liebe DTM-Freunde,

das vergangene DTM-Wochenende war eine Premiere in vielfacher Hinsicht: erstes Nachtrennen der DTM-Geschichte, erstes DTM-Event in Misano und DTM-Debüt von Alex Zanardi im Rahmen eines Gaststarts mit BMW. Ich hatte Zanardi schon mehrmals an einer Rennstrecke getroffen und eines war jedes Mal gleich: Ich bekam sofort eine Gänsehaut, wenn ich den sympathischen Italiener sah.

Die Bilder von seinem schrecklichen Unfall in der IndyCar-Serie, bei dem er dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen ist und beide Beine verloren hat, kommen mir jedes Mal wieder in Kopf. Zanardi kämpfte sich auf eindrucksvolle Art und Weise zurück ins Leben und betreibt - wenn auch mit Handicap - weiterhin Hochleistungssport. Bei den paralympischen Spielen gewann er in der Disziplin Handbike bereits drei Gold- und eine Silbermedaille. 2020 möchte er in Tokio angreifen und seine Titel verteidigen.

Geht nicht, gibt's nicht!

Es ist beeindruckend, wie Zanardi mit seinem Schicksal umgeht und wie offen er darüber spricht - manchmal sogar Witze darüber reißt. Andere würde sich verkriechen und sich ihrer Situation ergeben - für den Italiener war das aber nie eine Option. ​"Ich glaube, dass, egal was in deinem Leben passiert, du immer von vorne anfangen und daraus einen Vorteil ziehen kannst", ist er überzeugt.

Eine Einstellung, die in der Tat plausibel ist und die mit Sicherheit besser ist als rumzujammern. ​"Alex Zanardi ist ein Held, eine lebende Legende​", diese Worte hörte man in den vergangenen Wochen seit Bekanntwerden seines DTM-Gaststarts regelmäßig, von Fahrern, Teamchefs und Medienvertretern. Zurecht, wie ich finde. Ich muss zugeben, er ist auch für mich ein Held und von seiner Einstellung und Lebensfreude kann und sollte ich (und nicht nur ich!) mir definitiv ein Stück abschneiden.

Oder mich zumindest daran erinnern, wenn mal alles wieder schief oder schlecht läuft, was Zanardi in der Pressekonferenz in Misano gesagt hat: Man soll aus jeder Situation das Beste machen und am Ende stolz auf sich selbst sein und sagen: ​"Hey, ja! Nach allem was passiert ist, ich war in der Lage zu sagen, das war eine Chance für mich!".

Zanardi geht offen mit seinem Handicap um

Zanardi ist eine Inspiration für viele Menschen. Dies war am Wochenende in Misano ganz besonders zu spüren. Wann auch immer der Italiener in einen Raum kam, wurde es entweder augenblicklich still oder die Menschen applaudierten spontan - ohne einen wirklichen Grund dafür zu haben. Man konnte förmlich spüren, welche Aura den 51-Jährigen umgibt und mit welcher Ehrfurcht alle auf ihn blicken.

Während der Interviews und Pressekonferenzen ging Zanardi offen damit um, was ihm zugestoßen ist und erzählte, wie er damit umgeht, dass viele Menschen ihn als Vorbild sehen. ​"Ich bin doch nichts Besonderes​", sagt er immer wieder und fühlt sich geschmeichelt, dass er als Held angesehen wird.

Alex Zanardi steht den Medienvertretern gerne Rede und Antwort.

Alex Zanardi steht den Medienvertretern gerne Rede und Antwort.

Foto: BMW AG

In Misano gab es zwei Momente, die bei mir einmal mehr für Gänsehaut sorgten. Das erste Mal am Freitagnachmittag, als Zanardi in der bereits erwähnten Pressekonferenz zu uns Journalisten sprach. Dabei sagte er etwas, dass mich bis heute - und vermutlich noch sehr lange - zum Staunen und Nachdenken gebracht hat: ​"Ich wäre nie bei den paralympischen Spielen gelandet und hätte nicht mehrere Goldmedaillen, wenn ich nicht meinen Unfall gehabt hätte."

Einfach unglaublich, dieser Mann.

Die zweite Gänsehaut-Situation war, als Zanardi am Sonntag als Fünfter ins Ziel kam - auch wenn es vielleicht ein wenig dem Glück zu verdanken war, dass er so weit vorne landete. Aber man muss auch eines klar sagen: Die Bedingungen in Misano waren extrem schwierig und chaotisch. Dass er nicht wie andere DTM-Fahrer, die mehr als erst ein oder zwei Rennen in einem DTM-Auto gefahren sind, abgeflogen ist, muss man dem Italiener hoch anrechnen und vor seiner Leistung den Hut ziehen. Nach dem Rennen am Sonntag drehte er im Parc Ferme sogar noch ein paar Donuts!

 

Anschließend entschied Zanardi sich spontan - und anders als geplant - doch im Pressezentrum zu erscheinen und eine weitere Pressekonferenz zu geben, in der er über den fünften Platz strahlte wie ein kleines Kind an Weihnachten.

Als er danach an den Journalisten ​​"vorbei rollte​", verabschiedete er sich von jedem mit einem glücklichen ​"Ciao!". Was für eine Szene!

Ich persönlich hätte es ihm gegönnt, wenn er es auf das Podium geschafft hätte und sich dort von den Fans hätte feiern lassen können. Es hätte niemandem geschadet, denn immerhin fuhr Zanardi außerhalb der Wertung und selbst wenn er Dritter geworden wäre, hätte der hinter ihm platzierte Fahrer die Punkte für Platz drei bekommen.

Aber der fünfte Rang ist dennoch eine große Leistung eines großen Rennfahrers, von dem ich nach dem Misano-Wochenende noch beeindruckter bin.

Ciao e grazie Alex! Es war mir eine Ehre, bei deinem persönlichen DTM-Märchen dabei zu sein!

Ihre

Julia Spacek

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Rennserie DTM
Autor Julia Spacek
Artikelsorte Kolumne