Rast im Aufholsprint: Das Erfolgsgeheimnis heißt Erfahrung

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Rast im Aufholsprint: Das Erfolgsgeheimnis heißt Erfahrung
Autor: Rebecca Friese
Co-Autor: Julia Spacek
11.09.2018, 06:18

Audi-Pilot Rene Rast hatte man die Verteidigung des Vorjahrestitels schon abgesprochen - Wie er es schaffte, das Blatt zu wenden

Die Mission Titelverteidigung schien für Rene Rast bereits abgehakt. Audi erlebte nach dem Erfolgsjahr 2017 einen Horror-Auftakt in die DTM-Saison 2018 und war bis Zandvoort praktisch konkurrenzunfähig. Seit seinem Dünen-Sieg ist Rast wieder kaum zu stoppen. Allein: Er scheint dabei bisher allein am Ruder der Audianer zu reißen und schafft, an was seine Markenkollegen noch immer scheitern. Warum ist also ausgerechnet der Rookie-Champion des vergangenen Jahres auch aktuell wieder das Zugpferd im Team? Und warum schaffte er ausgerechnet am Nürburgring das perfekte DTM-Wochenende?

"Was ihm momentan hilft ist seine Vergangenheit und die Art und Weise, wie er aufgewachsen ist", versucht sich Audi-Motorsportchef Dieter Gass im Gespräch mit 'Motorsport.com' an einer Erklärung. "Er ist seit Beginn seiner Karriere gewohnt, mit den verschiedensten Autos zu fahren. Im Markenpokal hat man nicht die Gelegenheit, das Auto auf sich selbst abzustimmen, sondern man muss sich ans Auto anpassen und versuchen, mit dem was man hat das Maximum zu erreichen. Ich glaube, das kommt ihm momentan ein bisschen entgegen."

Das bestätigt auch Rast selbst: "Ich kann die unterschiedlichen Fahrstile von unterschiedlichen Autos immer sehr schnell adaptieren. Auch während eines Rennens: Wenn das Auto zum Beispiel zu Beginn des Rennens noch über die Vorderachse rutscht, dann weiß ich, wie ich es in dem Zustand schnell fahren kann. Wenn sich das Blatt dann im Rennen dreht und die Hinterachse rutscht, dann weiß ich auch, wie man auf diese Weise schnell fährt. Ich brauche nicht das perfekte Auto, damit ich schnell bin."

Luftdruck-Regeländerung als Vorteil?

Das muss auch der Schlüssel zum Nürburgring-Erfolg gewesen sein. Dort schrieb er mit beiden Pole-Positions und Siegen DTM-Geschichte - ausgerechnet an dem Wochenende, an dem die neue Reifenregel griff. Die Rennleitung gibt ab sofort in den Rennen einen Mindest-Kaltluftdruck vor. Zuvor konnten die Teams damit spielen und ihre Autos darauf individuell abstimmen. Mercedes komme damit nach eigenen Aussagen weniger gut zurecht.

Aber auch im Audi-Lager kann man nicht gerade von einem Vorteil sprechen. "Im Qualifying ist ja alles wie immer, da hat sich nichts geändert. Dass wir das Auto da auf Pole gestellt haben, ist aus eigener Kraft und ohne die Regeländerung passiert. Und wenn man die vergangen Events mal Revue passieren lässt, waren wir eigentlich im Rennen die stärkere Macht. Wir sind immer nach vorne gefahren und nicht zurückgefallen. Jetzt ist es anderes herum. Das muss man relativieren. Also haben wir nicht wirklich davon profitiert."

Checkered flag for René Rast, Audi Sport Team Rosberg, Audi RS 5 DTM

Checkered flag for René Rast, Audi Sport Team Rosberg, Audi RS 5 DTM

Foto: James Gasperotti / LAT Images

Auch Rast selbst hatte in beiden Rennen seine Mühe, sich in der Endphase mit abbauenden Reifen noch in Führung zu halten. Auch dabei half ihm seine Anpassungsfähigkeit. "Ich bin auch schon viele Autos gefahren, die wenig Aero hatten und viel gerutscht sind. Das haben wir in der DTM auch gerade wieder. Das Auto ist schwierig zu fahren unter den neuen Regeln."

Warum es bei Rast besser klappt

Aber es war ja auch nicht nur der Nürburgring. Vor gerade einmal acht Wochen musste man in der Tabelle noch weit nach unten schauen, um Rast zu finden. Er krebste nach vier Rennwochenenden noch als 14. herum. Sein Aufholsprint begann mit dem Sieg in Zandvoort. Es folgte die Podien in Brands Hatch und Misano. Dazu einige Starts aus Reihe zwei und der vierte Platz in Großbritannien. Zusammen mit dem Nürburgring macht das 126 Punkte allein aus den vergangenen sieben Rennen.

Jetzt steht er auf Platz drei der Gesamtwertung mit nur noch Gary Paffett und Paul di Resta vor ihm. Derweil ist der nächstbeste Audi-Pilot Mike Rockenfeller als Gesamt-13. Nur Rockenfeller, Nico Müller und Robin Frijns schafften es in dieser Saison auch je einmal aufs Podium.

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Rast erklärt sich das so: "Ich kann nur immer wieder betonten, dass ich mich im Auto wohl fühle. Und wenn zwischen Auto und Fahrer eine Symbiose herrscht, dann kann man im Qualifying einfach einen guten Job machen. Wir haben ein Set-up gefunden, was mir liegt. Ich kann mit dem Auto spielen und kann es mir so einteilen, wie ich es möchte. Vielleicht sind die anderen Fahrer noch nicht auf dem Set-up, mit dem sie sich hundertprozentig wohl fühlen. In der DTM braucht man einfach ein Auto, mit dem man spielen kann. Ein oder zwei Zehntel können ja direkt zehn Positionen ausmachen."

Titelverteidigung noch ein Thema?

Er verrät außerdem, warum es nicht von Saisonbeginn an lief: "Wir haben am Anfang des Jahres das Set-up vom vergangenen Jahr übernommen. Das war aber natürlich eine ganz andere Aero, das kann man nicht 1:1 übernehmen. Wir haben relativ früh in der Saison gemerkt, dass es nicht funktioniert und haben dann auch relativ schnell eingegriffen."

Das Thema Titelverteidigung ist nun wieder in aller Munde. Dabei hat Rast bei gerade mal noch vier zu fahrenden Rennen noch 57 Punkte Rückstand auf die Tabellenspitze. "So lange es noch theoretisch möglich ist, werden wir alles geben und kämpfen, bis es theoretisch nicht mehr möglich ist", gibt sich Rast angriffslustig. "Ich habe im letzten Jahr in Hockenheim auch an nur einem Wochenende 20 Punkte auf Mattias (Ekström; Anm. d. Red.) aufholen können."

Der lachende Dritte

"Ich würde nicht allzu viel Geld drauf setzen", räumt er ein, gibt aber auch bedenken: "Wir waren im vergangene Jahr stark am Red-Bull-Ring und haben gewonnen. Es kann alles passieren. Wenn die beiden da vorne ein schlechtes Wochenende haben ... Sie kämpfen ja immerhin um die Meisterschaft. Es ist ja nicht so, dass sie nebeneinander fahren und sich zuwinken. Sie sind auf der Strecke Konkurrenten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie sich mal in die Quere kommen. Wenn ich dann der lachende Dritte bin ..."

Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass seine abgeschlagenen Audi-Kollegen ihm dabei zu Hilfe kommen. "So weit ist es in diesem Jahr noch nicht gekommen", betont Rast. "Wir haben versucht, die Rennen für jeden zu maximieren. Wie es jetzt weitergeht, werden wir sehen. Wir sind auf jeden Fall in einer guten Position. Theoretisch ist noch alles möglich."

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Rennserie DTM
Fahrer René Rast
Autor Rebecca Friese
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