Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Maximilian Götz

Maximilian Götz wurde dank AMG-Teamtaktik und ohne Saisonsieg aus eigener Kraft DTM-Champion: Wieso er den Titel dennoch verdient und sein Trauma bewältigte

Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Maximilian Götz

Liebe Leserinnen und Leser,

alles hat darauf gewartet, dass heute entweder ein möglicher zukünftiger Formel-1-Star oder ein DTM-Senkrechtstarter als erster GT3-Champion der Traditionsserie gefeiert wird. Doch jetzt hat mit Maximilian Götz einer die Krone geholt, der in seinem ersten DTM-Leben nur eine Nebenrolle spielte. Und zwischenzeitlich in der Versenkung verschwunden war.

Götz ist mit 35 Jahren der älteste Premieren-Champion der neuen DTM! Und wäre nicht der Schwede Per Stureson 1985 in der DTM-Urzeit mit 37 Meister geworden und hätte nicht "König" Klaus Ludwig - damals schon eine DRM-Legende - zwei Jahre später mit 39 zugeschlagen, wäre er es sogar in der gesamten, vier Jahrzehnte andauernden DTM-Historie.

Nur zur Einordnung: Als Götz als junges Talent 2002 gegen Nico Rosberg in der Formel BMW um den Titel kämpfte, war Liam Lawson in Hastings in Neuseeland gerade auf die Welt gekommen ist.

Kein einziger Saisonsieg aus eigener Kraft

Götz hat den DTM-Titel als absoluter "Underdog" geholt. Selbst vor diesem Wochenende galt er neben Lawson und van der Linde nur als Außenseiter. Und wer hätte vor einem Jahr geglaubt, dass Götz der erste DTM-Champion nach dem dominanten Rene Rast sein wird?

2020 fuhr er gemeinsam mit Teampartner Indy Dontje für das Winward-Team im ADAC GT Masters und wurde siegloser Neunter in der Meisterschaft - die Zeichen mit dem Team standen auf Trennung. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass nun ausgerechnet die Winward-Mercedes-Piloten Lucas Auer und Philip Ellis auf dem Norisring in Führung liegend bremsen mussten, damit Götz Meister wird.

Wenn man es genau nimmt, dann hat der neue Champion dieses Jahr keinen einzigen seiner drei Saisonsiege aus eigener Kraft erkämpft. Denn auf dem Lausitzring profitierte er von Abt-Pilot Kelvin van der Lindes Pech, als dessen Audi R8 LMS in Führung liegend in der Steilkurve kurz einen Aussetzer hatte, ehe der Südafrikaner das Notprogramm aktivierte.

Warum Götz den Titel verdient hat

Aber ist der Titel damit unverdient? Keineswegs. Götz war am Ende der abgezockteste Pilot. Liam Lawson, der von Kelvin van der Linde zweimal nach der Pole abgeschossen wurde, kann einem zwar wirklich Leid tun, aber er hätte den überaggressiven Abt-Audi-Piloten vor allem im zweiten Rennen auch einfach ziehen lassen können. Zumal er nach dem Samstag wissen hätte können, was ihm blüht. Stattdessen deckte er erneut die innere Spur ab, ehe der Rammstoß kam.

Und Kelvin van der Linde war auf dem Norisring ohnehin im "Amok"-Modus unterwegs. Klar musste der 25-Jährige riskieren, aber das war einfach zu viel! Für das Manöver am Sonntag hätte er eine Strafe bekommen müssen, die ihm jegliche Chance auf den Titel nimmt, weil er seinen Titelrivalen aus dem Rennen geboxt hat. Dass er sich am Ende bei einem weiteren aggressiven Manöver gegen Götz einen Reifenschaden holte, bezeichnet dieser zurecht als "Karma".

Götz spielte am Ende auch seine Routine voll aus. Diese Saison stand er in 14 Läufen achtmal auf dem Podest - nur Lawson gelang das mit neun Podestplätzen noch öfter. Und er ließ sich auch von Rückschlägen wie schwachen Qualifying-Platzierungen nicht entmutigen und hielt dem Druck stand.

Götz und das Titelkampf-Trauma 2018

Außerdem sprach er das ganze Wochenende davon, dass er der lachende Dritte sein könnte, wenn sich Lawson und van der Linde in die Haare kriegen. Das hat einen Grund. Denn Götz wurde 2018 selbst Opfer eines Rammstoßes, als er sich den Titel im ADAC GT Masters nur noch abholen hätte müssen.

Damals fuhr der damalige HTP-Pilot beim letzten Saisonrennen in Hockenheim als Erster in die erste Kurve - und wurde von Audi-Pilot Dries Vanthoor abgeräumt. Kuriose Parallele: Wie diesmal van der Linde führt übrigens auch der Belgier damals den Rammstoß auf die Bremsen zurück.

Götz kann's egal sein, denn diesmal ist nicht er das Opfer. Kein Wunder, dass er jetzt von "Payback" und ausgleichender Gerechtigkeit spricht. Das Trauma von damals ist nun mit der Erfüllung eines Lebenstraums überwunden.

Harte Lehrjahre für einstige Formel-1-Hoffnung

Dass er endlich seinen ersten richtig großen Titel eingefahren hat, ist für Götz mit Sicherheit eine enorme Genugtuung: Denn vor rund 20 Jahren galt er als große Formel-1-Hoffnung und fuhr gegen Piloten wie Rosberg, Lewis Hamilton, Sebastian Vettel oder Robert Kubica, ehe die Erfolge in der Formel 3 auch wegen Geldmangels ausblieben und er in die GT3-Szene wechselte.

Immer wieder sprach er stolz davon, dass er Vettel 2003 im Formel-BMW-Titelkampf besiegt hat - auch wenn er damals im Gegensatz zum späteren Formel-1-Weltmeister schon in seinem zweiten Jahr in der Nachwuchsserie war. 2012 wurde er dann erneut Meister im ADAC GT Masters und 2014 im Sprintcup der Blancpain-GT-Serie.

Als er dann 2015 von Mercedes-AMG in die DTM geholt wurde, schien er im Olymp, doch es dauerte nicht lange, bis Götz die harte Realität bewusst wurde. Die Alphatiere im AMG-Stall waren damals Gary Paffett oder Paul di Resta. Sie kannten die Boliden in und auswendig, während er sich erst einfinden und der Marke unterordnen musste. 2016 spuckte ihn die DTM wieder aus. Götz kehrte in die GT3-Welt zurück.

Die unerwartete Erfüllung eines Traums

Dass eben diese Serie ab 2021 mit den GT3-Autos auf sein "Notprogramm" setzte, war eine glückliche Fügung. Denn plötzlich sahen ihn DTM-Routiniers wie Timo Glock meist von hinten. Und er war der Fahrer, der im System Mercedes-AMG von der Set-up-Arbeit und der Hilfe seiner Markenkollegen profitierte. Auch das ist in Anbetracht seiner bisherigen Karriere ausgleichende Gerechtigkeit.

Wie es nun 2022 weitergeht? Da wird dem Titelverteidiger mit Sicherheit ein steifer Wind ins Gesicht blasen. Denn Götz hatte dieses Jahr auch das Glück, dass sich Mercedes-AMG so spät zum DTM-Comeback entschlossen hat. Da waren GT3-Topleute wie Maro Engel oder Raffaele Marciello längst durch ihre Programme für 2021 beschäftigt, während Götz an der Outlinie wartete. Das wird sich nächstes Jahr sicher ändern.

Abgesehen davon haben sich auch die ehemaligen Class-1-Spezialisten voll auf die GT3-Autos eingeschossen, wie Lucas Auer zuletzt Wochenende für Wochenende bewiesen hat. Will Götz also seinen Titel verteidigen, wird er 2022 dominanter und offensiver sein müssen, anstatt wie dieses Jahr als Abstauber zu glänzen.

Sven Haidinger

Mit Bildmaterial von DTM.

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