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12. Juni 1966: Der Tag, an dem das Sicherheitsdenken begann

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12. Juni 1966: Der Tag, an dem das Sicherheitsdenken begann
Autor:
12.06.2020, 08:56

Wie ein schwerer Unfall in Spa-Francorchamps und dessen Folgen aus Jackie Stewart eine treibende Kraft für mehr Sicherheit in der Formel 1 machten

Überall auf dem Boden liegen Zigarettenstummel. Der verletzte Rennfahrer wird dazugelegt. Eine Nonne kümmert sich um die Erstversorgung. Und der Rettungswagen verfährt sich. Eine fiktive Szene? Nein, sondern die Realität beim Belgien-Grand-Prix 1966 in Spa-Francorchamps! Und der Moment, der bei Jackie Stewart ein ganz neues Sicherheitsdenken für die Formel 1 ausgelöst hat.

Der später dreimalige Weltmeister steht 1966 noch am Anfang seiner Grand-Prix-Karriere, hat gerade den Saisonauftakt in Monte Carlo gewonnen. Doch bei der zweiten Saisonstation in Spa wird ihm strömender Regen zum Verhängnis: BRM-Fahrer Stewart verunfallt schwer und erfährt am eigenen Leib, wie schlecht die Formel 1 auf den Fall der Fälle vorbereitet ist.

"Wenn dir so etwas passiert, merkst du: Das System ist völlig falsch." Das sagt Stewart Jahre später in einem 'BBC'-Interview. Und er hat Glück, dass er das tun kann, denn sein Unfall mit Überschlag am 12. Juni 1966 hätte ihn leicht das Leben kosten können. Denn die Formel 1 der 1960er-Jahre ist gefährlich, mehrere Rennfahrer verbrennen in ihren Autos.

Der Abflug in strömendem Regen

Stewart selbst fürchtet einen solchen Feuerunfall und verbringt an diesem Sonntag "eine gute halbe Stunde" im Wrack seines Fahrzeugs, begleitet von der Angst, das auslaufende Benzin könnte sich entzünden und die Unfallstelle in eine Flammenhölle verwandeln.

Stewart selbst ist in diesem Moment "mal bei Bewusstsein, mal bewusstlos", wie er es später beschreibt. An den Unfallhergang aber erinnert er sich bis heute genau: Aquaplaning hatte sein Auto von der Strecke fliegen lassen. Dann sei alles ganz schnell gegangen.

"Ich wurde hin- und hergeschleudert. Mein Fahrzeug traf erst die Hütte eines Waldarbeiters und Teile einer Mauer, mähte einen Telegrafenmast nieder und landete dann in einer Senke bei einem Bauernhof."

Nirgendwo Ersthelfer in Sicht

Leitplanken gibt es auf der damals 14 Kilometer langen Variante von Spa-Francorchamps noch nicht, nur ein schmales Asphaltband inmitten der Natur, zwischen Wiesen und Bäumen und dem Alltagsleben an sonst öffentlichen Straßen.

Jochen Rindt, Jackie Stewart

Start in Belgien 1966: Auf trockener Strecke geht zunächst alles glatt ...

Foto: Motorsport Images

So beschaulich die Kulisse ist, so furchtbar sind die Minuten, die Stewart eingeklemmt im Auto verbringt. "Es hätte jederzeit zu brennen anfangen können", meint er.

Seine zweite große Sorge: Erstversorgung, doch die ist nicht in Sicht. Keine Sportwarte, kein Krankenwagen, keine Hilfe. "Zum Glück kam dann [Stewarts BRM-Teamkollege] Graham Hill vorbei. Er hätte weiterfahren können, entschied sich aber dazu, mir zu helfen."

Den Kollegen fehlt das Werkzeug

Auch der US-Amerikaner Bob Bondurant ist zur Stelle. Doch selbst mit vereinten Kräften gelingt es Hill und Bondurant nicht, Stewart aus dem Cockpit zu befreien - das Lenkrad blockiert den verletzten Formel-1-Fahrer.

Stewart verbringt weitere bange Minuten in seinem Auto: "Sie mussten sich Werkzeug bei Zuschauern borgen, um das Lenkrad entfernen zu können, dass sie mich aus dem Fahrzeug holen konnten."

Wenige Meter nebendran fegen die Rennwagen der anderen Fahrer auf der Rennstrecke vorbei. Der Grand Prix läuft weiter. Ein bestimmtes Fahrzeug aber kommt nicht: ein Krankenwagen. "Sie mussten sich erst auf die Suche machen nach jemandem, der einen Krankenwagen holen konnte", erklärt Stewart.

Stewart liegt auf Kippen

Schließlich steht ein Transportfahrzeug bereit. Doch auf Stewart wartet im Erste-Hilfe-Zentrum von Spa die nächste unangenehme Überraschung: "Ich befand mich auf einer Stofftrage und man legte mich auf den Boden, der voller Zigarettenstummeln war." Und als Stewart aufblickt, sieht er eine Nonne, die als Ersthelferin verpflichtet worden war.

Jackie Stewart mit Graham Hill und Dan Gurney

Jackie Stewart vor dem Rennen mit Graham Hill und Dan Gurney (v.l.)

Foto: Motorsport Images

Im Gegensatz zu Niki Lauda, der zehn Jahre später auf der Nürburgring-Nordschleife verunglückt, erhält Stewart nicht die "letzte Ölung", aber kurz darauf einen weiteren großen Schreck: Auf dem knapp 65 Kilometer langen Weg von Spa zum Krankenhaus in Lüttich verliert der Fahrer seines Krankenwagens die Übersicht.

Ein Motorradpolizist weist dem Krankentransport zunächst den Weg. "Dann aber hängte er uns einfach ab. Und unser Fahrer wusste nicht, wie man nach Lüttich kommt."

Wie Stewart auf die Unfallszene reagiert

Die Odyssee findet ein gutes Ende: Stewart kommt mit gebrochenen Rippen und durch auslaufenden Sprit teilweise verätzter Haut auf die Intensivstation. Zur weiteren Behandlung wird er nach Großbritannien ausgeflogen.

Rückblickend kann er darüber lachen, über die "regelrechte Parodie an Fehlern", die sich an diesem 12. Juni 1966 zugetragen hat. "Es wäre eine witzige Geschichte", sagt er, "wenn es nicht so ernst wäre."

Und Stewart erkennt diesen Ernst, und er handelt auch: Bei seiner Rückkehr ins Formel-1-Auto beim übernächsten Rennen in Brands Hatch schnallt er sich einen Schraubenschlüssel ans Lenkrad, damit es bei einem Unfall leicht gelöst und abgenommen werden kann.

Die Formel 1 wird immer sicherer

Dabei lässt es Stewart aber nicht bewenden. Auf seine Initiative bauen die Konstrukteure einen Schalter für die Abschaltung der Bordelektrik ein, damit sich verunfallte Fahrzeuge weniger leicht entzünden.

Stewart reist nun auch mit einem eigenen Arzt an die Rennstrecke, sein Team BRM stellt sogar einen Krankenwagen bereit. Dieser Ansatz findet Anklang im Fahrerlager und bei den Kollegen: Die Formel-1-Helden bezahlen den ärztlichen Service vor Ort an der Strecke aus eigener Tasche.

Jackie Stewart mit Osteopathin und Frau Helen

Vor dem Comeback: Stewart lässt sich behandeln, Frau Helen sieht zu

Foto: Motorsport Images

Und Stewart macht sich weiter für eine bessere Sicherheit stark. "Als ich in der Formel 1 anfing, gab es entsetzliche Sicherheitsvorkehrungen", sagt er später. Er schätzt: Die Chance, bei einer fünfjährigen Grand-Prix-Karriere tödlich zu verunglücken, liegt in den 1960er-Jahren bei gut 66 Prozent.

Kritik ist nicht jedermanns Sache ...

"Es war lächerlich", meint Stewart. Nicht einmal der Boxenbereich sei damals von der Rennstrecke abgeschirmt gewesen. "Und da standen Benzinfässer einfach so herum, obwohl jederzeit ein Auto hätte verunfallen können."

Die Kritik, die Stewart nach seinem Crash äußert, ist aber nicht immer willkommen, wenngleich die langfristige Entwicklung der Formel 1 Stewart nachträglich Recht gibt.

Rückblickend meint er: "Ich wäre ein deutlich beliebterer Weltmeister gewesen, wenn ich immer das gesagt hätte, was die Leute hören wollten. Ich wäre tot gewesen, aber sicherlich populärer."

Stewart: Weltmeister und Lebensretter

Erfolgreich ist Stewart auf jeden Fall: 1966, wenige Wochen nach seinem Unfall, gewinnt er als Rookie beinahe das Indianapolis 500. Ein technischer Defekt zwingt ihn bei diesem Klassiker acht Runden vor Schluss in Führung liegend zur Aufgabe. Die Formel-1-Saison beschließt er mit 14 Punkten auf WM-Rang sieben.

1969, 1971 und 1973 wird Stewart Formel-1-Weltmeister. Er beendet seine Laufbahn vorzeitig, ohne sein geplantes 100. Rennen zu fahren: Im Qualifying zum USA-Grand-Prix 1973 verunglückt sein Tyrrell-Teamkollege Francois Cevert. Stewart, der bereits als Weltmeister feststeht, tritt auf der Stelle zurück. Auch dieses Erlebnis prägt ihn.

Sein Einsatz für die Sicherheit ändert die Formel 1 nachhaltig: Stewart setzt sich unter anderem für die verbindliche Nutzung von Sicherheitsgurten ein, ebenso für Vollvisierhelme und die Installation von Leitplanken an den Rennstrecken. So hatte der 12. Juni 1966 doch noch etwas Gutes, vor allem für die Rennfahrer-Generationen nach Stewart.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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Autor Stefan Ehlen