285-km/h-Kurve mit offenem Heckflügel: Kann das gut gehen?

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285-km/h-Kurve mit offenem Heckflügel: Kann das gut gehen?
Autor: Dominik Sharaf
05.07.2018, 19:31

Die Abbey-Kurve in Silverstone könnte von den Topteams erstmals mit DRS und Vollgas gefahren werden – Bodenwellen und überhitzende Reifen machen es zur Mutprobe

Die Formel-1-Piloten könnten beim Großbritannien-Grand-Prix erstmals unter der Verwendung des Drag-Reduction-Systems (DRS) durch eine schärfere Kurve brausen. Möglicherweise lässt sich in Silverstone Abbey - der erste Rechtsknick nach der Start- und Zielgeraden – zumindest mit Topautos nehmen, ohne den Heckflügel zuzuklappen oder vom Gas zu gehen. Doch Zweifel werden laut.

Weltmeister Lewis Hamilton ist zwar sicher, dass jeder das riskante Manöver bei rund 285 km/h im Freien Training zumindest einmal wagt, sieht den Erfolg des Unterfangens jedoch kritisch - obwohl seine Ingenieure ausgerechnet haben, dass 22 km/h mehr Speed möglich wären. "Gewiss probiert Max (Verstappen; Anm. d. Red.) es als Erster. Wir fahren ihm hinterher und gucken uns an, was passiert", scherzt der Mercedes-Star. So pessimistisch wie Hamilton und Nico Hülkenberg, der bei Simulationen auf dem Campingplatz gelandet sein will, sind aber längst nicht alle.

"Es wird spaßig", sagt Daniel Ricciardo und meint, dass die Piloten nicht zu scharf einlenken dürften. "Wir bekommen es hin, selbst wenn es nicht locker gehen wird. Der Clou ist es, durchzukommen ohne sich zu drehen." Sollten die heftigen Bodenwellen in Abbey durch eine kürzlich verlegte neue Asphaltdecke nicht ausgebessert worden sein, könnten die Piloten ohnehin gezwungen sein, den Heckflügel zuzuklappen. "Dann probiert es vor mir bitte jemand anderes aus", ulkt Ricciardo.

Selbst wenn es möglich sein sollte, den Wagen mit DRS und Vollgas auf der Bahn zu halten sowie durch die weniger scharfe zweite Kurve (Farm) zu steuern, muss es nicht lohnenswert sein. "Wenn wir querkommen, Geschwindigkeit abbauen und uns die Reifen zerstören, ist es langsamer", meint Ricciardo. Mit kochenden Pneus wäre das Anbremsen von Kurve drei (Village) ein Vabanque-Spiel.

Weiteres Problem: Nach dem Linksknick Farm ist ein Spurwechsel von der rechten auf die linke Seite erforderlich, um die Rechtskurve Village von außen anzubremsen. Wer das DRS dort noch geöffnet hat, könnte in Schwierigkeiten geraten und ein unverhältnismäßig großes Risiko eingehen.

Denn: Der heilige Gral ist das Durchfahren von Abbey und Farm mit aktiviertem DRS nicht. "Eine halbe Sekunde wird es nicht bringen", schätzt Red-Bull-Mann Ricciardo. "Ich kann mir kaum vorstellen, dass es zwei Zehntelsekunden sind." Dennoch könnten die Zeitspäne im Qualifying über die Pole-Position entscheiden. Im Rennen, so meinen die Fahrer unisono, wird es nicht dazu kommen.

"Es wird niemand mit offenem Flügel jemandem dicht hinterherfahren", schätzt Esteban Ocon von Force India – wissend, dass der Rückstand auf den Vordermann nicht größer als eine Sekunde sein darf, um das DRS betätigen zu dürfen. Sonst geht es unter dem Einwirken der üblichen Luftverwirbelungen ("Dirty Air") und dem dadurch entstehenden Gripverlust kreiselnd in Richtung Bande.

Dazu ist zu erwarten, dass nur die abtriebsstarken Auto von Mercedes, Ferrari und Red Bull zu dem Ritt auf der Rasierklinge überhaupt in der Lage sind. "Einige Teams verfügen über nicht so viel Abtrieb wie andere", weiß Force-India-Pilot Sergio Perez und zweifelt daran, überhaupt Vollgas geben zu können "Vielleicht müssen wir plötzlich lupfen (wodurch DRS deaktiviert wird; Anm. d. Red.)."

Die Möglichkeit, Abbey mit Vollgas und DRS zu nehmen, entsteht nicht nur durch die Weiterentwicklung der seit 2017 mit mehr aerodynamischen Gestaltungsmöglichkeiten ausgestatteten Formel-1-Wagen, sondern auch durch die Tatsache, dass die FIA-Rennleitung den Einsatz an dieser Stelle 2018 erstmals erlaubt. Denn Silverstone hat eine dritte und neue DRS-Zone erhalten. Allerdings soll das Manöver während der V8-Ära bereits Mark Webber im Red Bull gelungen sein, als die Fahrer noch frei über den DRS-Einsatz entscheiden durften.

Die Interviews führten Scott Mitchell und Edd Straw.

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Autor Dominik Sharaf