Analyse: Warum ist der Doppeldiffusor plötzlich wieder Gesprächsthema?

Sieben Jahre nach seinem ersten Erscheinen ist der sogenannte Doppeldiffusor plötzlich wieder ein Thema in der Formel 1. Und das hat auch einen guten Grund, wie Jonathan Noble erklärt.

Dabei schien das kurze Intermezzo vor der Formel-1-Saison 2009 bereits der Motorsport-Geschichte anzugehören. Zur Erinnerung: Diese technische Innovation verhalf Brawn 2009 zum Titelgewinn in der Formel 1.

Zuletzt wurde genau darauf wieder Bezug genommen. Denn sowohl Red-Bull-Teamchef Christian Horner als auch Stardesigner Adrian Newey kamen auf den Doppeldiffusor zu sprechen, ohne dass sie danach befragt worden wären.

Horner sagte: „Wir haben derzeit eine Situation – und lassen wir Red Bull Racing mal außen vor –, die an die Zeit des Doppeldiffusors erinnert, an den Kampf zwischen Teamvereinigung (FOTA) und Formel-1-Management (FOM). Denn heute ist der Motor ein sehr mächtiges Werkzeug. Der Motor zeigt auf, wer die Macht hat in der Formel 1.“

Laut Newey war 2009 auch viel Politik im Spiel – zwischen dem damaligen FIA-Präsidenten Max Mosley und den führenden Teams Ferrari und McLaren.

„Max Mosley wollte Ferrari und McLaren damals eine Lektion erteilen“, sagte Newey.

Aber worauf genau spielt Newey eigentlich an? Wir erklären die Hintergründe und warum das Doppeldiffusor-Thema heute wieder aktuell ist!

Die Doppeldiffusor-Affäre

Im Winter vor der Formel-1-Saison 2009 haben drei Teams eine Grauzone im aerodynamischen Reglement ausgenutzt. Brawn, Toyota und Williams entwickelten einen sogenannten Doppeldiffusor.

Durch dieses neue Design erzielten die Fahrzeuge dieser Teams deutlich mehr Abtrieb. Zu richtigen Zeit, denn der aerodynamische Abtrieb war um rund 50 Prozent reduziert worden.

Bei den Testfahrten vor Saisonbeginn wurde der Doppeldiffusor zum bestimmenden Thema. Doch alle waren sich sicher, regelkonform zu handeln.

Auch deshalb, weil sie vorab mit Formel-1-Rennleiter Charlie Whiting gesprochen hatten. Die Teams baten ihn um Rat, ob der Doppeldiffusor legal sei. Diese Möglichkeit hatte Mosley einige Jahre zuvor geschaffen.

Der ehemalige FIA-Präsident schreibt in seiner Autobiografie „Formula One and Beyond“: „Zu Beginn meiner Präsidentschaft boten wir den Teams erstmals die Möglichkeit, ihre Ideen während der Designphase einzureichen – streng vertraulich natürlich.“

„Charlie würde sich das Design ansehen und seine Meinung dazu kundtun, ob es regelkonform oder regelwidrig sei. Vereinbart war, dass er lediglich eine Meinung abgeben, aber keine Entscheidung treffen würde. Es sollte sich lediglich um einen Hinweis handeln, wie die technische Abteilung des Automobil-Weltverbands (FIA) entscheiden würde.“

„Manchmal haben Charlie und ich einen Grenzfall miteinander besprochen. Es faszinierte mich stets aufs Neue, wie genial und originell manche dieser Ansätze waren.“

Whitings Rückmeldung zum Doppeldiffusor war, dass das Design aus seiner Sicht in Ordnung sei. Doch das hielt die Konkurrenz nicht davon ab, dagegen zu protestieren.

Und tatsächlich: Beim Großen Preis von Australien legten Ferrari, Renault und Red Bull offiziell Protest gegen den Doppeldiffusor ein, in Malaysia schloss sich auch Sauber dem Protest an.

Die Rennleitung wies die Proteste zunächst ab. Letztendlich zog man aber vor das FIA-Berufungsgericht. Und nach langem Ringen fiel dort die Entscheidung, dass der Doppeldiffusor als legal zu betrachten sei.

Die Konkurrenz von Brawn, Toyota und Williams musste also nachziehen und ihrerseits einen Doppeldiffusor entwickeln.

Warum ist das jetzt wieder ein Thema?

Die aktuelle Situation der Formel 1 und die Doppeldiffusor-Affäre sind sich gar nicht so unähnlich, wie es zunächst scheint. Es gibt sogar viele Parallelen.

Einerseits ging es Newey mit Blick auf die damalige Zeit wohl darum, anzudeuten, dass sein Team – wenn es von Anfang an auf das Konzept gesetzt hätte – wohl eine bessere Titelchance in der Formel-1-Saison 2009 gehabt hätte.

Andererseits entstand so auch der Antrieb, noch mehr an die Grenzen und noch weiter in die Grauzonen des Reglements vorzudringen.

Doch die beiden Situationen gleichen sich auch auf politischer Ebene.

Auch jetzt gibt es eine Kluft zwischen den Herstellern Ferrari und Mercedes auf der einen Seite und Bernie Ecclestone und FIA-Präsident Jean Todt auf der anderen Seite. Damals wie heute ist es ein Ringen um die Macht in der Formel 1.

Mosley hatte 2009 gerade die „Spygate“-Affäre (2007) hinter sich gebracht und war von der Motivation getrieben, die Kosten drastisch zu senken – gegen den Widerstand der Hersteller, die sich zur Teamvereinigung (FOTA) zusammenschlossen hatten.

Damals ging es vorrangig um Kosten. Es stand auch im Raum, dass die Hersteller aussteigen und eine Konkurrenzserie gründen könnten. Heute dreht sich alles um den Antriebsstrang und um die Sorge, die Formel 1 könnte kurz vor ihrem Kollaps stehen.

Ecclestone und Todt haben den Herstellern bis zum 15. Januar 2016 Zeit gegeben, Vorschläge zu bringen, wie die aktuelle Motorensituation in der Formel 1 besser zu lösen sein könnte. Denn sonst üben Ecclestone und Todt ihren von der FIA erteilten „Freibrief“ aus und ändern die Formel-1-Regeln in Eigenregie und über die Hersteller hinweg.

Wenn Ecclestone und Todt mit den Ideen nicht zufrieden sind, könnten sie schon 2017 einen alternativen Motor zulassen. Red Bull Racing will diesen Alternativmotor unbedingt. Und ja, dieser Motor könnte bald Realität sein.

Und so wird in den kommenden Wochen sicherlich ausführlich gestritten, wie sich der Ansatz von Ecclestone und Todt mit den Vorschlägen der Hersteller in Einklang bringen lässt. Damals war es der Doppeldiffusor, heute sind es die Motorenregeln, die zum Zankapfel werden.

Ecclestone und Todt wollen verhindern, dass zwei Hersteller effektiv die Kontrolle über die Formel 1 haben. Aber wie war es 2009? Hatte Mosley damals nicht noch eine ganz persönliche Agenda?

Der Einfluss von Mosley

Wenn es Mosley 2009 wirklich um einen persönlichen Rachefeldzug gegangen wäre, hätte er sowohl Whiting als auch die Rennleitung in Australien und Malaysia sowie alle Richter des Berufungsgerichts in seiner Hand haben müssen. Und entsprechende Vorwürfe sind nicht neu.

Mosley hat allerdings stets darauf geachtet, dass es entsprechende Vorkehrungen gibt, um genau das zu verhindern.

Vielmehr hat Mosley in einem Schreiben an den FIA-Weltrat 2009 betont, er habe dem Flehen eines Herstellers, er möge sich doch persönlich in die Doppeldiffusor-Affäre einmischen, eine Absage erteilt.

Damals schrieb Mosley: „Während der Kontroverse um den Doppeldiffusor hat ein Hersteller wiederholt (und auf unlautere Art und Weise) versucht, mich zum Eingreifen zu bewegen, damit das Berufungsgericht den Doppeldiffusor für illegal erklärt.“

„Das Berufungsgericht würde einem solchen Eingriff niemals Gehör schenken. Aber diese Situation zeigt: ‚Unabhängig‘ bedeutete für dieses Team, unabhängig von anderen Teams zu sein – und eine Machtposition innezuhaben, bestimmte Interessen durchzusetzen.“

Unabhängigkeit

Für Mosley war die regelmäßige Anschuldigung, er mische sich in die Gerichtsbarkeit des Automobil-Weltverbands ein, stets ein Dorn im Auge.

In seiner Autobiografie schreibt er zum FIA-Berufungsgericht: „Die Richter wurden von FIA-Mitgliedern gewählt. Und sie wären auf die Barrikaden gegangen, hätte ich oder jemand aus der Verwaltung direkt oder indirekt Kontakt zu ihnen aufgenommen, um sie zu einem Urteil zu bewegen.“

„Alleine die Vorstellung ist absurd. Angesichts all des Aufwands, der damals betrieben wurde, war es enttäuschend, dass jemand dachte, das Berufungsgericht wäre nicht völlig unabhängig.“

Und das klingt auch heute noch glaubhaft.

Die Antwort von Mosley

Mosley verfolgt das aktuelle Geschehen in der Formel 1 noch immer genau. Im vergangenen Jahr hat er gemeinsam mit Ecclestone ein Video-Interview gegeben, indem die beiden über die Zukunft der Formel 1 sprechen. Mosley ist also der ideale Mann, um Parallelen zwischen heute und damals aufzuzeigen.

In einer Sache ist er unnachgiebig: Der Doppeldiffusor wurde laut Mosley nicht dazu benutzt, um einen politischen Vorteil zu gewinnen.

„Die Wahrheit ist: Mir war die Sache um den Doppeldiffusor nicht bekannt, bis Ferrari sich darüber beschwerte. Da hatten Brawn, Williams und Toyota aber ihre Autos schon gebaut“, sagte Mosley in dieser Woche.

„Ich habe die Proteste damals interessiert verfolgt. Doch es stellte sich mir nie die Frage, ob ich eingreifen sollte. Der Vorwurf von Adrian Newey, ich hätte die Situation als ‚Waffe‘ gegen Ferrari und McLaren verwendet, ist schlichtweg falsch. Er hätte besser mein Buch lesen sollen!“

„Es ist vielmehr so: Wäre die FIA dazu bereit gewesen, sich regelwidrig zu verhalten, hätten wir die FOTA schon früh im Jahr 2009 zerstören können. Dann hätten wir den Doppeldiffusor verbieten lassen können, woraufhin Ferrari die anderen Teams im Stich gelassen hätte. Und das ist das genaue Gegenteil von Adrians Theorie.“

Aber wie geht es 2016 weiter für die Formel 1?

„Derzeit dreht sich alles um die Motorenkosten und die Motorenlieferungen“, sagt Mosley. „Die Lösung wäre, dass pro Auto und Saison insgesamt nur zwei Motoren zugelassen werden.“

„So würde man die Kosten auf einen Schlag halbieren“, meint der frühere FIA-Präsident. „Die aktuellen Motoren müssten nur geringfügig modifiziert werden, um das möglich zu machen.“

„Die Motorenhersteller würden natürlich sofort sagen, dass es unmöglich zu bewerkstelligen sei und dass es in einer Katastrophe münden würde. Aber die Geschichte der Formel 1 zeigt: Es gibt nicht ein Szenario, in der sich eine solche Prognose als zutreffend herausgestellt hat…“

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