Analyse: Warum ist die Formel 1 nicht olympisch?

Die Augen der Sportwelt sind in diesen Tagen auf die Olympischen Spiele in Rio gerichtet. Charles Bradley erklärt, warum der Motorsport dort (noch) nicht vertreten ist.

Im Jahr 1900 spielte der Motorsport zum letzten Mal eine aktive Rolle auf der Bühne der Olympischen Spiele. Gleiches gilt übrigens für Kricket, Krocket und Ballonfahren. Die Spiele fanden damals in Paris zusammen mit der Weltausstellung statt. Alles in allem umfasste das Mega-Event sechs Monate und es gab sogar eine Klasse für elektrische Lieferfahrzeuge.

Seither war der Rallyesport diejenige Motorsportdisziplin, die einem Olympia-Programm am nächsten kam. Im Jahr 1936 bekam die Britin Betty Haig für ihren Sieg bei der Olympia-Rallye in Berlin die Goldmedaille. Bei den Olympischen Spielen 1972 wurde die Olympia-Rallye wiederbelebt. In diesem Fall startete das Event im Hafen von Kiel und endete sechs Tage später im Olympiastadion von München.

Es sei erwähnt, dass die Olympia-Rallye sowohl 1936 als auch 1972 jeweils im Vorfeld der Olympischen Spiele ausgetragen wurde. Der Beifahrer im anno 1972 siegreichen Alpine A110 war übrigens niemand Geringerer als ein gewisser Jean Todt...

Die Formel 1, die FIA und das IOC

Jacques Rogge, IOC President with Bernie Ecclestone, CEO Formula One Group
Jacques Rogge, IOC-Präsident; Bernie Ecclestone

Photo by: XPB Images

Im Jahr 2012 wurde der Automobilweltverband FIA unter der Leitung von Präsident Todt als internationale Sportbehörde eingetragen, die vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannt ist. Fünf Jahre zuvor hatte das IOC eine Klausel gestrichen, wonach Sportarten mit mechanischem Antrieb bei Olympia "nicht akzeptabel" waren. Im Klartext heißt das nichts anderes, als dass die FIA mit am IOC-Tisch sitzt und gehört wird.

Die entscheidende Schritten auf diesem Weg waren die Unterschrift der FIA unter dem Olympischen Statut, die Einführung von Anti-Doping-Kontrollen und – vielleicht der wichtigste Schritt – die Gründung einer Fahrerkommission. Ich erwähne das, weil die FIA demnach "verpflichtet ist, unsere Athleten zu schützen". Wenn es das nächste Mal um die Themen Cockpitschutz oder Tracklimits geht, sei daran gedacht. Aber ich schweife ab...

Einen Rückschlag erhielt die Idee von Formel-1-Rennen bei Olympia im Zuge eines Besuch von IOC-Präsident Jacques Rogge beim Grand Prix von Großbritannien 2012. "Auch wir streben nach Spitzenleistung", zog Rogge in Silverstone den Vergleich zum Grand-Prix-Sport und holte aus: "Es gibt viel, was wir von der Formel 1 lernen können, denn es gibt viele Gemeinsamkeiten. Es ist ein Sport mit großartigen Athleten, die sich intensiv vorbereiten."

"Offen gesagt sieht das Konzept der Spiele den Wettbewerb der Athleten und nicht den Wettbewerb der Arbeitsgeräte vor. Aus diesem Grund werden diese, bei allem Respekt, nicht ins Olympische Programm aufgenommen", so Rogge vor vier Jahren.

Die Behauptung, dass die olympischen Sportarten ohne äußere Einflüsse über die Bühne gehen, stimmt so freilich nicht ganz. Es gibt jede Menge Disziplinen, in denen die Ausrüstung eine große Rolle spielt: angefangen bei den auf bestmögliche Aerodynamik getrimmten Rennrädern über die ultraleichten Tennisschläger und die Hightech-Schwimmanzüge, ja genau genommen sogar bis hin zu den Pferden beim Springreiten!

Von der Vorstellung dass es "einzig und allein der Wettkampf Athlet gegen Athlet" ist, können wir uns also getrost trennen. Und bitte kommen Sie mir jetzt nicht mit der Anmerkung, wonach die Olympischen Spiele nicht für Profisportler gemacht wären. Fakt ist, dass sich auf dieser Bühne die besten Sportler der Welt (hoffentlich ungedopt) messen.

Für die Formel 1 würde eine Zughörigkeit zur Olympischen Familie jede Menge Vorteile mit sich bringen. Man denke nur an die enorm hohen Einschaltquoten. Doch kann die Formel 1 überhaupt jemals ein kleiner Teil von etwas großem Ganzen sein? Ich glaube nicht. Die Formel 1 braucht Olympia nicht, aber der Motorsport im Allgemeinen könnte enormen Nutzen daraus ziehen.

Wie es funktionieren könnte

Presentation at The Birds Nest Stadium
Das "Vogelnest" in Peking

Photo by: Race of Champions

Die größte Chance, dass der Motorsport jemals olympisch wird, wäre sicherlich eine eigene Fahrzeugklasse beziehungsweise -disziplin. Immerhin gibt es seit Jahrzehnten ein "offizielles Auto" für die Olympischen Spiele. Man muss nicht lange nach einem großen Hersteller suchen, der dafür bezahlt.

So ist beispielsweise der Nissan Kicks das offizielle Auto der Olympischen Spiele 2016. Der japanische Hersteller hat für die Verwendung im Monat August über 4.000 Exemplare seines SUV-Modells nach Rio gebracht. Doch damit nicht genug. Wer beim Straßenrennen der Fahrräder genau hingesehen hat, mag den Eindruck bekommen haben, dass es sich um eine Verfolgungsjagd mit Nissan Livinas handelte. Zufall, dass die Olympischen Spiele im Jahr 2020 in Tokio stattfinden?

Das wahrscheinlichste Konzept für Motorsport bei Olympia wäre wohl eine Rennklasse wie die ursprüngliche Formel Palmer Audi: Einheitschassis und -motoren in Kombination mit unparteiischen Ingenieuren und Mechanikern, die diese Autos vorbereiten und einsetzen. Das wären dann zwar keine Formel-1-Autos, aber die alten Formel-2-Autos im Besitz von Jonathan Palmer waren mit ihren Turbomotoren doch recht flott unterwegs. Natürlich müsste alles genauestens überwacht und überprüft werden.

Die nächste Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt: Wer würde die Autos fahren? Mit Sicherheit wären es die besten Fahrer, die der jeweilige nationale Motorsportverband aufbieten kann. Würden also Lewis Hamilton und Jenson Button für das Team Großbritannien fahren? Würden Sebastian Vettel und Nico Rosberg für das Team Deutschland fahren? In einer Fantasiewelt könnte man richtig interessante Szenarien entwickeln – erst Recht, wenn man jemanden wie RoC-Organisator Fredrik Johnsson mit der Suche und Verpflichtung von Fahrern beauftragt.

Ich persönlich mochte die Nations-Cup-Rennen, die es vor einiger Zeit mit Autos der Formel Opel gab. Und natürlich erinnern wir uns alle noch an die kurze Geschichte der "Ländermeisterschaft im Motorsport" mit Namen A1 GP. Das Konzept hat sich allemal bewährt. Es müsste einfach nur innerhalb der Richtlinien des IOC umgesetzt werden.

Die Austragungsorte sehe ich nicht als Problem. Ich habe Rallycross-Autos in einem Olympiastadion fahren sehen. Das war bei den X-Games. Sind die X-Games nicht so etwas wie der Hipster-Stiefsohn der Olympischen Spiele?

Die Formel E fährt in Peking rund um das "Vogelnest". Die australischen Supercars fahren in Sydney im Olympischen Park. Es gibt also auch jede Menge Optionen in Sachen Stadtkursen. Abgesehen davon würde ich auch permanente Rennstrecken nicht ausschließen. Fuji beispielsweise wäre perfekt für die nächsten Olympischen Spiele in Tokio. Dummerweise haben sie in Rio das Olympische Dorf genau dort errichtet, wo einmal die Rennstrecke Jacarepagua war...

Ecclestone könnte endlich seine Medaillen bekommen

Olympic snowboarder medalist Kaitlyn Farrington
Kaitlyn Farrington, Olympiasiegerin 2014 im Snowboarden

Photo by: Alexander Trienitz

Im Jahr 2008 brachte Bernie Ecclestone die Idee auf den Tisch, die Formel-1-Weltmeisterschaft anstatt über WM-Punkte über Medaillen zu entscheiden. Ich erinnere mich noch, wie ich ihn auf einer Pressekonferenz in London nach der Verkündung eines weiteren Mega-Lizenzvertrags für die Formel 1 auf das Medaillen-Thema ansprach.

"Der ganze Grund für die Idee war, dass mich die ständigen Diskussionen über mangelnde Überholmanöver einfach genervt haben", so Ecclestone damals, und weiter: "Dass es in der Formel 1 keine Überholmanöver gibt, liegt nicht an den Strecken oder an den involvierten Personen, sondern einfach daran, dass die Fahrer gar nicht überholen müssen."

"Wenn du führst und ich Zweiter bin, dann gehe ich für zwei alberne WM-Punkte nicht das Risiko ein, von der Piste abzukommen. Wenn ich das Risiko aber eingehen muss, um eine Goldmedaille zu gewinnen, weil die meisten Goldmedaillen den WM-Titel bedeuten, dann werde ich dich überholen", sinnierte der Formel-1-Boss.

Mal ganz abgesehen von einer Weltmeisterschaft: Wie cool wäre es, die erste offiziell bei Olympia für ein Autorennen vergebene Goldmedaille zu erringen? Es wäre das Rennen des Jahrhunderts. Welcher Profi-Rennfahrer würde es bitteschön ablehnen, bei diesem Rennen mitzufahren?

Kurt Busch, Stewart-Haas Racing Chevrolet, Olympic-themed racing shoes
Die Schuhe von NASCAR-Pilot Kurt Busch im Olympia-Design

Photo by: Action Sports Photography

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