Analyse: Wie Hamilton Red Bull in Ungarn falsche Hoffnungen machte

Der Grand Prix von Ungarn mag nicht den spannendsten Kampf um den Sieg gesehen haben, doch die Intrigen bezüglich der Strategie und die Kämpfe im Mittelfeld sorgten bis zur Zielflagge für Anspannung.

Auf den ersten Blick mag der Grand Prix von Ungarn auf dem Hungaroring ein wenig enttäuschend verlaufen sein. Wenn die Rede ist von einem Rennen mit 21 ins Ziel gekommenen Fahrzeugen, wenigen Zwischenfälle und so gut wie keinen Überholmanövern, dann liegt es auf der Hand, dass sich die Zuschauer mehr wünschen.

Dennoch war es ein Nachmittag voller Intrigen. Auch wenn es keine Überholmanöver gab, so fanden doch bis zur Zieldurchfahrt enge Zweikämpfe um die Führung, um den dritten Platz und um den fünften Platz statt. Lewis Hamilton hat den Sieg eingefahren, doch Nico Rosberg war ihm während des gesamten Rennverlaufs auf den Fersen und wartete auf einen Fehler. Die Beharrlichkeit des Deutschen hätte beinahe zum Erfolg geführt.

Es gab zwei Schlüsselmomente im Rennen. Der erste war der Start – auf einer Strecke, auf der das Überholen nahezu unmöglich ist, immer ein entscheidender Faktor. Der zweite Schlüsselmoment kam bei Halbzeit des Rennens, als Daniel Ricciardo und Red Bull Druck auf Mercedes ausübten. Das Weltmeisterteam musste an der geplanten Strategie festhalten und hoffen, dass Lewis Hamilton zur richtigen Zeit noch ein wenig zulegen könnte. Genau das hat er getan.

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Die erste Runde versprach ohnehin schon große Spannung. Dies lag zum einen an den bislang wenig berauschenden Starts Hamiltons in der Saison 2016, zum anderen an der Kontroverse um die gelben Flaggen, im Zuge derer die Pole-Position am Samstag an Rosberg gegangen war. Hinzu kam die Tatsache, dass Hamilton als einer der Inhaber der geraden Startplätze von der schmutzigen Seite der Start/Ziel-Gerade losfahren musste.

Das Ergebnis waren unterhaltsame erste Sekunden im Rennen und die Erkenntnis, dass die schmutzige Seite gar kein großes Handicap war. Dies lag vermutlich an der erst kürzlich abgeschlossenen Neuasphaltierung des Hungarorings und/oder an den heftigen Regenfällen vom Samstag.

Hamilton verteidigte sich beim Start erfolgreich gegen den Red Bull von Ricciardo. Zyniker mögen sagen, dass er dem Australier dabei etwas mehr Raum ließ als er es im Falle seines eigenen Teamkollegen getan hätte... Ricciardo jedenfalls hatte einen guten Start, kam aber trotzdem nur als Dritter aus der ersten Runde zurück, weil sich Rosberg mit einem wichtigen Manöver auf der Außenbahn von Kurve 2 den zweiten Platz holte.

"Rein vom Spektakel her war es ein großartiger Start", bemerkt Paddy Lowe gegenüber Motorsport.com. "Die Fahrer in den Top 5 legten allesamt einen richtig guten Start hin. Es kommt einem nicht wie die längste Gerade vor, aber in Wahrheit ist es die fünftlängste der Saison", so der Mercedes-Technikchef in Anspielung auf den Weg von der Pole-Position bis in die erste Kurve.

"Es sind nur 100 Meter weniger als in Barcelona", weiß Lowe und staunt: "In Kurve 1 waren sie quasi zu fünft nebeneinander. Uns ist das Herz in die Hosen gerutscht, denn es sah so aus, als hätte Lewis die Führung an Ricciardo verloren. Ausgangs Kurve 1 hat er sich dann aber doch durchgesetzt. Nico hatte den zweiten Platz in Kurve 1 schon verloren, zeigte dann aber ein fantastisches Manöver und holte sich die Position zurück. Das war ein irres Spektakel und ich bin froh, dass wir mit einem Doppelerfolg im Gepäck abreisen können."

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Im Verlauf des ersten Stints fiel Rosberg bis auf 2,5 Sekunden hinter Hamilton zurück, doch nach der ersten Runde der Boxenstopps und dem Wechsel auf die Soft-Reifen wurde der Abstand deutlich kleiner. Schon wenige Runden nach dem Boxenstopp meldete Hamilton, dass er Probleme habe, "das Tempo zu halten". Der Vorsprung schmolz auf rund eine Sekunde. Näher konnte Rosberg nicht heranfahren, ohne Haftung zu verlieren und damit die Lebensdauer seiner Reifen zu riskieren.

Ricciardo übt Druck aus

Zu diesem Zeitpunkt verlagerte sich die Aufmerksamkeit darauf, wie Ricciardo näher kam. Er hatte seinen ersten Boxenstopp eine Runde vor Hamilton und zwei Runden vor Rosberg eingelegt. Nachdem er zunächst etwas Zeit hinter Valtteri Bottas verloren hatte, holte der Red-Bull-Pilot zügig auf.

Als ihm sein Ingenieur bestätigte, dass er schneller als die beiden Mercedes ist, schöpfte Ricciardo zusätzlich Motivation. Ein paar Runden später erhielt Hamilton die Anweisung, "du solltest ein bisschen zulegen". Die Antwort des Briten: "Ich arbeite daran." Das waren faszinierende Momente.

Hatte Hamilton Reifenprobleme? Oder nahm er, wie einige Beobachter vermuteten, Tempo heraus, um Rosberg in die Hände von Ricciardo fallen zu lassen und damit zu hoffen, dass der Titelkonkurrent wertvolle Punkte verliert? Rosberg selbst sah es nicht so.

"Nein, überhaupt nicht. Ich habe mich nur nach vorn konzentriert und war ganz glücklich damit, dass das Tempo so niedrig war. So konnte ich Druck ausüben und versuchen, ihn (Hamilton; Anm. d. Red.) in einen Fehler zu treiben. Ich habe getan, was ich konnte. Er machte tatsächlich ein paar Fehler, aber die waren nicht groß genug, um vorbeizukommen", so Rosberg.

In Wahrheit hatte Hamilton die Lage im Griff und schonte seine Soft-Reifen. Schließlich war er sich nicht ganz sicher, wie sich diese Reifenmischung über einen kompletten Stint verhalten würde. "Das Problem war, dass es alle Teams für schwierig hielten, mit zwei Stopps, und damit meine ich Supersoft-Soft-Soft, durchzukommen", so Mercedes-Technikchef Lowe, der anmerkt: "Mitten im Rennen ist es sehr schwierig, die Reifen richtig zu managen."

Hamilton formulierte es so: "Mit diesen Reifen ist es so, als schleppe man 100 Britische Pfund mit sich herum und muss sich diese über die Distanz einteilen. Ich kannte mein Ziel und versuchte einfach, so clever wie möglich zu fahren. Hätte ich zu Beginn etwas stärker attackiert, dann hätte ich am Schluss womöglich nicht die nötigen Reserven gehabt. Ich fand, dass es nahezu perfekt gemanagt war. Ich hatte keine Probleme."

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Das Problem für Mercedes war nur, dass Ricciardo zur ernsthaften Gefahr wurde, auch wenn Hamilton glaubte, das Richtige zu tun. Die Bedrohung seitens Ricciardo führte bei Mercedes kurz vor der Halbzeitmarke im Rennen zu einer faszinierenden Konversation. Das Team gab Hamilton zu verstehen, dass Rosberg womöglich zuerst an die Box geholt werden müsse, um ihn vor Ricciardo zu halten.

Mercedes kam es also darauf an, den Doppelerfolg sicherzustellen. Wenn die Umstände dazu geführt hätten, dass Rosberg zuerst stoppt, um vor Ricciardo zu bleiben und er bei dieser Gelegenheit an Hamilton vorbeikommt, dann sei es eben so. "Das war die Situation", bestätigt Lowe. "Wenn wir an einen Punkt kommen, an dem der zweite Platz in Gefahr ist, dann brauchen wir einen Vorsprung."

Früher Boxenstopp von Red Bull

So richtig interessant wurde es, als Ricciardo schon in Runde 33, und damit deutlich früher als erwartet, zum zweiten Boxenstopp kam. Mercedes ließ beide Fahrer zunächst auf der Strecke. Das Team ging davon aus, dass Hamilton mit seinen alten Reifen noch an Tempo zulegen könne und dass Rosberg einen Abstand herausfahren könne, um vor Ricciardo zu bleiben.

"Wirklich stressig wurde es, als sich Red Bull für einen sehr frühen letzten Stopp bei Ricciardo entschied. Das haben sie mit Sicherheit gemacht, um uns richtig unter Druck zu setzen", ist Mercedes-Technikchef Lowe überzeugt und lobt: "Das war eine richtig gute Taktik".

"Sie setzten mit diesem frühen Stopp auf Risiko und das war absolut verständlich, denn anderenfalls wären sie einfach auf Platz drei hängengeblieben. Somit war es das Risiko wert. Das zeigte sich auch im Nachhinein, als er (Ricciardo; Anm. d. Red.) in der Schlussphase des Rennens in der Lage war, vor Vettel zu bleiben", bemerkt Lowe und kommt zum Schluss, dass die Soft-Reifen "deutlich besser waren als alle erwartet hatten".

Aus Sicht von Red Bull wurde der frühe zweite Boxenstopp aber auch eingelegt, um Ricciardo sicher vor Sebastian Vettel zu halten. "Uns ging es hauptsächlich darum, die Position gegenüber Sebastian abzusichern", so Teamchef Christian Horner, der präzisiert: "Als wir sahen, dass Sebastian einen Undercut versuchte, entschieden wir uns zum Boxenstopp, um Track-Position zu gewinnen und gleichzeitig Mercedes ein wenig unter Druck zu setzen."

"Das Ergebnis war freilich", so Horner weiter, "dass sie, sobald sie unter Druck gerieten, plötzlich doch massiv zulegen konnten..." Lowe bestätigt dies: "Klar, wir mussten auf das Tempo antworten. Wir mussten ja davon ausgehen, dass es der letzte Boxenstopp war und wir alle wissen, dass das Überholen auf dieser Strecke sehr schwierig ist. Sie gingen also ein Risiko ein und wir mussten entscheiden, ob wir mitgehen. Das hat zum Glück funktioniert."

Das war der Zeitpunkt, an dem Hamilton die Anweisung erhielt, wirklich Tempo zu machen. "Lewis hatte nicht all die Informationen, die wir hatten", bemerkt Lowe und präzisiert: "Ab dem Punkt, an dem unsere Strategie durch Ricciardos Stopp vorgegeben wurde, mussten wir ihm sagen, dass er seine Reifen stärker fordern solle."

"Damit haben wir Lewis letzten Endes überredet, schneller zu fahren. Als Ricciardo an die Box kam, ging es nicht mehr darum, dass es nett wäre, sein Tempo mitzugehen. Es war absolut essenziell, dass wir das tun, denn anderenfalls hätten wir mit beiden Autos den Sieg verloren", so der Mercedes-Technikchef.

Rosberg rechnete allerdings nicht damit, dass es zu einem abgesprochenen Positionswechsel kommt wie es in Monaco der Fall war. Zum Glück für Mercedes legte Hamilton an Tempo zu. Da er seine Reifen zu Beginn des Stints geschont hatte und so einen großen Teil seiner "100 Britischen Pfund" aufgespart hatte, war er in der Lage, schneller zu fahren.

Hamilton betonte nach dem Rennen aber, dass er die mutige Strategie von Ricciardo nicht im Sinn hatte: "Darauf war ich nicht konzentriert. Ich wusste, dass ich in Führung liege und ich wusste, was zu tun ist, um vorn zu bleiben. Dass er früher an der Box war, hatte ich mitbekommen. Ich war aber in der Lage, seine Rundenzeiten zu fahren. In Wahrheit war ich sogar schneller. Es war also nie ein ernsthaftes Problem."

Hamilton behauptet sogar, dass ihn selbst der Funkspruch, wonach Rosberg vor ihm an die Box geholt werden könnte – und somit die Chance bekommen könnte, die Führung zu übernehmen – nicht aus der Fassung bringen konnte. "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich etwas verändert. Ich habe Nico nicht in eine Falle gelockt. Wenn er schnell genug gewesen wäre, dann hätte er die Lücke schließen und mich angreifen können. Kurz darauf war ich aber ohnehin in der Lage, an Tempo zuzulegen. Somit bestand wohl nie wirklich eine Gefahr."

Hamilton trifft auf Überrundungsverkehr

Es gab durchaus Momente, in denen Rosberg näherkam. In der 52. Runde wurde Hamilton von Esteban Gutierrez aufgehalten und der Vorsprung schmolz auf 0,6 Sekunden, bevor er anschießend wieder größer wurde. In der 62. Runde wurde die Lücke noch einmal so klein, als sich Hamilton einen Verbremser leistete und der von Rosberg ausgeübte Druck beinahe Früchte getragen hätte.

"Ich machte mir während des Rennens keine Sorgen", so Hamilton, um anzufügen: "Abgesehen von Kurve 12, wo ich mich verbremste. Das war der einzige Moment, in dem ich ganz kurz leicht besorgt war, denn ich bremste in dieser Runde auf einer Bodenwelle. In den Runden zuvor und danach bremste ich entweder vor oder nach dieser Bodenwelle. In dieser einen Runde aber traf ich genau diese Bodenwelle. Dadurch blockierte das Rad und ich musste einen weiten Bogen fahren. Abgesehen davon, nein..."

Hätte Hamilton in dieser Szene nur ein wenig mehr Zeit verloren, wäre Rosberg unter Umständen vorbeigekommen. Letzten Endes gelang es Hamilton aber, die Führung bis zur Zieldurchfahrt zu verteidigen. "Es gab diese eine Szene, als Lewis in Kurve 12 einen Fehler machte und geradeaus fuhr. Da wurde es nochmal ziemlich eng", erinnert sich Lowe.

Der Mercedes-Technikchef holt aus: "Wir haben bei Räikkönen und Verstappen gesehen, dass das Überholen wirklich schwierig ist – selbst dann, wenn der Geschwindigkeitsunterschied groß ist. Deswegen war es so wichtig, auf den frühen Stopp von Ricciardo zu reagieren. Wären wir hinter ihm auf die Strecke zurückgekommen, dann wäre er vermutlich vorn geblieben, selbst unter Berücksichtigung dessen, dass er sich in den letzten fünf Runden schwertat."

"Abgesehen vom Start war das der Moment im Rennen, in dem die Anspannung am größten war", betont Lowe und fügt hinzu: "In Bezug auf mögliche Probleme war es ein sehr ruhiges Rennen. Glücklicherweise gab es keine technischen Schwierigkeiten."

Somit war es also ein nahezu perfekter Sonntag für Mercedes, aber einer, der anders hätte verlaufen können, wäre das chaotische Qualifying nicht im Sinne des Teams verlaufen. Hätte sich Sergio Perez nämlich nicht in Kurve 5 seiner letzten Runde in Q2 verbremst, dann hätte es der Mexikaner locker geschafft, Hamilton auf Startplatz elf zu verdrängen. Das wäre dann ein richtig interessantes Rennen geworden...

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Über diesen Artikel
Rennserien Formel 1
Veranstaltung GP Ungarn
Rennstrecke Hungaroring
Fahrer Lewis Hamilton , Nico Rosberg , Daniel Ricciardo
Teams Red Bull Racing , Mercedes
Artikelsorte Analyse
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