Formel 1 2017

Analyse: Wie Sebastian Vettel durch Reifentests einen Vorteil für 2017 gewinnen will

Nach langen Diskussionen mit den Teams und der FIA hat Pirelli mit ausführlichen Reifentests der Prototypen für 2017 begonnen. Diese sind nicht nur breiter, sondern müssen auch viel höhere Abtriebswerte verkraften.

Mercedes, Ferrari und Red Bull Racing haben zu diesem Zweck eigens 2015er-Autos zu Testautos umgebaut, die den höheren Abtrieb, der für nächstes Jahr erwartet wird, simulieren sollen.

Die Teams haben jeweils Einzeltestfahrten, die in zwei Teile aufgeteilt sind: Regen, Soft/Supesoft/Ulrasoft und Hart/Medium. Nach dem Grand Prix von Abu Dhabi gibt es einen abschließenden 10. Test, an dem alle Teams teilnehmen.

Eine wichtige Bedingung von Pirelli war, dass die Teams ihre Stammfahrer oder zumindest erfahrene Testfahrer bei den Tests einsetzen würden – die Tests sollten nicht dazu genutzt werden, hoffnungsvollem Nachwuchs Zeit auf der Strecke zu verschaffen.

Das Programm ist mit fünf absolvierten Tests bereits zur Hälfe abgespult. Interessant ist dabei, dass Ferrari das einzige Team ist, bei dem bisher tatsächlich die Stammfahrer Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen zum Einsatz gekommen sind. Dabei war Vettel zwei Mal im Cockpit, Räikkönen ein Mal. Ein Mal durfte auch Haas-Pilot Esteban Gutierrez ran, der eng mit Ferrari verbunden ist.

Bei Mercedes saß dagegen Pascal Wehrlein am Steuer, für Red Bull Racing war Sebastien Buemi im Einsatz. 

Wieso ist aber Vettel so wild darauf, seine kostbare Freizeit mit Reifentests zu verbringen? Das ist nur ein weiterer Beweis seiner Herangehensweise an den Rennsport, dass "Kleivieh auch Mist macht" und er daher jede Gelegenheit wahrnimmt, sich einen möglichen Vorteil zu verschaffen.

Der Lohn 2011

Das ist der Mann, der 2010, nachdem er den Titel gewonnen hatte, für die Red-Bull-Feier nach Europa geflogen ist und dann sofort zurück nach Yas Island, um den ersten wichtigen Pirelli-Test zu fahren.

Er war auch der einzige Fahrer, der die italienische Firma im Winter besucht hat, weil er den neuen Reifenlieferanten der Formel 1 kennenlernen und wissen wollte, in welche Richtung sie arbeiten.

2011, in der ersten Saison mit den neuen Pneus, dominierte er die Meisterschaft, Teamkollege Mark Webber war meist weit abgeschlagen. Natürlich spielten damals auch andere Faktoren eine Rolle, zweifellos hat er sich aber besser an die neuen Reifen angepasst.

Während das aktuelle Testprogramm für 2017 blind ist – das heißt, die Teams bekommen keine Details über die Konstruktionen, die sie fahren, mitgeteilt – ist doch jeder Kilometer, den ein Fahrer auf den neuen Reifen zurücklegt, bei der Vorbereitung auf diese Reifen hilfreich.

Darüber hinaus kann ein Fahrer, der zu diesem frühen Stadium an den Tests teilnimmt, einen gewissen Einfluss auf die Entwicklung in eine Richtung nehmen, die zu seinem Fahrstil passt.

"Das ist zu 100 Prozent sicher", sagte Pirelli-Technikchef Mario Isola auf die Frage, ob das möglich sei. "Das kann ich unterschreiben! Denn wenn ein Fahrer eine bestimmte Konstruktion mag – sie wissen nicht, was sie testen – wenn sie einen bestimmten Prototypen aber mögen, dann werden sie sich dafür einsetzen, diesen Prototypen zu bekommen. Sie wissen nicht, was was wir wählen, aber sie sie werden in ihren Kommentaren dafür sprechen."

"Ich kenne Vettel sei einigen Jahren und muss sagen, dass er großes Interesse daran hat zu testen. Er will verstehen, was er testet und stellt viele Fragen. Manchmal muss man ihn bremsen und sagen, 'sag du es mir und stell nicht nur Fragen.' Das ist aber seine Persönlichkeit, er will immer alles verstehen..."

Immer noch ein Nutzen

Gute Fahrer können ihre eigenen Schlüsse ziehen, auch wenn sie nicht wissen, was sie fahren.

"Die Fahrer haben ein Gefühl", sagte Isola. "Du kannst einem Fahrer, wenn er im Auto sitzt, nicht sagen, dass er nichts fühlen darf, denn es ist sehr wichtig für uns, auch die Kommentare und das Feedback der Fahrer zu bekommen. Es ist aber schwierig zu sagen, wie groß der Vorteil wirklich ist."

"Sie haben aber ein Gefühl. Es ist nicht das nächstjährige Auto, es ist ein Mittelding zwischen dem diesjährigen und dem nächstjährigen."

"Sie wissen nicht, was sie testen. Manchmal denken sie, es ist eine Mischung, während es eine Konstruktion oder ein anderes Profil ist. Wir analysieren sehr viel. Wenn sie sagen, dieser Prototyp ist für mich fantastisch, müssen wir verstehen, wieso."

"Vielleicht ist es nämlich eine Konstruktion, und weil die bei allen Mischungen gleich ist, ist es sicher etwas, das wir bedenken können. Bei verschiedenen Teams kreuzen wir aber auch einige Spezifkationen um zu sehen, ob wir das gleiche Feedback bekommen."

"Manchmal passiert es, manchmal auch nicht. Wenn es nicht passiert, müssen wir verstehen, warum."

"Der Kommentar des Fahrers ist sehr wichtig, die Daten sind sehr wichtig. Alle Indoor-Tests, die wir in der Fabrik vor einem Test auf der Strecke machen, sind sehr wichtig, und dann haben wir eine Menge Informationen, die wir zusammenaddieren müssen, um die richtige Entscheidung zu treffen."

Pirelli ist ganz klar begeistert, Vettel an Bord zu haben und, dass er so wild darauf ist, eingebunden zu sein. Zweifellos hätten die Italiener aber auch gerne eine etablierte Namen involviert.

"Es steht ihnen frei, sich mit den Teams zu entscheiden. Wir haben in der Vergangenheit besprochen, welche Fahrer wir gerne für diese Tests hätten und wir haben uns darauf geeinigt, dass wir Stammfahrer, Testfahrer oder zumindest erfahrene Fahrer bevorzugen würden, die uns auch Feedback geben können. Die Änderungen sind nämlich so groß, dass wir nicht nur die Telemetrie, sondern auch das Feedback der Fahrer brauchen." 

"Dann liegt es an den Teams. Red Bull Racing nimmt zum Beispiel Buemi, weil er deren Testfahrer ist und er viel im Simulator fährt."

"Für sie ist es wahrscheinlich wichtig, einen Zusammenhang zwischen dem Simulator und dem Auto zu haben. Das ist eine Entscheidung. Buemi hat in Mugello einen sehr guten Job gemacht. Das war der erste Test, aber er hat einen sehr guten Job gemacht."

"Wir haben nicht gesagt, das wir mit Pascals Test unzufrieden waren, er hat einen sehr guten Job gemacht. Er ist ein Rennfahrer. Wir hätten aber auch gerne das Feedback der aktuellen Mercedes-Fahrer. Ich bin sicher, dass sie planen, ihre Stammfahrer bei künftigen Tests einzusetzen."

In den vergangenen Wochen wurden sowohl Lewis Hamilton als auch Nico Rosberg gefragt, ob sie einen Vorteil darin sähen, an den Pirelli-Tests teilzunehmen und beide zuckten nur mit den Schultern und meinten, wenn das Team sie darum bitten würde, würden sie es tun.

Keiner der beiden schien aber so erpicht darauf zu sein, wie Vettel es ist.

"Mal sehen, ich bin nicht sicher, sagte Rosberg in Spa. "Wir haben über den kommenden Test noch nicht gesprochen, also warten wir mal ab. Wenn es sinnvoll ist, dann tue ich es, wenn nicht, dann nicht."

Sicher könnten beide am ausstehenden Mercedes-Test in Barcelona am 12. und 13. Oktober teilnehmen und auch am Gruppentest nach dem letzten Rennen. Die Tatsache, dass sie diese Möglichkeit bisher nicht in Betracht gezogen haben, ist etwas überraschend.

Für Rosberg, der eine ähnliche Herangehensweise hat wie Vettel, wäre alles, was ihn möglicherweise für nächstes Jahr einen Schritt weiter nach vorne bringt, es wert.

Währenddessen tickt die Uhr und sogar, wenn Hamilton und Rosberg am Test Mitte Oktober teilnehmen, könnten sie nur begrenzten Einfluss auf die Spezifikationen von 2017 haben.

Das Gleiche gilt für Daniel Ricciardo und Max Verstappen, die ihre nächste Chance vom 14. bis 16. Oktober nehmen.

"Wir haben nicht viel Zeit", sagt Isola. "Nach den Tests, die wir in den letzten beiden Wochen in Barcelona und Paul Ricard hatten, gab es sofort eine Besprechung und die Jungs haben wirklich Tag und Nach gearbeitet, um die Analyse vorzubereiten."

"Wir hatten ein Treffen und haben die Ergebnisse analysiert, um über die neuen Prototypen für die nächste Gruppe in ein paar Wochen zu entscheiden. Also müssen wir der Fabrik die Informationen geben, die sie brauchen, um die Prototypen herzustellen. Das ist die Zeit, die wir haben und mehr können wir nicht tun."

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