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Auf den Spuren von Toni Pfeffer: Wie Wolff die Mercedes-Krise analysiert

Toto Wolff erinnert die Krise des Mercedes-Teams um Lewis Hamilton an eine der dunkelsten Stunden der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft

Wenn Mercedes nach den Positionen fünf und sechs im dritten Qualifying der Saison erklärt, dass man "überperformt" habe und normalerweise eher auf P8/9 stehen sollte, dann dämmert selbst den ewigen Optimisten langsam: 2022 zum neunten Mal hintereinander mindestens eine Weltmeisterschaft zu gewinnen, das wird zunehmend unwahrscheinlich.

Eine Einsicht, die langsam auch bei Toto Wolff einsetzt. Noch nach dem dritten Freien Training in Melbourne (Rennen am Sonntag ab 7:00 Uhr im Formel-1-Liveticker) hatte er gesagt, dass man die WM "nie abschreiben" darf, denn: "Wir haben es gesehen bei Red Bull: ein Doppelausfall und du hast gleich mal null Punkte. Das kann den Großen vorn auch passieren."

Denn auch wenn die Leistung des F1 W13 E Performance bisher weit hinter der von Ferrari und Red Bull zurücklag, sieht der Punktestand halbwegs freundlich aus. In der Konstrukteurswertung liegt Mercedes mit 38 Punkten an zweiter Stelle, einen Punkt vor Red Bull und 40 hinter Ferrari. Und in der Fahrerwertung fehlen George Russell 23 Punkte auf Leader Charles Leclerc.

Das ist bei 21 noch ausstehenden Rennen nichts, was uneinholbar wäre. Wolff nach FT3 in Melbourne: "Auch im vergangenen Jahr waren wir bis Mitte des Jahres absolut nicht konkurrenzfähig. Dann haben wir trotzdem noch um die Meisterschaft gekämpft. Das ist Racing, nicht nur Wissenschaft. Und was wir tun ist wichtig für die Folgejahre."

Wolff sieht ein: WM kaum noch zu gewinnen

Nach dem Qualifying, bei dem Leclerc vor Max Verstappen auf Pole fuhr, klang dann schon etwas mehr Realismus durch beim Mercedes-Teamchef: "Am Ende des Tages werden wir in diesem Jahr wahrscheinlich nicht um den WM-Titel mitfahren können, weil uns das einfach davonläuft", so Wolff im Interview mit 'Sky'. (ANZEIGE: Jetzt Sky-Ticket holen und am Sonntag den Grand Prix von Australien 2022 mit Lewis Hamilton auf Startplatz fünf live schauen!)

Eine Erkenntnis, die wehtut. Nach der bitteren WM-Niederlage in Abu Dhabi 2021 lautete der Masterplan, dass Hamilton 2022 seinen achten Titel gewinnen und Michael Schumacher in der ewigen Bestenliste überholen sollte. Danach sieht's mit 16 Punkten aus zwei Rennen nicht aus. Hamilton gehe aber "wirklich positiv" mit der Situation um: "Es ist nicht sein letztes Jahr", sagt Wolff.

Vertrag hat Hamilton (37) noch bis Ende 2023. Selbst wenn es 2022 nicht klappen sollte, bleibt ihm noch mindestens eine Chance auf den Schumacher-Rekord. "Wir müssen diese Tage und Rennwochenenden jetzt einfach als Test sehen, um das Auto so weit zu bringen, dass wir im nächsten Jahr auf jeden Fall dabei sind", sagt Wolff.

Legendäres Fußballer-Interview bei 0:9 von Österreich

Das sind ganz neue Töne, nachdem er bislang stets vorgebetet hatte, dass Mercedes den WM-Kampf 2022 nicht vorzeitig abschreiben wolle. Inzwischen verweist aber sogar Wolff selbst bei der Frage, ob er sich mit dem Gedanken, den Titel aufzugeben, langsam anfreunde, auf ein legendäres TV-Interview eines österreichischen Fußballers.

Das österreichische Nationalteam ging 1999 bei einem Match in Valencia gegen Spanien mit 0:9 unter. Zur Halbzeit stand es bereits 0:5. Als der Innenverteidiger Toni Pfeffer zur Halbzeit gefragt wurde, was jetzt noch drin sei, antwortete er: "Hoch wern mas nimma gwinnen, des is amoi kloa." Also sinngemäß: Hoch ist diese Partie nicht mehr zu gewinnen.

 

Wolff: "Wenn ich die Situation aus rechnerischer Sicht betrachte, dann würde ich sagen, dass die Chancen 20:80 stehen. Andererseits ist das Motorsport, und im Motorsport kann alles passieren. Teams können ausscheiden, wir können plötzlich den Schalter umlegen und das Potenzial ausschöpfen. Der Racer in mir sagt: 40:60. Aber rechnerisch stehen die Quoten schlechter."

"Wir sind erst im dritten Rennwochenende der Saison. Wir schreiben diesen Titel nicht ab. Aber das ist, so realistisch muss man sein, unser aktueller Status quo. Wir sind sieben Zehntel hinten", verweist Wolff auf das Qualifyingergebnis - und schönt dieses ungewollt sogar noch: Tatsächlich fehlte im Qualifying in Melbourne eine ganze Sekunde.

Wurz: Siege nicht vor "Mitte des Jahres"

Viel zu viel, um einen schnellen Turnaround zu erwarten. "Das wird sicher bis Mitte des Jahres dauern", befürchtet 'ORF'-Experte Alexander Wurz. Wolff nickt: "Ich muss jetzt meinen Zeithorizont verändern und nicht auf kurzfristige Wunder hoffen. [...] Es geht nicht um eine Session oder ein Rennwochenende. Es geht jetzt um die nächsten Wochen, ein paar Monate, um wirklich einen Schritt nach vorn zu machen."

Bereits mit dem bestehenden Paket, noch ohne größeres Update, könne man etwa an der Hinterradaufhängung weitertüfteln, um die Hinterreifen "wieder ein bisschen mehr zu beanspruchen", identifiziert Wolff eines der Probleme. Früher war der Mercedes mal ein "Reifenfresser". Zeiten, die man sich jetzt sehnsüchtig zurückwünscht.

Für Wurz ist Mercedes angesichts der Ausgangslage nach drei Qualifyings der Saison 2022 "absoluter Außenseiter. Damit müssen sie sich zurechtfinden. Es ist eine neue Aufgabenstellung. Seit acht Jahren sind sie immer der Platzhirsch - und jetzt plötzlich in einer anderen Situation. Aber ich glaube, wenn sich ein Team entwickeln kann, schnell und gut und zielstrebig, dann Mercedes."

Dabei war der Optimismus nach der Präsentation des W13 mit seinen "Zero-Pods", den quasi nicht mehr vorhandenen Seitenkästen, groß. Und das Seitenkastenkonzept wird auch weiterhin nicht in Frage gestellt: "Auf dem Papier ist das unheimlich schnell und gut. In der Realität funktioniert das Auto mechanisch und aerodynamisch nicht", erklärt Wolff im Interview mit 'Sky'.

Korrelation Windkanal-Rennstrecke klappt nicht

"Unser Auto ist schnell auf dem Papier, aber es lässt sich auf der Strecke nicht umsetzen. Das, was wir an Performance im Windkanal sehen und in unseren Simulationen, lässt sich überhaupt nicht übersetzen in die reale Welt. Das ist eine neue Situation für uns, die wir verstehen müssen."

 

Konkrete Ansätze gebe es nicht: "Wir lernen nur mit dem Auto auf der Strecke. So können wir versuchen, das Verständnis dieser Nichtkorrelation zu erlernen. Es bleibt uns nichts anderes übrig. Wir müssen die Rennwochenenden als Livetests sehen. Dinge probieren, die manchmal nicht schnell sind auf der Uhr. Und mit der notwendigen Bescheidenheit akzeptieren, dass andere einen richtig guten Job gemacht haben."

Denn eins ist klar: Selbst wenn Russell erst kürzlich gesagt hat, dass 90 Prozent aller Mercedes-Probleme gelöst sind, wenn der W13 das "Porpoising" in den Griff bekommt und nicht mehr hoppelt wie ein wild gewordener Osterhase, was das Fahrverhalten völlig unberechenbar macht, haben andere auch "Porpoising" - und sind trotzdem schneller.

"Das ist ein guter Punkt", nickt Wolff. "Unser 'Bouncing' ist insofern schlimmer, als wir es auch in die schnellen Kurven mit reinnehmen. Wir sehen ja, wo wir die Performance verlieren. Wenn wir die Daten übereinanderlegen, sind wir im ersten Sektor ziemlich konkurrenzfähig. Im zweiten auch. Aber in Kurve 9/10 und in Kurve 12 reißen wir den ganzen Rückstand auf. Fast eine Sekunde durch ein paar Kurven."

Wolff: "Porpoising" allein macht keine Sekunde aus

"Können wir also mit dem 'Bouncing' auf wundersame Weise plötzlich eine Sekunde entfesseln? Nein, sicher nicht. Aber es gibt viele andere Verbesserungspotenziale. Zum Beispiel das Gewicht. Wir müssen alles optimieren, wie das halt in der Formel 1 so ist. Und gleichzeitig das Auto besser verstehen. Ich bin optimistisch, dass wir es letztendlich hinkriegen werden."

"Ob uns das jetzt in zwei Rennen gelingt oder in fünf oder erst zum Ende der Saison, das kann ich nicht vorhersagen. Aber wir müssen bescheiden bleiben. Mein Zeithorizont hat sich verändert. Ich denke nicht mehr nur an ein Rennwochenende oder an eine Saison, sondern ich denke an die nächsten zehn Jahre. Da wird man auch schlechtere Jahre dabei haben. Das gerade ist so eins."

Mut macht ihm ausgerechnet Red Bull: "Die haben ihr Auto mit dem Update beim Bahrain-Test auch von einem Tag auf den nächsten hinbekommen." Das "Porpoising" gilt trotz allem als Schlüssel. Und das lässt sich in der Fabrik schlecht simulieren, weil den Frequenzen, mit denen man den Windkanal betreiben sind, Grenzen gesetzt sind, verrät Wolff.

"Und auf der Strecke macht das Auto ganz was anderes", seufzt er. "Es bedarf einer neuen Art und Weise, unsere Aerodaten zu analysieren. Es ist eine neue Art und Weise der Korrelation zwischen Simulation und echter Welt. Das müssen wir erst verstehen. Aber wir haben die Werkzeuge und die Leute, um das zu verstehen. Noch sind wir halt nicht dahintergekommen."

Motor: Mercedes nur noch die Nummer 3?

Den Verdacht, dass Mercedes inzwischen auch beim Antriebsstrang nur noch Nummer 3 hinter Ferrari und Honda ist, sieht Wolff indes nicht als bestätigt an. Zu sehr verzerren Flügeleinstellungen, "Porpoising" und Co. bisher die Topspeedwertungen, winkt er ab.

Klar ist aber auch: "Sehr viele gute Leute sind von Mercedes weggegangen", sagt 'Sky'-Experte Ralf Schumacher und meint damit etwa den früheren Motorenchef Andy Cowell oder rund 50 Mitarbeiter, die Red Bull Powertrains abgeworben hat. Schumacher: "Offensichtlich waren die doch sehr wichtig. Bis sich die Truppe wieder richtig findet, das kann ein bisschen dauern."

Doch dass eine halbe Sekunde allein vom Motor kommen soll, das hält Wolff für absurd: "So viel ist es nicht. Es hängt auch mit dem Luftwiderstand zusammen. Ich denke, dass Ferrari einen enormen Schritt gemacht hat von 2021 auf 2022. Einen Schritt, den wir in den vergangenen zehn Jahren so nicht zusammengebracht haben. Aber zwischen Honda, Renault und uns liegt nicht viel."

Demnach seien es eher Kleinigkeiten in vielen Bereichen, die sich aufsummieren. "Wir hatten jetzt drei Rennen ohne Fortschritte", wirkt Lewis Hamilton ratlos. "Es dauert, neue Teile zu bauen. Soweit ich weiß, haben wir aktuell nichts Aufregendes in der Pipeline. Ich wünschte, ich könnte fürs nächste Rennen optimistischer sein. Kann ich aber nicht."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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