Bissige Red Bulls: Hypersoft-Joker sticht in Kanada

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Bissige Red Bulls: Hypersoft-Joker sticht in Kanada
Autor: Heiko Stritzke
Co-Autor: Edd Straw
10.06.2018, 23:03

Red Bull nutzt die andere Reifenstrategie optimal: Verstappen fährt auf das Podium, Ricciardo macht zwei Plätze gut - Auf einer Strecke, die Red Bull gar nicht liegt

Die Red-Bull-Piloten Max Verstappen und Daniel Ricciardo konnten beim Großen Preis von Kanada 2018 zwar nicht den Sieg aus Monaco wiederholen, aber ein eindrucksvolles Ergebnis nach Hause fahren. Max Verstappen holte als Dritter ein Podium, Daniel Ricciardo wurde dank eines Overcuts beim Boxenstopp an Lewis Hamilton vorbeigelotst und fuhr damit den vierten Platz ein, obwohl er das ganze Wochenende über leichte Probleme hatte, wie er erst nach dem Rennen preisgab.

Bildergalerie: Formel 1 in Montreal 2018

Damit ist Red Bull zufrieden, schließlich gilt die Powerstrecke auf der Ile Notre Dame nicht gerade als Paradestrecke des Rennstalls aus Milton Keynes. "Für diesen Kurs sind wir zufrieden", strahlt Helmut Marko. "So nahe waren wir in der Hybridära hier noch nie dran", fügt Christian Horner hinzu. Und richtig erleichtert wird Max Verstappen sein, der nach seinen vielen Zwischenfällen in den ersten Rennen in Montreal endlich mal wieder ein Wochenende ohne besondere Vorkommnisse absolviert hat.

Schnellupdate Kanada:

Red Bull ging auf den Hypersofts ins Rennen, während Ferrari und Mercedes auf den härteren Ultrasofts starteten. "Das war absolut richtig", freut sich Horner. Ricciardo konnte gleich beim Start an Kimi Räikkönen vorbeiziehen und sogar einen Overcut gegen Lewis Hamilton fahren. Verstappen scheiterte am Ende knapp an Valtteri Bottas.

Verstappens Erlösung: Endlich ein sauberes Wochenende

Vor allem für den stark kritisierten Verstappen war es eine Erlösung. Und er zeigte, dass er noch immer ganz der Alte ist: Beim Start hätte er beinahe Valtteri Bottas kassiert und ließ von diesem nach kurzer Berührung erst ab, als es wirklich aussichtslos war. "Ich wollte nicht zu viel riskieren und musste mich dann mit Rang drei zufrieden geben", sagt er im Interview mit 'Sky'.

Er glaubt nicht, sehr viel anders gemacht zu haben als sonst. Auf die Frage von Nico Rosberg, ob er wie Lewis Hamilton an manchen Wochenenden Wut in Speed umgewandelt hat, antwortet er: "Das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Ich will immer ein gutes Wochenende haben und bin enttäuscht, wenn ich es nicht habe. Aber wenn ich etwas aus diesem Grunde anders mache als sonst, mache ich keinen professionellen Job. Manche Fahrer sind so. Wenn sie richtig wütend sind, bringen sie bessere Leistungen. Ich bin eigentlich keine wütende Persönlichkeit, auch wenn manche Journalisten mich vielleicht dazu gemacht haben."

 

Verstappen verbrachte den ersten Stint hinter Bottas und kam dann früh an die Box - die Hypersofts waren mit ihrem Lebenszyklus am Ende. "Uns war klar, dass man auf den Supersofts zwei Grand-Prix-Distanzen hätte fahren", sagt Christian Horner sarkastisch. Doch der Undercut gegen den Mercedes-Piloten funktionierte nicht, weil dieser auf den gebrauchten Ultrasofts schneller fuhr als Verstappen auf neuen, härteren Supersofts. So kam Bottas nach dessen Stopp vor dem Niederländer wieder auf die Strecke, wo er dann auch blieb.

Beinahe Bottas abgefangen

Nicht jedoch ohne dass Verstappen es noch einmal versucht hätte: In den letzten Runden griff er noch einmal nach Platz zwei, ließ sich schnellste Runden notieren und kam bis auf eine Zehntelsekunde bei der Zieldurchfahrt heran - ein äußerst knapper Abstand, den die Verantwortlichen bei Red Bull auch in den Interview nach dem Rennen auch immer gerne zitierten.

Doch wie kam es eigentlich zu diesem engen Ergebnis? "Ich hatte keinen Sprit mehr!", offenbart der Finne bei der Pressekonferenz. Verstappen reagiert verblüfft: "Oha, da hast du aber Glück gehabt. Oder warst richtig präzise. Ohne solche Probleme ist es einfach sehr schwer zu überholen, weil man halt kaum innerhalb einer Sekunde hinterherfahren kann."

 

Nach der Schelte in Monaco gibt es diesmal Lob vom Chef. "Max hatte ein sehr starkes Wochenende. Er war in jeder Sitzung schnell, hat ein gutes Qualifying und ein gutes Rennen abgeliefert. Er hat das Rennen sehr gut gemanagt und gut auf die Reifen aufgepasst. Das ist sehr gut für sein Selbstbewusstsein und hoffentlich ein Kickstart für die nächsten Rennen", sagt Horner, der hofft, dass damit die Diskussionen um Verstappen erst einmal ein Ende finden. Und auch Ricciardo, der in der Schlussphase Zeit auf Verstappen verlor, bescheinigt diesem "ein sehr gutes Wochenende. Das muss man ihm wirklich lassen."

Der 20-Jährige hatte zuvor schon Frieden mit seinen zuletzt arg gebeutelten Mechanikern geschlossen: "Ich bin gestern Abend mit meinen Mechanikern essen gegangen. Es ist immer wichtig, eine gute Beziehung zu ihnen zu haben. Sie arbeiten immer am Auto und mussten es dieses Jahr ein bisschen öfter reparieren..."

Ricciardo erstaunt: "Kimi war sehr nett am Start"

Daniel Ricciardo machte im Rennen auf dem Circuit Gilles Villeneuve gegenüber seinem Startplatz zwei Positionen gut. Gleich beim Start war Kimi Räikkönen fällig. Ricciardo ist verblüfft, wie einfach das war, denn neben dem Hypersoft-Reifen war es vor allem die schwache Gegenwehr des Finnen, die das ermöglichte. "Kimi war sehr freundlich und hat mir genug Raum gegeben. Der Iceman war heute nicht eiskalt", lacht er im Interview mit 'Sky'. "Der eigentliche Start war nämlich gar nicht so gut."

 

Nun hing der Monaco-Sieger hinter Lewis Hamilton fest, doch wieder öffneten sich überraschend alle Pforten, als Hamilton in Runde 16 die Box aufsuchte. Horner erklärt: "Wir waren von seiner Strategie ehrlich gesagt überrascht. Daniel sagte, dass Lewis auf den Ultras nicht gut aussah und viel gerutscht ist. Dann kam er an die Box und Daniel war hinter ihm bis zu diesem Zeitpunkt nur herum gecruist." Ricciardo hatte also noch Gummi auf dem Hypersoft und gab Gas, verbuchte zwei zu diesem Zeitpunkt absolut schnellste Sektoren und erwischte den Mercedes-Piloten mit dem Overcut.

Horner macht drei Faktoren für den Platztausch verantwortlich: "Er hat eine schnelle Runde eingetütet und Lewis hatte einen kleinen Moment, als er aus der Box herausfuhr. Das, Daniels Inlap, und ein schneller Boxenstopp der Boxencrew haben den Ausschlag gegeben."

Gegen Ende wehrte sich der Australier gegen den nachdrückenden Lewis Hamilton und konnte diesen auf Distanz halten. "Ich bin relativ zufrieden für einen vierten Platz", bilanziert er. Denn er hatte ein kleines Problem mit sich herumgeschleppt, was er bislang verheimlicht hatte: "Wir hatten nach dem Motor-Upgrade ein Problem mit der Kalibrierung. Das hat sich negativ auf die Fahrbarkeit ausgewirkt. Ich hatte Probleme, die Reifen unter Kontrolle zu halten. Das erklärt ein bisschen die fehlende Konstanz."

 

Wer hat denn nun die schnellste Runde?

Nur über eines werden die Red-Bull-Piloten wohl noch eine Weile streiten: Wer von beiden hat nun die schnellste Runde gefahren? Ricciardo holte sich die beste Rundenzeit am Ende gleich zweimal - in den Runden 69 und 70. Doch aufgrund der Zielflaggen-Panne zählen diese beiden Runden gar nicht mehr, sodass Max Verstappens schnellster Umlauf aus Runde 65 als schnellste Rennrunde gewertet wurde. Ricciardo wurde sichtlich anders, als er sah, dass seine schnellste Runde gar nicht zählt.

Max Verstappen scherzt seinerseits: "Dieser verdammte Daniel will auch immer auf schnellste Runde gehen. Schön, dass sie einen Fehler gemacht haben. Das macht mich sehr glücklich."

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