Blaue Flaggen: Manche wollen Abschaffung, andere drakonische Strafen

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Blaue Flaggen: Manche wollen Abschaffung, andere drakonische Strafen
Autor: Dominik Sharaf
27.09.2018, 17:20

Die Formel 1 diskutiert über blaue Flaggen: Warum eine Abschaffung nicht für mehr Rennaction sorgen muss und wo die wahren Ursachen des Problems liegen könnten

Der Singapur-Grand-Prix hat Überrundungen und blaue Flaggen zum bestimmenden Gesprächsthema in der Formel 1 werden lassen. Im Vorfeld des Rennens in Russland diskutiert die Szene daher über die Abschaffung der Pflicht, einem Piloten mit einem Umlauf Vorsprung Platz machen zu müssen – aber genauso über eine strengere Durchsetzung jener Regel.

Die Gemüter erzürnten beim Nachtrennen zwei Situationen: Erstens als die Nachzügler Sergei Sirotkin und Romain Grosjean fast über den Sieg entschieden, als sie den führenden Lewis Hamilton aufhielten und Max Verstappen einen Angriff ermöglichten. Zweitens der zahnlos hinter Nico Hülkenberg tuckernde Valtteri Bottas, der einfach nicht nahe genug an den zur Überrundung anstehenden Renault herankam, um die Streckenposten die blauen Flaggen schwenken zu lassen.

An der ersten Szene scheiden sich die Geister. Für die einen haben die Hinterbänkler sich zu intensiv mit sich selbst beschäftigt und geschlafen, was das Vorbeilassen der Topautos angeht. "Die Probleme hören nie auf", sagt Ferrari-Star Kimi Räikkönen. "Wir reizen die Regeln alle immer bis auf das Letzte aus. Wenn nicht so hart vorgegangen wird, dass sofort bestraft wird, ändert sich nichts."

Soll heißen: Wenn es erlaubt ist, bis zur dritten blauen Flagge zu warten, bevor man die Tür aufmacht, darf sich keiner wundern, wenn der Führende mehrere Kurven lang aufgehalten wird.

Die anderen betrachten das Scharmützel als den Beweis dafür, dass blaue Flaggen abgeschafft gehören – so wie es die Formel 2 und die IndyCar-Serie vorgemacht haben. Vorteil: Es könnte sich keiner mehr darüber beschweren, unfair behandelt worden zu sein. Dazu würden sich unverhofft spannende Rennsituationen ergeben, wie jene zwischen Hamilton und Verstappen in Singapur.

Dem Haas-Team gefällt der Vorschlag. "Es gibt Regeln, an die wir uns zu halten haben. Wenn nicht, dann gibt's eine Strafe. Aber teils befolgst du sie und wirst trotzdem sanktioniert", argumentiert Kevin Magnussen. Es könne also nie fair zugehen, wenn man auch die Situation der Mittelfeld-Teams in Betracht zieht. Sein Teamchef Günther Steiner stimmt ihm zu: "Die aktuellen Regeln sind ein Vorteil für denjenigen, der sowieso führt", sagt er. "Sie spielen also den Reichen in die Karten."

Für Daniel Ricciardo ist die Abschaffung der blauen Flaggen ein Graus: "So extrem sollte es nicht werden. Wenn man mit einem Hinterbänkler crasht, weil man gezwungen ist zu überholen, wäre es zu viel des Guten", moniert der Red-Bull-Pilot. Auch Charles Leclerc ist Befürworter der aktuellen Bestimmungen. In Singapur wären sie schlecht umgesetzt worden. "Ein einziges Chaos", schimpft er. "Einmal haben mir Streckenposten rundenlang Gelb gezeigt, obwohl niemand hinter mir war."

Romain Grosjean bemerkt zudem, dass die ohnehin kaum einsehbaren Rückspiegel bei Flutlicht extrem dunkel erscheinen würden. Ein hinterherfahrender Wagen – besonders mit dunklem Lack – sei kaum zu erkennen. Ganz zu schweigen davon, dass in Singapur das Überholen so schwierig ist wie auf kaum einer anderen Bahn im aktuellen Kalender. Also nur ein streckenspezifisches Problem?

Teilweise ja, aber daran wären auch die aktuellen Formel-1-Autos mit ihrer komplizierten Aerodynamik beteiligt, finden viele. "Man sieht nicht, was mit dem Luftstrom passiert", klagt Weltmeister Lewis Hamilton. "Man sieht nur einen Wagen hinter dem anderen herfahren und fragt sich: 'Warum zur Hölle überholt er nicht?!'" Ganz einfach: Weil er nicht nahe genug heranfahren kann. Steiner stimmt zu: "Wenn wir Autos haben, die einfach überholen können, passiert sowieso nichts."

Dass die FIA in Singapur ein Zeitfenster von 1,2 Sekunden zum zur Überrundung anstehenden Fahrzeug als Referenzwert für das Schwenken blauer Flaggen ausgab, halten einige für vertretbar, andere für zu gering bemessen. Zum Beispiel Bottas, dessen Auto jedes Mal ins Rutschen geriet, wenn er so dicht auf den Renault aufschloss, dass er die Marke hätte unterschreiten können. Ricciardo pflichtet bei: "Wenn ich Valtteri gewesen wäre, wäre ich ziemlich angepisst gewesen."

Die Tatsache, dass Mercedes, Ferrari und Red Bull dem übrigen Feld 2018 um Lichtjahre voraus sind, verschärft die Situation. So kommt es schon zur Rennhalbzeit zu unzähligen Überrundungen. Unterschiedliche Boxenstrategien stiften weitere Verwirrung. "Aber es ist viel besser als zu Zeiten, in denen ich bei HRT gefahren bin. Da wurde ich im Rennen viermal überrundet", meint Ricciardo.

Oder sind nicht die Regeln und die Autos, sondern die Fahrer das Problem? "Die Führenden werden sich immer beschweren", hadert Magnussen und ärgert sich über wütende Funksprüche der Stars, bei denen sie mit langsameren Piloten abrechnen – obwohl sie nicht zwingend etwas falsch gemacht haben. "Vielleicht sollten sie sie einfach nicht mehr im Fernsehen senden", ätzt er. "Ich habe ja Verständnis dafür, wie frustrierend es sein muss. Aber wir können uns nicht in Luft auflösen."

Bleibt festzuhalten, dass es die Würze eben jener Diskussion ist, die die Formel 1 dennoch bereichert. "Denn warum veranstalten wir eigentlich kein dreitägiges Zeitfahren?", fragt sich Ricciardo.

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Autor Dominik Sharaf
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