Blistering, Strategie: So will Mercedes in Silverstone Ferrari knacken

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Blistering, Strategie: So will Mercedes in Silverstone Ferrari knacken
Autor: Christian Nimmervoll
Co-Autor: Adam Cooper
08.07.2018, 06:34

Mercedes-Sportchef Toto Wolff glaubt, dass die hohen Temperaturen, die Reifen und der Start den Grand Prix von Großbritannien entscheiden werden

Den Start gewinnen, das Rennen von der Spitze aus kontrollieren und dabei zuschauen, wie die Reifen am Ferrari Blasen ziehen: So stellt sich das Mercedes-Team in der perfekten Welt den Grand Prix von Großbritannien in Silverstone vor. Doch Teamchef Toto Wolff gibt sich nicht der Illusion hin, dass es tatsächlich so kommen wird.

Die vielleicht größte Sorge sind die Reifen, denn die haben Mercedes schon in Österreich härter getroffen als Ferrari. Am Red-Bull-Ring war der Asphalt im Rennen um 13 Grad wärmer als im Qualifying, und mit dem daraus resultierenden "Blistering" (Blasenbildung auf den Laufflächen) konnte Ferrari etwas besser umgehen als Mercedes.

Auch in Silverstone werden heute ein paar Grad mehr erwartet als gestern. "Die Hitze", befürchtet Wolff, "mag unser Auto nicht. Wir konnten schon von FT3 auf das Qualifying einen Unterschied sehen, denn da ist die Asphalttemperatur um zehn Grad gestiegen." Was er damit meint, erschließt sich freilich auf den ersten Blick nicht ganz: Sowohl in FT3 als auch im Qualifying lag Lewis Hamilton hauchdünn vor Ferrari.

Aber weil in Silverstone die speziellen Pirelli-Reifen mit dünnerer Lauffläche angeboten werden, wie schon in Barcelona und Le Castellet - und dort waren die Silberpfeile souverän - im Einsatz waren, hofft Wolff insgeheim, dass es diesmal Ferrari härter treffen könnte, falls die Reifen im Rennen einknicken sollten.

"Wir haben am Freitag Blistering am Ferrari gesehen. Ihr Longrun war nicht spektakulär, unserer ein bisschen besser", findet er und widerspricht damit den nüchternen Rundenzeiten-Daten unserer Longrun-Analyse. Valtteri Bottas ergänzt: "Ferrari hatte im zweiten Training Blistering, wir nicht. Morgen ist aber ein neuer Tag. Und die Stints im Rennen sind länger als im zweiten Training. Da gibt es also noch viele Fragezeichen."

Aus Sicht von Wolff geht es darum, "wo du nach der ersten Runde stehst, ob du das Rennen von der Spitze aus kontrollieren kannst oder ob du angreifen musst. In dem Moment, wo du angreifen musst, ist die Gefahr, dass deine Reifen stärker abbauen oder Blasen ziehen als beim führenden Auto, natürlich größer."

Ein Mittel könnte sein, die Ferraris "in die Zange" zu nehmen, denn in der Startaufstellung steht Hamilton auf dem ersten und Bottas auf dem vierten Platz. Dazwischen: Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen. "Wir werden voll auf Angriff fahren", kündigt Wolff an, "und Teil davon könnte gut sein, dass wir auf zwei verschiedene Strategien setzen."

Wichtig dafür wäre, den Start zu gewinnen: "Wenn wir vorne bleiben, dann ist Lewis in Silverstone immer eine Macht. Wenn du aber am Start oder in der ersten Runde überholt wirst, dann wird das Ganze schon schwieriger", befürchtet Wolff. Seine größte Sorge in diesem Kontext: Hamilton selbst könnte den Ferraris den Windschatten spenden, um an ihm vorbeizuziehen.

Zumal Mercedes bei den Starts zuletzt verwundbar war. Bottas hat seinen in Österreich komplett verpatzt, Hamiltons war zumindest mäßig. Wolff gibt zu: "Das ist ein Bereich, in dem wir nicht so gut waren. Unsere Starts waren okay, aber die von Ferrari waren außergewöhnlich. Da setzen wir uns momentan immer einem Risiko aus."

Immerhin ist inzwischen entschlüsselt, warum Bottas in Österreich von der Pole auf Platz vier zurückgefallen ist: "Wheelspin", verrät der Finne. "Wir hatten ein höheres Grip-Delta erwartet. Leider haben wir nur Starts auf Ultrasoft trainiert, was im Nachhinein betrachtet ein Fehler war, weil wir auf Supersoft gestartet sind. Wir hatten da mit einem minimalen Grip-Unterschied gerechnet, aber der war dann doch größer als gedacht."

Was Hamilton dabei helfen könnte, seine Pole-Position zu verteidigen, ist die Tatsache, dass durch die ultraschnelle Kurve 1 (Abbey) der Windschatten eher nicht zu halten ist. Es ist ein Ritt auf der Kanonenkugel, DRS durch Abbey offen zu lassen - aber wenn dann auch noch der Verlust von Anpressdruck durch die Verwirbelungen eines Vordermannes dazu kommt, geht die Kurve nicht mehr voll.

"Ausgeschlossen", sagt Bottas. "Wir haben das nicht einmal mit wenig Sprit, alleine fahrend, mit offenem DRS geschafft. Wir mussten zumindest für eine Sekunde oder so zuklappen." Und das sogar im Qualifying. Anders übrigens als die Red Bulls, für die Abbey auch mit aktiviertem DRS möglich ist - was nicht nur am Chassis liegt, sondern auch an der niedrigeren Geschwindigkeit, bedingt durch 70 bis 80 PS weniger Motorleistung, wie Max Verstappen behauptet.

Was Hamilton hilft, ist schlecht für Bottas: Er muss von P4 kommend nämlich selbst überholen. "Es ist heutzutage nie einfach, jemanden bei hoher Geschwindigkeit zu folgen", befürchtet der 28-Jährige. "Wir haben hier aber schon überholt, mehr als auf anderen Strecken. Umgekehrt ist der Pace-Unterschied zwischen uns und Ferrari minimal. Wenn du auf der gleichen Strategie bist, wird es extrem schwierig."

Bottas steht bereits vor Halbzeit der Saison unter Druck. In der Fahrer-WM liegt er nach einer Serie von Pleiten, Pech und Pannen an sechster Stelle, 54 Punkte hinter Leader Vettel und 53 hinter Hamilton. "Für uns zählt jetzt jedes Rennen", weiß er. "Ich bin nur Sechster in der WM. Ich muss langsam anfangen, 'Big Points' zu sammeln."

"Ferrari", sagt Wolff, "war vergangenes Jahr auch schon dran. Ich erinnere mich, dass sie als WM-Führender in die Sommerpause gegangen sind." In der Fahrer-WM hatte Vettel nach Ungarn 2017 14 Punkte Vorsprung auf Hamilton und 33 auf Bottas. "Und das sehen wir dieses Jahr wieder. Es ist ein harter Kampf zwischen Ferrari und uns, in dem auch Red Bull manchmal aufzeigt. Und so wird es weitergehen", glaubt der Österreicher.

Um letztendlich die Oberhand zu behalten, darf ein Doppelausfall wie zuletzt in Spielberg natürlich nicht mehr auftreten. Beobachter vermuten einen Zusammenhang zwischen dem jüngsten Antriebs-Update und den Defekten. Verifiziert ist das nicht. Bei Mercedes betont man nur: "Es geht um die richtige Balance zwischen Zuverlässigkeit und Performance. Denn die beiden Faktoren hängen natürlich zusammen."

"Was in Österreich passiert ist", relativiert Wolff, "war statistisch gesehen ein totaler Ausreißer, ein Doppelausfall. Aber so etwas setzt sich im Hinterkopf natürlich fest. Ich hoffe, dass wir das Positive daraus mitnehmen und lernen, und ich hoffe auch, dass wir morgen mit einem starken Rennen zurückschlagen können."

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