"Brake-Test": Wieder dicke Luft zwischen Hamilton und Vettel!

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Christian Nimmervoll
Autor: Christian Nimmervoll
30.04.2018, 05:16

Es kommt einem vor wie ein Deja-vu: Lewis Hamilton wirft Sebastian Vettel vor, beim Re-Start in Baku gefährlich gefahren und deshalb ein schlechtes Vorbild zu sein

Ein Jahr nach dem verhängnisvollen Rammstoß von Baku gibt es zwischen Lewis Hamilton und Sebastian Vettel wieder eine Kontroverse über die Re-Starts nach Ende einer Safety-Car-Phase beim Grand Prix von Aserbaidschan. Zwar kam es diesmal nicht zu einer Kollision der beiden Superstars; doch Hamilton übt scharfe Kritik an Vettels Verhalten auf der Strecke.

"Die Regeln sind klar", beschwert sich der Mercedes-Fahrer. "Wenn das Safety-Car reinkommt, darfst du nicht dauernd Gas geben und wieder bremsen. Du darfst den Kerl hinter dir nicht verarschen, denn genau das würdest du tun, wenn es die Regel nicht gäbe, weil du ihn dann komplett überraschen würdest. Das ist nicht erlaubt. Du darfst zick-zack fahren, aber nicht Gas geben und wieder bremsen, Gas geben und wieder bremsen. Das ist gegen die Regeln."

Aber genau das hat Vettel in Baku gemacht, und viele fühlten sich bei der haarigen Szene, als sein "Brake-Test" beinahe erneut zu einem Crash geführt hätte, an 2017 erinnert. Damals freilich war die Ausgangslage genau umgekehrt: Hamilton führte vor Vettel und spielte sich mit der Dosierung des Tempos. Das wiederum ließ bei Vettel die Sicherungen durchbrennen. Nicht ausgeschlossen, dass sich Vettel am Sonntag insgeheim gedacht hat: Wie du mir, so ich dir!

Im FIA-Regelbuch steht unter Artikel 39.13: Sobald die Lichter des Safety-Cars ausgehen, darf nicht mehr wahllos beschleunigt oder verzögert werden, um Manöver zu verhindern, die andere Fahrer gefährden oder den Re-Start behindern könnten.

Das stützt Hamiltons Kritik.

Gleichzeitig sieht FIA-Rennleiter Charlie Whiting Vettels Verhalten in Baku gelassen: "Ich finde, Seb hat das gut kontrolliert", winkt er ab. "Es gab eine Beschwerde von Lewis, dass er kein konstantes Tempo gehalten hat, aber es gibt im Feld mehrere Stellen, an denen das passiert. Zu erwarten, dass alle gleich schnell fahren, ist nicht realistisch. Aber solange niemand etwas Gefährliches anstellt, haben wir kein Problem damit. Und Seb hatte das gut im Griff."

Eine Ansicht, die Hamilton nicht nachvollziehen kann: "Ich habe mich bei jedem Re-Start, besonders vergangenes Jahr, an die Regeln gehalten. Sebastian hat schon in Australien Gas gegeben und dann wieder gebremst, sodass ich ihm beinahe hinten reingefahren wäre. Und heute wieder, gleich viermal! Ich muss mit Charlie darüber reden, denn ich verstehe das nicht."

 

Pole sitter Sebastian Vettel, Ferrari and Charlie Whiting, FIA Delegate in parc ferme
Pole sitter Sebastian Vettel, Ferrari and Charlie Whiting, FIA Delegate in parc ferme

Foto Sutton Images

 

"Mir wurde gesagt, dass Charlie den Vorfall den Rennkommissaren gemeldet hat. Aber die haben nichts unternommen", ärgert sich der 33-Jährige. "Anscheinend haben die Kommissare gesagt: 'Die anderen tun's ja auch.' Mag sein, aber wir sind die Führenden. Das, was wir tun, zieht sich nach hinten durch, wie beim Ziehharmonika-Effekt. Wenn das erste Auto so fährt, fahren zwangsläufig alle so."

Hamilton ist besorgt, dass ein Präzedenzfall geschaffen wird, wenn die FIA Vettels Verhalten ungestraft durchgehen lässt: "Jeder, der einen Grand Prix hinter dem Safety-Car anführt, weiß jetzt, dass er die ganze Zeit Gas geben und wieder bremsen darf. Das zieht sich durch von der Formel 2 über die Formel 3 in die Formel 4, weil die Jungs wissen, sie werden eh nicht bestraft. Und das verstehe ich nicht, denn die Regel sagt ganz klar etwas anderes."

"Wir müssen darüber im nächsten Fahrerbriefing sprechen, denn den Kommissaren scheint das eindeutig ziemlich egal zu sein", beschwert sich Hamilton. "Sollte dem wirklich so sein, werden wir das ständig erleben, und dann kann ich mich das nächste Mal wenigstens geistig darauf einstellen. Ich bin heute ja schon rechts neben ihm geblieben, um eine Kollision zu verhindern, wenn er das macht. Sonst wäre ich ihm hinten reingefahren."

Dabei hat es der viermalige Weltmeister selbst auch nicht immer so genau genommen, wenn er einen Grand Prix hinter dem Safety-Car angeführt hat. Man denke nur an Fuji 2007, als er sich hinter dem Safety-Car so weit zurückfallen ließ, dass die Kettenreaktion eine Kollision zwischen Mark Webber und - ausgerechnet - Vettel auslöste. Oder auch an Baku 2017, wo ihm von Vettel unterstellt wurde, er habe absichtlich einen "Brake-Test" vollzogen.

Die FIA hat das Thema auf dem Radar, sieht aber keinen akuten Handlungsbedarf. Whiting: "Ich finde, Seb hat das sehr gut kontrolliert. Es liegt im Ermessen des Führenden, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann es wieder losgeht. Anders als in anderen Serien, wo es eine Beschleunigungszone gibt, 300 bis 400 Meter, vor denen und nach denen niemand plötzlich das Tempo anziehen darf."

Baku sei in dieser Hinsicht besonders knifflig, "weil sie hier extrem schnell zum Safety-Car aufschließen, wenn sie zu früh Gas geben. Das haben wir ja auch in der Formel 2 schon einmal erlebt." Zu früh Gas geben ist daher auch keine Option.

Übrigens ein Argument, mit dem sich Hamilton 2017 gegen die "Brake-Test"-Vorwürfe verteidigt hat ...

Die Gespräche wurden geführt von Adam Cooper und Scott Mitchell

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