Chance und Risiko: So viel Würze liegt im Punkt der schnellsten Rennrunde

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Chance und Risiko: So viel Würze liegt im Punkt der schnellsten Rennrunde
Autor:
Co-Autor: Jonathan Noble, Scott Mitchell, Adam Cooper
14.03.2019, 12:16

Ein Punkt für die schnellste Rennrunde könnte das Renngeschehen durchaus aufmischen und selbst für das Mittelfeld eine Chance bieten, glauben Fahrer

Sorgt der Bonuspunkt für die schnellste Rennrunde in der Formel 1 2019 für neue Strategien? Die Königsklasse hat vor dem Auftakt in Melbourne bekanntgegeben, die schnellste Runde im Rennen mit einem Zusatzpunkt zu belohnen - aber nur, wenn der betreffende Fahrer auch in den Top 10 ist. Das könnte in einigen Situationen Würze in das Rennen bringen, glauben einige Piloten. Der Umgang mit der neuen Punktemöglichkeit hängt aber vor allem von der Leistungsfähigkeit des eigenen Autos ab.

Vor allem im WM-Kampf könnte das von entscheidender Bedeutung sein. "Das sind 21 Punkte", sagt Weltmeister Lewis Hamilton, der übrigens einen Titel weniger hätte, wenn es früher schon Punkte für die schnellste Rennrunde gegeben hätte. Dann wäre nämlich Felipe Massa, damals um einen Punkt unterlegen, 2008 Weltmeister geworden. "Ich bin gespannt, wie die Leute versuchen werden, diese Punkte zu bekommen."

Eines ist klar: Wenn Formel-1-Piloten die Chance haben, einen Punkt zu ergattern, dann werden sie das auch tun. Schon Sebastian Vettel wollte in seiner Dominanz-Zeit bei Red Bull aus Prinzip die schnellste Runde holen - wenn es jetzt noch Punkte dafür gibt, ist der Anreiz umso höher. Der Deutsche selbst glaubt zwar nicht, dass es groß etwas ändern wird, doch bei genauer Betrachtung könnte die Umstellung einen großen Einfluss haben.

Wer Risiko eingeht, kann verlieren

"Wenn man einmal von der Regel weiß, dann kann es im Rennverlauf zu Unterschieden kommen", sagt Valtteri Bottas. Der Finne holte 2018 die meisten schnellsten Rennrunden von allen, doch damals gab es noch keine Belohnung dafür. Jetzt können Spitzenpiloten am Ende des Rennens absichtlich auf Rundenzeitjagd gehen. Zwar betrifft das wohl kaum die Fahrer, die sich im engen Kampf um das Podest oder den Sieg befinden, doch es gibt andere Chancen.

Ein souverän in Führung liegender Fahrer kann nun versuchen, noch einen Punkt zu holen, anstatt cruisend den Sieg über die Linie zu bringen. Das sorgt allerdings für ein höheres Risiko, und wer Risiko eingeht, der kann am Ende auch verlieren.

Spannender könnte es auch weiter hinten zugehen. Da hinter den drei Topteams 2018 eine große Lücke klaffte, könnten Fahrer mit großem Abstand nach hinten kurz vor Schluss an die Box fahren, um sich frische Reifen und so die schnellste Runde zu holen. Sollte kein anderer Fahrer aus einem Topteam mitmachen, wäre das fast ein Freibrief. Red Bull schwebte im Vorjahr meist im luftleeren Raum zwischen Spitze und Mittelfeld und hätte sich dadurch häufig noch Zähler sichern können.

Teamtaktiken werden die Tür geöffnet

Ganz mutige Fahrer könnten auch versuchen, einen eventuellen Platzverlust mit frischen Reifen wieder gutzumachen, "aber ich glaube nicht, dass wir eine Position aufgeben werden, nur um die schnellste Runde zu fahren", sagt Ferraris Charles Leclerc. "Wenn wir uns die Punkteabstände abschauen, dann ist es besser, vorne zu bleiben." Denn garantiert ist ein Überholen häufig auch mit frischen Reifen nicht.

Was ist aber, wenn ein Fahrer gar nicht freiwillig reinfährt, sondern taktisch vom Team gezwungen wird? "Ich bin sicher, dass man als Team damit spielen kann", sagt Max Verstappen. "Wenn du um die WM fährst, dann kann das gegen dich laufen."

Ein Beispiel: Lewis Hamilton und Sebastian Vettel kämpfen um den Titel und Hamilton hält die schnellste Runde. Dann würde es aus Ferrari-Sicht vielleicht sinnvoll sein, Charles Leclerc an die Box zu holen und ein paar Positionen zu opfern, um Hamilton den Punkt abzunehmen. "Wir haben in der Vergangenheit schon Meisterschaften gesehen, in denen es um einen Punkt gegangen ist. Das kann wichtig sein", weiß der Monegasse.

Wo die Chance für das Mittelfeld liegt

Anders verhält sich die Situation für die Mittelfeld-Teams: Sie werden wohl kaum selbst in den Genuss eines Zusatzpunktes kommen, weil sie sich in der Regel einen zusätzlichen Boxenstopp nicht leisten können, ohne aus den Top 10 zu fallen.

Ohnehin gab es in den vergangenen beiden Jahren nur drei Fälle, in denen ein Fahrer aus dem Mittelfeld die schnellste Runde holte: Sergio Perez 2017 in Monaco, Fernando Alonso 2017 in Ungarn und Kevin Magnussen 2018 in Singapur. Nun nehmen ihnen die Top-3-Teams diesen seltenen Prestige-Erfolg im Zweifel eher weg, weil sie selbst auf die schnellste Runde gehen.

Romain Grosjean

Dass ein Boxenstopp eine Fehlerquelle ist, musste Grosjean 2018 in Melbourne erfahren

Allerdings könnte gerade das eine kleine Zusatzchance auf Punkte sein, glaubt Romain Grosjean: "Wenn man einen Boxenstopp einlegt, dann besteht immer das Risiko, dass ein Rad nicht richtig angezogen wird oder so etwas", hofft er eher auf Patzer, als selbst eine Chance auf den Punkt zu haben. "Für das Mittelfeld selbst wird sich nicht viel ändern", so der Haas-Pilot.

Übrig bleibt eine kleine Gruppe, für die die Regeländerung wohl in keinem der Fälle eine Bedeutung hat. "Mich interessiert das nicht wirklich", gibt Robert Kubica zu Protokoll - wohl wissend, dass sein Williams-Rennstall zu weit weg sein dürfte. "Leider hat das für uns wohl keine Bedeutung. Zumindest aktuell nicht."

Mit Bildmaterial von LAT.

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Rennserie Formel 1
Autor Norman Fischer
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