Red-Bull-Paradoxon: Je schneller, desto schlechter

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Red-Bull-Paradoxon: Je schneller, desto schlechter
Autor: Dominik Sharaf
Co-Autor: Scott Mitchell
07.07.2018, 19:20

Warum Strecken mit hohem Vollgasanteil Gift für das Team sind und es seine aerodynamischen Vorzüge in der Formel 1 zunehmend weniger ausspielen kann.

Die Red-Bull-Mannschaft gibt in der Formel-1-Saison 2018 Rätsel auf: Auf temporeichen Strecken, auf denen viele Experten keinen Pfifferling auf sie setzen, foppt sie Mercedes und Ferrari. In ihren vermeintlichen Lieblingsgefilden lässt sie hingegen Federn - so wie im Qualifying zum Großbritannien-Grand-Prix in Silverstone am Samstag, als nicht zusammenlief.

Auf der aerodynamisch anspruchsvollen Bahn, auf der das Team in der Vergangenheit dominierte, waren Max Verstappen und Daniel Ricciardo als Fünfter und Sechster gegen die übrigen Topteams chancenlos. Ihre Rückstände waren mit 0,710 respektive 1,207 Sekunden sogar erdrutschartig. Das, nachdem die Truppe noch am vergangenen Wochenende in Spielberg auf Augenhöhe gewesen war.

Verstappen ist überzeugt, dass der RB14 aerodynamisch weiterhin das Maß der Dinge wäre. Er will die Schmach anders erklären und spielt auf den Renault-Antrieb an: "Wenn man bedenkt, dass uns 70 bis 80 bhp (71 bis 81 PS; Anm. d. Red.) fehlen, ist es klar, dass wir Probleme bekommen." Nur warum nicht auch auf dem viel schnelleren Red-Bull-Ring? Das Schlüsselwort heißt Vollgasanteil.

Vollgasanteil bedeutet: Der Anteil der Zeit, in der der Fahrer während einer Runde mit maximalem Pedaldruck auf dem Gas steht, an der gesamten Rundenzeit. In Spielberg liegt er bei 56 Prozent, in Silverstone bei 67 Prozent – wahrscheinlich höher, weil durch die technische Weiterentwicklung der Autos mehr Kurven ohne Lupfen gefahren werden als 2017, als die Werte berechnet wurden.

Verstappen nennt Abbey und Copse, wo nun niemand mehr vom Gas geht. "Das macht es für uns immer schwieriger und schwieriger", sagt er. Schließlich ist Red Bull nicht mehr in der Lage, durch seine gute Aerodynamik früher zu beschleunigen oder sich im Gegensatz zur Konkurrenz das Lupfen zu sparen. Es geht nur noch um die schiere Power, wenn alle Autos mit Vollast durchknallen.

"Es ist ein großes Problem, wenn man mit Vollgas durch eine Kurve fährt, beschleunigt und der Motor einfach nicht zieht. Man weiß, dass man einfach nicht genügend PS hat", moniert Verstappen. Er behauptet: Das Problem intensiviert sich, wenn durch das Lenken Geschwindigkeit abgebaut wird. Denn das Einschlagen der Räder erzeugt Reibung. Kinetische Energie wird in Wärmeengerie umgewandelt, der Wagen bewegt sich langsamer vorwärts. Es bräuchte zum Ausgleich PS.

Obwohl vor Maggots, Becketts und Stowe leicht angebremst wird, sieht es in diesen Kurven für Red Bull nicht besser aus. Denn die Piloten latschen anschließend voll auf das Pedal. Das Szenerio ist das gleiche wie in Abbey und Copse. Abbey fuhr Verstappen zudem nicht mit aktiviertem DRS, weil er weniger Luftwiderstand an einem Auto einstellen ließ, um mehr Höchstgeschwindigkeit zu haben und so das PS-Defizit des Renault-Antriebsstrangs zu kompensieren. Ein Teufelskreis.

Verstappen spricht trotz der Set-up-Maßnahme davon, "mehr als eine Sekunde" auf den Geraden verloren zu haben. Heißt: Er wäre mit vergleichbarer Power drei Zehntelsekunden schneller gewesen als Lewis Hamilton und damit auf Pole-Position. Er spart es sich aber, auf den scheidenden Antriebspartner Renault zu schimpfen: "So fahre ich seit vier Jahren rum. Man gewöhnt sich daran."

Mit seiner Leistung sei er daher "ziemlich zufrieden" und hätte "keinen Grund sich zu beschweren". Die Aussichten für den Rennsonntag sind trotzdem trübe. "Sag niemals nie, aber es wird schwierig", meint Verstappen auf eine Wiederholung seines Erfolges in Spielberg angesprochen. "In Österreich hat mich nach dem Qualifying ein schlechtes Gefühl geplagt. Ich dachte, wir wären nicht schnell genug." In Silverstone jedoch scheint der RB14 am Limit zu sein. Mehr als auf das Gaspedal steigen kann Verstappen nicht.

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