Es ist Zeit, dass Ross Brawn die Formel 1 vor sich selbst rettet

Der ehemalige Teamchef Ross Brawn ist der neue Sheriff in der Formel 1. Ist der der Gute, der alles richten wird oder ein Bösewicht?

Ich habe schon oft geschrieben, dass Ross Brawn der richtige Mann ist, die sportliche Seite der Formel 1 zu leiten. Ich denke, er ist der einzige Kandidat, der alle nötigen Zutaten mitbringt, vom Design/Technik-Standpunkt bis zum ehemaligen Teamchef, der einen guten, allumfassenden Überblick hat, was in diesem komplexen Sport vorgeht.

Brawn ist Geschäftsführer der Motorsportabteilung der Formula 1 Group. Welche Schritte plant er aber?

Am Dienstag gab er in Barcelona sein 1. Interview mit Ted Kravitz von Sky Sports F1. Und was Brawn sagte, war Musik in meinen Ohren.

"Mein Plan ist es, eine kleine Gruppe von Ingenieuren und Spezialisten aufzubauen, die unter meiner Leitung arbeiten, und unsere Aufgabe wird sein, dass wir versuchen, ein bisschen mehr Logik und Anwendbarkeit in die Richtung zu bringen, in die der Sport gehen sollte."

Meine Worte! Gesunder Menschenverstand. Erst diese Woche hatten wir eine Geschichte mit dem Satz: "Überholen war nicht Teil der Anweisungen, als die Regeln für 2017 ausgearbeitet wurden. Der Fokus lag darauf, die Autos schneller und für die Fahrer zu einer größeren Herausforderung zu machen."

Das ist in etwa, als würde man sagen, die Mitarbeiter des Krankenhauses hatten keine Anweisung, den Rest des Körpers am Leben zu halten, während der Neurochirurg den Kopf des Patienten aufschnitt.

Den Bock zum Gärtner gemacht

Brawn, ein Mann, der Millionen für Forschung und Entwicklung in der Formel 1 abgezeichnet hat, sprach über die Bedeutung der Technologie und davon, die richtigen Unterscheidungsmerkmale bei Wettbewerbsvorteilen zu finden.

Er gab zu, dass er bei der Suche nach Vorteilen Jahre damit verbracht habe, nichts unversucht zu lassen und jetzt sei die Situation umgekehrt. Ihm gehe es nun darum, den Wettbewerb zu verbessern und nicht darum, ihn mit einem Wettrüsten irrelevanter Technologie zu ersticken.

"Was wir tun müssen, ist zu identifizieren, wo diese Unterscheidungsmerkmale liegen müssen und dann sollten wir den Rest einfach neutralisieren", sagte er. "Es wird eine Menge Geld ausgegeben, von dem keiner weiß."

"Wir haben momentan diese Kontroverse um Aufhängungssysteme und keiner versteht sie – wir haben Millionen dafür ausgegeben. Ich weiß, dass der Sport die Spitze der Technologie bleiben muss, bieten diese Dinge aber wirklich ein gutes Preis-Leistungsverhältnis?"

Er meint damit, dass im großen Stil viel Zeit, Geld und Ressourcen verschwendet werden – und es ist an der Zeit, allen viel unnötigen Aufwand zu ersparen.

Kurzfristige Gedanken

Brawn nahm auch bezüglich der schnelleren, breiteren und aggressiveren Autos von 2017 kein Blatt vor den Mund...

"Ich habe mit einigen Teams gesprochen und sie haben schon Millionen für Änderungen an diesen Autos ausgegeben. Pirelli hat Millionen für neue Reifen ausgegeben."

"Wann immer es Änderungen wie diese gibt, setzen wir uns unbeabsichtigten Konsequenzen aus. Halten wir die Daumen, dass es funktioniert, aber das ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir schon mal nicht die richtigen Prinzipien angewendet haben."

Und das ist Brawn an Tag 1, ohne dass er auf das Wesentliche der anstehenden Aufgabe eingeht.

Mir gefiel auch seine Idee eines Rennens, das nicht zur Meisterschaft zählt. Nicht nur, weil das Experimente mit Rennformaten ermöglichen würde, es würde auch zu frischem Denken anregen und den Status Quo infrage stellen.

Ich glaube nicht eine Minute, dass wir etwas anderes als einen Grand Prix haben sollten – im wahrsten Sinn des Wortes – an einem Sonntagnachmittag. Aber Freitag und Samstag... wieso sollte man da nichts etwas ändern? Gebt den Fans etwas zu sehen.

Was ich nach den Wintertests wirklich gerne sehen würde, ist ein echter "Formel-1-Saisonstart". Da könnte dieses Rennen außerhalb der Meisterschaft stattfinden und es sollte an einem interessanteren Ort sein als Barcelona. Portimao an der Algarve wäre meiner Meinung nach geeignet. Ein europäischer Grand Prix außerhalb der Meisterschaft so weit im Süden wir möglich.

Macht es zu einem glanzvollen Event: Ein Fan-Festival mit Rockkonzerten, Auftritten von Fahrern – so etwas, wie in Silverstone am Ende jedes Grand Prix von Großbritannien. Etwas, das sowohl für Hardcore-Fans als auch für Fernsehzuschauer erreichbar ist.

"[Die Formel 1] kann ohne Unterhaltung nicht existieren", sagte Brawn. "Es gibt keinen Zweifel, dass es uns nicht gibt, wenn wir nicht unterhalten, wenn wir keine Show bieten. Wir haben das Geld nicht. Es ist sehr einfach."

"Wenn die Leute nicht zuschauen, wenn die Fans nicht einschalten, haben wir nicht die finanziellen Mittel. Wenn wir die finanziellen Mittel nicht haben, haben wir die Technologie nicht."

"Es gibt da also eine Balance und es ist unsere Aufgabe, diese vernünftige Balance zu finden."

Schlussfolgerung

Eine vernünftige Balance, Logik zu erreichen, Fragen über den Gegenwert zum Geld zu stellen und die Konsequenzen von Entscheidungen zu bedenken... Wenn man darüber nachdenkt, ist das nicht so schwierig, oder?

Stellt sich aber nicht die Frage, wann es das letzte Mal jemand darüber nachgedacht hat... und es auch ordentlich durchdacht hat, ohne starkes persönliches Interesse und das bis zum Ende.

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