Der Update-Plan für ein 20 Jahre altes Formel-1-Auto

Nicht viele Technik-Gurus in der Formel 1 haben die Chance, ein Auto zu überarbeiten, das sie 20 Jahre zuvor entworfen haben. Das ist aber genau die Herausforderung, vor der Mike Gascoyne nun steht.

Der ehemalige Designer von Jordan, Renault und Toyota hat vor Kurzem den Job des Technischen Leiters bei Paul Stoddarts F1-Doppelsitzerprojekts übernommen.

In dieser Funktion wird er dafür verantwortlich sein, das Auto zu überarbeiten, das auf dem Tyrrell 026 des Jahres 1998 basiert, das er einst unter der Führung des verstorbenen Harvey Postlethwaite konzipiert hat.

Er hatte mit dem Umbau zur Originalversion des Doppelsitzers zwar nichts zu tun, trotzdem ist es eine schöne Aufgabe für Gascoyne. Er war beim Grand Prix von Großbritannien zum 1. Mal wieder im F1-Fahrerlager, seit er Caterham Anfang 2012 verlassen hat.

Das Doppelsitzerprojekt war in Barcelona zum 1. Mal Teil des Formel-1-Wochenendes – das 1. große Ausrufezeichen von Liberty Media, den Grand-Prix-Wochenenden etwa zusätzliche Würze zu verleihen. 2018 sollen die Autos bei allen 21 Rennen ihre Runden drehen.

Auf dem hinteren Sitz nehmen in der Regel lokale Würdenträger und Menschen aus dem Showgeschäft Platz, aber auch Fans sollen die Möglichkeit bekommen mitzufahren – entweder durch Wettbewerbe und Verlosungen, oder, wenn sie genügend Geld haben, indem sie bei F1 Experiences für die Fahrt bezahlen.

Toranosuke Takagi, Tyrrell 026 Ford
Toranosuke Takagi, Tyrrell 026 Ford

Foto: LAT Images

Die Autos werden im Allgemeinen zwar "Minardi"-Doppelsitzer genannt, da sie in den Farben des Teams aus Faenza lackiert waren, bevor Stoddart an Red Bull verkaufte. Im Grunde sind es aber Tyrrell von 1998, in denen Tora Takagi und Ricardo Rosset in der letzten Saison des Teams antraten.

"Paul hat alle Tyrrell-Aktiva gekauft, als das Team zugesperrt hat", sagte Gascoyne, der nun sein eigenes Design-Beratungsunternehmen hat. "Ich war nicht in den Umbau involviert, da ich für Jordan und Renault tätig war."

"Ein paar Jungs von Tyrrell blieben damals und bauten das Chassis um. Sie bauten hinter dem Sitz eine Trennwand ein, verlängerten es, um Platz für den Passagier zu machen und so weiter."

"Paul hat 8 Autos gebaut. Sie wurden nicht zusammengeschnitten oder verlängert, sie wurden alle neu gebaut. 1 wurde abgeschrieben und 7 gibt es noch. Davon hat Paul 5, 2 weitere wurden nach Abu Dhabi verkauft."

"Paul kaufte die Rechte für den Cosworth-V10-Motor und alle Teile dafür. Daher konnte er die Autos sehr professionell warten."

Gascoyne und Stoddart sind schon lange befreundet und als Stoddard beschloss, dass es für 2018 Zeit für ein Update der Technologie sei, wusste er, wen er anrufen musste.

"Ich bin mit ihm in seinem Tyrrell 022 in der BOSS-Serie gefahren", sagte Gascoyne. “Und ich fuhr in Donington einen der Doppelsitzer und nahm einige Passagiere mit. Das hat viel Spaß gemacht!"

"Er kontaktierte mich und bat mich, die technische Seite des Programms zu beaufsichtigen. Das ist ideal. Durch die Tatsache, dass ich das Originalauto gebaut habe, dass ich es gefahren habe, schließt sich der Kreis."

"Im Grunde ist das Programm in den letzten Jahren etwas heruntergekommen und dieses Jahr sollte das letzte sein. Dann kam aber der Kontakt zu den neuen Besitzern der Formel 1 zustande."

"Sie suchten nach einem Doppelsitzer-Programm und wenn du eines effizient und kosteneffektiv berteiben willst, gibt kein besseres als das."

David Saelens, F1 Experiences 2-Seater Driver with Owen Wilson, Actor
David Saelens, F1-Experiences-Doppelsitzer-Fahrer mit Schauspieler Owen Wilson

Foto: Sutton Images

Seit Stoddarts Doppelsitzer gebaut wurden, hat sich die Technologie in der Formel 1 weiterentwickelt, also ist für 2018 ein Update nötig. Der Hauptfokus wird auf der Ästhetik liegen, es wird aber auch etwas weiter gehen.

"Paul will diese Autos updaten und sie etwas moderner aussehen lassen. Außerdem müssen wir etwas an der Zuverlässigkeit arbeiten", sagte Gascoyne weiter.

"Wir werden den Autos sicher ein modernes Aero-Paket geben, also einen neuen Frontflügel, Windabweiser und Heckflügel, um das aktuell Reglement widerzuspiegeln."

"Wir bauen 2 neue Chassis, denn wir wollen die Änderungen einbeziehen, um es besser auf den Fahrer anzupassen, um größere Passagiere unterzubringen und auch, um es für sie bequemer und sicherer zu machen."

"Wir werden auch neue Elektronik einbauen, denn die ist vom Zuverlässigkeitsstandpunkt aus wohl der Schwachpunkt. Sie wird einfach nicht mehr hergestellt."

"Außerdem können wir für die Passagiere Armaturen-Displays einbauen, damit sie sehen können, wo auf der Strecke sie sich befinden."

Zsolt Baumgartner, F1 Experiences 2-Seater driver
Zsolt Baumgartner, F1-Experiences-Doppelistzer-Fahrer

Foto: Sutton Images

Einer der Negativpunkte des Doppelsitzer ist, dass die Passagiere die Rückseite des Überrollbügels vor der Nase haben und so nur wenig sehen. Gascoyne möchte das ändern.

"Wir können die Sicht für den Passagier verbessern. Wir können diese Trennwand hinter dem Sitz sehr verkleinern", erklärt Gascoyne. "Der Grund, wieso diese Autos so zuverlässig sind ist, dass sie vom Sicherheitsaspekt her übervorsichtig konzipiert sind. Wir können es aber auf einigen Gebieten verbessern, ohne bei der Sicherheit Kompromisse einzugehen."

"Diese Chassis wurden gebaut, bevor es detaillierte Materialfestigkeitsnormen und dergleichen gab. Sie wurden mehr oder weniger mit dem Taschenrechner gebaut!"

"Wir sind nun in der Lage, die ganze Arbeit im Nachhinein zu machen. Wir müssen kein Gewicht wegnehmen oder so etwas. Wir wollen das Erlebnis für den Passagier verbessern, was er sehen kann, welche Displays er bekommen kann, die Bequemlichkeit."

"Für die Passagiere reichen schon 2 der 3 Runden, bevor es ziemlich unbequem wird! Wir werden all das für den Passagier verbessern und auch moderne Kameras einbauen, damit man eine Aufzeichnung hat."

Zsolt Baumgartner, F1 Experiences 2-Seater driver
Zsolt Baumgartner, F1-Experiences-Doppelsitzer-Fahrer

Foto: Sutton Images

Die Zuverlässigkeit ist auch ein Schlüsselelement. Das Doppelsitzerprogramm hat an den Wochenenden einen präzisen Zeitplan. Um dafür Zeit zu schaffen, werden die Trainings der Rahmenrennen auf Donnerstag verlegt. Die Autos müssen daher wie ein Uhrwerk funktionieren.

"Wenn das nächstes Jahr bei 21 Rennen laufen soll, ist das für uns als Team eine große logistische Herausforderung", sagt Gascoyne. "Wir fahren viel weniger Kilometer als die F1-Autos, wir haben aber keine langlebigen Motoren, keine langlebigen Getriebe, daher ist es schon eine Herausforderung an sich, das alles zu warten und am Leben zu halten."

"Es ist keine technische Herausforderung, ein konkurrenzfähiges Auto zu bauen, aber du musst ein sicheres Rennauto bauen, das bei jedem Grand Prix an 4 Tagen fährt."

"Es muss sicher und zuverlässig sein und es muss jedes Mal funktionieren. Wenn du 5 Minuten Zeit hast, um 2 VIPs reinzusetzen, macht es sich nicht gut, wenn der Motor nicht startet oder wenn es kaputtgeht!"

Die Optik des Autos ändert sich vielleicht, im Grunde wird es aber immer noch ein Tyrrel von 1998 sein.

"Wir werden nicht sämtliche Anbauteile ändern. Wenn du die Kühler oder so etwas änderst, löst das eine Kettenreaktion aus. Also wird man vieles nicht ändern", sagte Gascoyne weiter.

"Wenn du diese Dinger kosteneffektiv einsetzen willst, wäre es biblisch, nur die Hydrauliksysteme am Laufen zuhalten, wenn du die komplexen Motoren einsetzen willst, die sie jetzt haben. Die Kosten des Programms würden das nicht tragen. Als kosteneffektive Lösung ist es fantastisch."

Mike Gascoyne
Mike Gascoyne

Foto: Sutton Images

Stoddart betrachtet das Programm als "11. Formel-1-Team" und der Anblick der ehemaligen Manor-Garagen, Hänger und Motorhomes verstärkt das noch. Gascoyne will auch, dass die operative Seite effizient läuft.

"Wir müssen wie ein professionelles Formel-1-Team funktionieren und das ist mein Job, unsere operativen Abläufe zu verbessern", sagt er. "Wir haben mit allen normalen Besprechungen und Nachbesprechungen begonnen, um sicherzustellen, dass alle wissen, was wir tun und wie wir es tun."

"Wir fahren keine Rennen oder Qualifyings, wir müssen aber mit einem halben Dutzend Passagiere zurechtkommen, die 20 Minuten, bevor sie ins Auto steigen sollen, da sind und nicht wissen, was sie tun sollen. Trotzdem müssen wir unseren Zeitplan genau einhalten und professionell arbeiten."

Und es gibt einen guten Grund, wieso das Doppelsitzerteam das tun muss: Er ist ein Aushängeschild für die Formel 1 und fährt an einem Rennwochenende vor den Augen eines riesigen Publikums.

"Wie ich zum ganzen Team gesagt habe, wir haben das F1-Logo auf unseren Hemden und auf den Autos und das sieht jeder", sagte Gascoyne.

"In Silverstone fuhren die Auto 1 Stunde vor dem Rennstart mit 2 VIPs als Passagiere vor 120.000 Menschen. Man repräsentiert die Formel 1, die Presse schaut zu, die Fans schauen zu, es muss alles klappen. Das ist wichtig und der Druck ist da."

 

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Rennserien Formel 1
Artikelsorte Interview
Tags doppelsitzer, f1 experiences, formel 1, liberty media, minardi, paul stoddart, tyrrell