Kolumne: McLaren und Alfa Romeo in der Formel 1?

Trennen sich die Wege von McLaren und Honda nach der Formel-1-Saison 2017? Der Ton im Team wird zumindest schärfer. Doch welche Alternativen hat McLaren? Adam Cooper über mögliche neue Partner für das Traditionsteam!

Schon vor einigen Monaten kamen erstmals Gerüchte auf, wonach McLaren eine Zukunft ohne Honda in Betracht zieht. Doch inzwischen hat sich die Situation verschärft. Es ist kein Geheimnis mehr, dass der Rennstall aus Woking an Alternativen arbeitet.

Das naheliegende Szenario wäre ein Revival der Partnerschaft mit Mercedes für die Formel-1-Saison 2018. In vielerlei Hinsicht wäre das ein logischer Schritt. Doch die Wiederaufnahme der erfolgreichen Zusammenarbeit von einst ist noch nicht in Stein gemeißelt. Wie könnte es das auch sein: McLaren hat noch immer einen gültigen Vertrag mit Honda.

Vielleicht kommt es auch zu einem ganz anderen Revival einer längst vergessenen F1-Zusammenarbeit um McLaren und Alfa Romeo!

Zak Brown und Eric Boullier haben schließlich klare Worte dafür gefunden, dass McLarens Geduld mit Honda ihren Endpunkt erreicht hat. Anhand dieser deutlichen Aussagen fällt es schwer, eine Zukunft für McLaren und Honda zu sehen. Die Chancen auf eine Fortführung der Partnerschaft sind gering.

Und so schien es schon vor dem Grand Prix von Kanada zu sein. Dort hätte Fernando Alonso erstmals in der Formel 1 2017 für McLaren gepunktet. Der Spanier lag auf Platz 10, als wieder einmal die Technik streikte. Die Enttäuschung im Team über den entgangenen 10. Platz spricht Bände über die aktuelle Situation.

Brown sagte nach dem Rennen gegenüber Motorsport.com: "So kann es nicht weitergehen."

Als McLaren die früher so erfolgreiche Partnerschaft mit Honda wiederaufleben ließ, wurde eine gewisse Anlaufzeit in Kauf genommen – 1 bis 3 Jahre, um voll konkurrenzfähig zu sein. Das heißt: um Podestplätze und auch Siege zu kämpfen.

Das 1. Jahr mit Honda war eine Katastrophe. Im 2. Jahr gab es einen leichten Aufwärtstrend und berechtigten Optimismus. Doch 2017 ist ein Rückschritt. Und allmählich kann McLaren nicht noch mehr Zeit verschwenden.

Niemand in Woking – und sicher auch nicht die Teilhaber des Teams – treten an, um einfach nur das Feld aufzufüllen.

Finanzielle Auswirkungen

Doch es geht nicht nur um Egos. Punkte sind in der Formel 1 gleichbedeutend mit Preisgeld. Je weniger Erfolg du hast und je länger diese Phase anhält, umso weniger Geld erhältst du aus den FOM-Töpfen. Und derzeit belegt McLaren den letzten Platz in der Konstrukteurswertung, ohne Punkte.

Eine so schlechte sportliche Leistung beeindruckt keine Sponsoren. Einige davon sind in den letzten Jahren zu anderen Teams abgewandert.

Honda leistet zwar auch einen finanziellen Beitrag zum Team, doch der Sponsorenabgang hinterlässt natürlich seine Spuren. So erscheint es auf einmal sinnvoll, zugunsten eines bezahlten Deals für konkurrenzfähige Motoren einen lukrativen Vertrag mit einem Hersteller aufzukündigen.

McLaren ist ein Team, das gewinnen sollte. Kaum zu glauben: Der letzte Titelgewinn datiert aus dem Jahr 2008! Zuletzt hat McLaren 2012 ein Rennen für sich entschieden. Mit Honda wollte die Mannschaft an die Form früherer Tage anknüpfen, die gute alte Zeit neu aufleben lassen, ein Stück Magie der alten Tage zurückbringen. Deshalb ließ sich McLaren auf eine exklusive Partnerschaft mit einem großen Hersteller ein, mit all dessen Ressourcen.

Doch diese Rechnung ging nicht auf. Es sieht auch nicht danach aus, als würde sie auf absehbare Zeit aufgehen. Daher ist es an der Zeit, einen anderen Weg zu finden – gewissermaßen eine Abkürzung, um wieder leistungsfähig zu werden.

Eine Trennung von McLaren und Honda könnte unschön werden. Der Deal war schließlich langfristig angesetzt, ist komplex und umfasst viel Geld. Honda hat indes bereits auch Sauber unter Vertrag genommen. Theoretisch würde sich die Marke also nicht wie 2008 aus dem Sport zurückziehen. Zur Erinnerung: Die Reste des damaligen Honda-Teams wurden von Ross Brawn aufgekauft.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Brawn GP wurde nur durch die Zustimmung von McLaren Realität. Denn mit dieser Zustimmung durfte Mercedes Brawn mit Motoren beliefern. Zuvor hatte der damalige Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo ein ganz ähnliches Angebot unterbreitet.

McLaren hat sich zu einer großzügigen Geste entschlossen, um die Angestellten in Brackley und damit auch Jenson Button und Rubens Barrichello in einem Arbeitsumfeld zu halten. Doch der Schuss ging nach hinten los, als Brawn GP anfangs in der Formel-1-Saison 2009 dominierte und Button am Ende Weltmeister wurde.

Mercedes gefiel das so sehr, dass Brawn GP gekauft und zum Mercedes-Werksteam umfunktioniert wurde. Letztendlich auf Kosten von McLaren.

Das Problem damals war: McLaren investierte umfangreich in seine Straßenwagen-Projekte. Dadurch kam es zu einem Interessenskonflikt mit Mercedes. McLaren wurde ein Konkurrent im Sportwagen-Segment. Das schlug sich auf die Beziehung zwischen Stuttgart und Ron Dennis nieder.

Kundenmotoren? Nein danke!

McLaren wurde zum Kundenteam degradiert. Und daher begann Dennis die Suche nach einem neuen Partner. Denn er war der Meinung: Als Kundenteam gewinnst du in der Formel 1 keinen Blumentopf – obwohl Brawn gerade das Gegenteil bewiesen hatte, natürlich mit einem herausragenden Chassis, zugegeben.

Aus reiner Notwendigkeit fuhr McLaren zunächst weiter mit Mercedes-Motoren, stellte aber mit dem Honda-Vertrag bereits die Weichen für die Zukunft. Doch selbst in der 1. Saison der neuen Hybrid-Turbomotoren blieb Mercedes der Partner. Die Spannungen nahmen zu, weil Mercedes einen Technologietransfer fürchtete.

In Suzuka 2014 beschwerte sich Dennis über den Service, den Mercedes seinen Kunden zukommen ließ. Er meinte: Mercedes hielt bewusst Informationen und Daten zurück, mit denen McLaren im Qualifying einen ähnlichen Vorteil gehabt hätte wie das Mercedes-Werksteam.

Die Honda-Partnerschaft konnte für ihn gar nicht früh genug beginnen.

"Auch wenn du die gleiche Motorenmarke fährst: Das muss nicht bedeuten, dass du die gleichen Möglichkeiten hast, den Motor zu optimieren", sagte Dennis. "Du musst dir also schlicht und ergreifend den besten Motor besorgen."

"Genau das haben wir für die kommenden Jahre gemacht. Wir hatten eine tolle Zusammenarbeit mit Mercedes, aber mit Honda wollen wir gleich richtig durchstarten."

Zurück zu Mercedes?

3 Jahre später versucht McLaren, von Honda wegzukommen. Und ausgerechnet Mercedes könnte sich als Rettungsanker erweisen. Die gute Nachricht ist: Beide Marken kennen sich aus der Vergangenheit. Die schlechte Nachricht ist: Die Partnerschaft war nicht immer einfach…

Immerhin: Die Mannschaften in Woking und Brixworth kennen sich von früher. Es ist auch erst 3 Jahre her, dass sie gemeinsam ein Auto um die 1. Version des aktuellen V6-Motors herumgebaut haben.

Mercedes könnte ein 4. Formel-1-Team mit Motoren beliefern, schließlich wurde 2016 auch Manor mit Antriebssträngen ausgerüstet. Zudem reduziert sich die Zahl von Antriebssträngen pro Fahrer in der Formel-1-Saison 2018 auf 3. Das sollte zusätzliche Ressourcen freimachen.

Aus Marketingsicht könnte die Wiederaufnahme der Zusammenarbeit zwischen McLaren und Mercedes natürlich gut genutzt werden, sofern beide Seiten dies wünschen. Aber: Im Sportwagen-Segment ist man noch immer Konkurrenz. Daher wäre es vielleicht eine Überlegung wert, den Motor umzubenennen. So könnte McLaren vielleicht auch einen neuen Sponsor gewinnen.

Die große Frage ist aber: Will Mercedes wirklich wieder mit McLaren arbeiten? Vor nicht allzu langer Zeit wurde von höchster Ebene abgelehnt, Motoren an Red Bull Racing auszugeben. Die Begründung: Mercedes hat hart gearbeitet, um sich in die Position zu bringen, WM-Titel einzufahren. Warum sollte es diesen Vorteil an einen Rivalen weiterreichen?

McLaren würde Mercedes womöglich in die Suppe spucken. Und Mercedes kämpft in dieser Saison bereits gegen Ferrari, während die Zusammenarbeit mit Williams und Force India ohne Nebengeräusche verläuft.

Für McLaren spricht allerdings: Als es um eine mögliche Partnerschaft zwischen Red Bull Racing und Mercedes ging, war das auch ein Konflikt auf personeller Ebene. Christian Horner hatte damals nicht allzu viele Freunde in Brackley oder in Stuttgart.

Bei McLaren ist inzwischen nicht mehr Dennis der starke Mann. Dieser Faktor fällt also schon mal weg. Brown hingegen ist ein guter Geschäftsmann mit Sinn für einen guten Deal – siehe das Indy 500. Mit ihm kommt man gern ins Geschäft. Er ist ein klassischer Macher.

Doch es gibt einige Hürden, die zu nehmen wären. Vielleicht wäre es auch besser für McLaren, bei Renault anzuklopfen. Für einen ganz neuen Start.

Viry-Chatillon hat einen guten Ruf, seine Kunden gleich zu behandeln. Und zumindest im Augenblick gewinnt kein Renault-Team. Damit spielt die "zusätzliche Konkurrenz" quasi keine Rolle.

Außerdem könnte McLaren die Motorenrechte an einen Sponsor verkaufen. Nach dem Vorbild von Red Bull Racing, womit man sich zusätzliche Einnahmen ins Team holt.

Allerdings hat Renault zwar gute Fortschritte mit seinem Antriebsstrang gemacht, fährt seinen Rivalen aber insgesamt noch immer hinterher.

Renault ist aber besser als Honda. Red Bull Racing tritt mit Renault an. Aber kann sich McLaren wirklich auf ein Versprechen verlassen, dass der Rückstand 2018 nicht mehr vorhanden sein wird?

Noch eine Option: Ferrari

Es gibt noch eine weitere Möglichkeit. Eine, von der man gut glauben könnte, sie würde in 1 Million Jahren nicht Realität werden. McLaren und Ferrari, große Rivalen seit Jahrzehnten – auf einmal vereint?

Es klingt verrückt! Diese Namen passen alleine schon aus Marketing-Gründen nicht gut zusammen. Und noch dazu haben sie es auf die gleiche Kundenschicht abgesehen.

Doch McLaren könnte seinen Ferrari-Motor umbenennen. Sauber hat das jahrelang mit den nach Petronas benannten Triebwerken so gemacht. Es braucht ja auch kein Sponsoring vom Kaliber TAG Heuer/Red Bull Racing sein. Werft stattdessen einfach mal einen Blick auf die Ferrari-Werksautos. Was, wenn sich McLaren und Ferrari darauf verständigen, den Namen Alfa Romeo ins Spiel zu bringen?

Ferrari-Präsident Sergio Marchionne hat ja bereits betont, er wolle die Marke in der Formel 1 promoten. Und hier wäre eine brillante, wenngleich unerwartete Chance, genau das zu tun!

Für ihn wäre es umso willkommener, wenn ihm McLaren für die Motoren noch 25 Millionen Euro (oder was auch immer) dafür bezahlen würde, Alfa Romeo zu bewerben. Vor allem, wenn auch noch Fernando Alonso im Paket enthalten wären.

Selbst wenn Alfa Romeo nicht passen sollte – es gibt diverse andere Namen, die in Frage kommen könnten. Chrysler klingt aber zugegebenermaßen einfach nicht so gut!

Nicht vergessen: Ferrari verliert Sauber in der Formel 1 2018 als Kundenteam. Damit beliefert Maranello künftig nur noch Haas. Rein logistisch wäre also Raum für mehr.

In den vergangenen 3 Jahren waren alle hinter den Mercedes-Motoren her, aber inzwischen hat Ferrari aufgeschlossen. Warum sollte sich McLaren dieser Möglichkeit verschließen? Die Leistungsfähigkeit ist vorhanden – und die anderen Themen könnten geklärt werden.

Das schlagkräftigste Gegenargument ist: Ferrari hat noch nie einen direkten Gegner mit Motoren beliefert. Und genau so wie Mercedes Red Bull Racing die Partnerschaft verweigert hat, so wird auch Ferrari zögern, seine Technologie an McLaren weiterzureichen.

Und wie könnte McLaren je zu 100 Prozent sicher sein, dass sie Materialgleichheit erhalten würden?

Aber klar: Das Marketing und die sportliche Konstellation wären die größten Probleme, die es zu lösen gäbe. Von der Politik mal ganz zu schweigen.

In der Formel 1 wird sich in den kommenden Jahren einiges tun. Dafür sorgen die neuen Eigentümer, Liberty Media. Die technischen Regeln werden sich verändern, aber auch die finanziellen Spielregeln der Rennserie.

Eine Zusammenarbeit zwischen Ferrari und Mercedes wäre eine ziemlich mächtige. Damit hätte Ferrari einen Verbündeten an der Hand, wenn es um seine Vorrechte kämpfen muss. Gleichzeitig würde die Stimme von Mercedes ein bisschen leiser erklingen.

Ja: Brown und Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene werden in alle Gespräche eingebunden sein. Aber Entscheidungen werden am Ende in der Ebene über ihnen getroffen. In der Ebene von Marchionne bei Ferrari und von Mansour Ojjeh und der königlichen Familie von Bahrain bei McLaren.

Da sind schon große Mächte im Spiel. Und wenn all diese Namen an einem Strang ziehen würden…

Es wäre eine tolle Story: McLaren wäre dank eines Siegermotors wieder im Spiel. Alfa Romeo würde sein Comeback in der Formel 1 geben. Und womöglich säße Fernando Alonso am Steuer.

Ross Brawn und Chase Carey würden sicher alles daran setzen, dieses Szenario Realität werden zu lassen. Der Automobil-Weltverband (FIA) würde es sicher auch begrüßen, wenn Ferrari 3 Teams beliefern würde – statt Mercedes (oder Renault) 4.

Und es gibt auch schon eine gewisse Historie, die McLaren und Alfa Romeo verbindet: 1970 nahm Alfa-Werksfahrer Andrea de Adamich ein paar V8-Motoren aus Italien mit zu Bruce McLaren, der einen Sonderanfertigung des M7D bauen ließ. Das Auto wurde als zusätzliches Werksauto eingesetzt.

Es ging nicht viel vorwärts damit. Auch das Upgrade zum neueren M14D half nicht. Mehr als Platz 8 in Monza war nicht drin für de Adamich.

Doch damals fuhr eben ein McLaren-Alfa bei 4 Grands Prix. Das ist in der Firmengeschichte von McLaren und Alfa Romeo fast untergegangen. Aber vielleicht wird die gemeinsame Geschichte ja noch fortgeschrieben…

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Teams Ferrari , McLaren
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