Öl-Regeln in F1 ausgetrickst? Mercedes findet's "völlig aufgeblasen"

Alles in Butter zwischen Mercedes und Ferrari: Die frühe Einführung der neuen Motorenspezifikation könnte ein Nachteil für Silber sein – Kunden müssen noch warten.

Mercedes-Sportchef Toto Wolff hat Vorwürfe zurückgewiesen, dass sein Team mit der überraschenden Einführung einer neuen Ausbaustufe des V6-Hybridantriebs beim Belgien-Grand-Prix der Novelle des Öl-Reglements hätte zuvorkommen wollen. Wie der Österreicher im Rahmen des Italien-Rennens erklärt, sei die Sache in den Medien "völlig übertrieben aufgeblasen" worden. Er betont: "Der Grund war, dass wir früher über mehr Leistung auf der Strecke verfügen wollten", so Wolff.

Heißt im Umkehrschluss: Einen von Auto Bild motorsport kolportierten Streit mit Ferrari hätte es genauso wenig gegeben wie ein Gentlemen's Agreement, mit dem Debüt der Spezifikation 3.1 noch eine Woche zu warten – auch wenn weitere Medien von einem Treffen des Mercedes-Antriebschefs Andy Cowell mit seinem roten Gegenspieler Mattia Binotto in Spa-Francorchamps berichten.

Die Italiener beschwichtigen in der Angelegenheit ebenfalls: "Es gibt keinen Zank und wir wollen solche Dinge nicht kommentieren", winkt Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene ab. Er kann aber nicht leugnen, dass es Mercedes gelungen ist, weiter 1,2 Liter Öl auf 100 Kilometern verbrauchen zu dürfen, während die Scuderia nach ihrem nächsten Update auf 0,9 Liter beschränkt sein wird. Denn entgegen erster Annahmen gilt die Novelle ab Monza nicht ausnahmslos für alle Motoren.

Ferrari-Update kommt wahrscheinlich in Malaysia

Das weiß auch Wolff. Allerdings hält er die Tatsache für irrelevant und deutet an, dass Mercedes beim Öldurst unter beiden Grenzwerten firmieren würde: "Wer die FIA fragt, wird erstaunt sein, welche Ergebnisse es gibt." Hinzu kommt, dass die Silberpfeile Nachteile in Kauf genommen haben, um schon in Belgien und nicht erst wie geplant in Japan mit der überarbeiteten Spezifikation ausrücken zu können. Schließlich dürfen Lewis Hamilton und Valtteri Bottas den V6 bis Saisonende nicht mehr straffrei wechseln, womit den Ingenieuren praktisch die Hände gebunden sind.

Ergo erhöht sich auch das mit einem Defekt verbundene Risiko. Jedes weitere Update wird zum Vabanque-Spiel. Mercedes wird außerdem mehr Laufleistung auf seiner vierten Komponente abspulen müssen, schließlich beläuft sich die letzte Etappe nun auf 9 Rennen (inklusive Belgien). "Es hat uns auch weitere Entwicklungszeit gekostet", merkt Wolff an. "Umso länger man mit dem letzten Antrieb wartet, umso mehr kann man mit dem Update bringen." Hat Ferrari also mehr in petto?

Bildergalerie: Formel 1 in Monza

Nach Informationen von Motorsport.com liefern die Italiener ihre finale Ausbaustufe zum übernächsten Rennen in Malaysia – vorausgesetzt, sie besteht Zuverlässigkeitstests. Wie gemunkelt wird, würde ein sattes Leistungsplus winken. Arrivabene will der Konkurrenz so ein Schnippchen schlagen und sich zunutze machen, was Wolff selbst eingeräumt hat: "Mercedes hat früh einen Motor gebracht, was von Nachteil ist, weil es für den Rest der Saison keine Entwicklung geben wird."

Will in Wahrheit Rot das Reglement austricksen?

Übrigens steht auch Ferrari in dem Verdacht, die Anpassung des Öl-Reglements umschiffen zu wollen, allerdings auf komplementärem Wege zu Mercedes. Angeblich bringt die Scuderia ihr Update deshalb so spät, weil man möglichst lange mit einem Motor unterwegs sein möchte, der noch 1,2 Liter auf 100 Kilometern verbrauchen darf. Doch Arrivabene winkt ab: "Damit hat es nichts zu tun. Wir hatten zu Jahresbeginn einen Plan und wollen den Antriebsstrang Nummer vier zur rechten Zeit und mit der richtigen Power bringen. Das ist die Antwort. Mit dem Öl hat es gar nichts zu tun."

Aussagen aus Expertenkreisen deuten in eine ähnliche Richtung. Nämlich, dass Leistungsgewinne im Bereich von 5 PS nur im Qualifying und durch den Einsatz eines dünnflüssigeren Öls erzielt würden – nicht durch Mehrverbrauch. Die Mercedes-Kunden Williams und Force India erhalten in Singapur jeweils einen der überarbeiteten Verbrennungsmotoren der Spezifikation 3.1, könnten auf dem wenig powerlastigen Kurs aber zunächst verzichten. Ferrari kann seinen Partner Haas nicht mehr aufrüsten, nachdem die US-Amerikaner bereits in beiden Autos den vierten Motor nutzen.

Im Jahr 2018 soll sich das Thema Öl endgültig erledigt haben. Die FIA plant ein neues Sensorsystem zur genaueren Verbrauchsbestimmung von dann maximal 0,6 Litern auf 100 Kilometern. Dazu wird nur noch eine Sorte pro Wochenende erlaubt sein, was das Tricksen in der Qualifikation unterbindet.

Dominik Sharaf & Dieter Rencken

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Tags antriebseinheit, f1, ferrari, italien, mercedes, monza, motor, öl, ölverbrennung