Formel 1 2017 in Mexiko: Kollision macht Lewis Hamilton zum Weltmeister

Max Verstappen feiert einen souveränen Sieg, Vettels Aufholjagd nach Startkollision mit Hamilton bleibt unbelohnt: WM-Entscheidung 2017 endgültig gefallen.

Max Verstappen (Red Bull) hat den Grand Prix von Mexiko 2017 mit einer souveränen Vorstellung gewonnen, aber die Schlagzeilen gehören nach dem 18. Saisonrennen Lewis Hamilton. Denn mit seinem neunten Platz im Autodromo Hermanos Rodriguez sicherte sich der Mercedes-Pilot endgültig den vierten WM-Titel seiner Karriere.

Zum ersten Mal seit Adelaide 1994 (Michael Schumachers Kollision mit Damon Hill) blieb der neue Weltmeister im entscheidenden Rennen ohne Punkte, und zum ersten Mal seit James Hunt im Regendrama von Fuji 1976 wurde der frischgebackene Champion sogar überrundet. "Ich habe jede Sekunde dieses Rennens gehasst", lacht Mercedes-Sportchef Toto Wolff im Nachhinein.

Die Entscheidung im Titelduell fiel im Grunde genommen schon am Start, als Hamilton versuchte, Nutznießer des Zweikampfs zwischen Polesetter Sebastian Vettel und Verstappen zu werden. Aber als er außen in Kurve 3 an Vettel vorbeizog, schlitzte der Frontflügel des Ferrari sein rechtes Hinterrad auf.

"Er ist absichtlich in mich reingefahren!", lautete Hamiltons instinktive erste Reaktion am Boxenfunk, der sein Renningenieur widersprach: "Ich bin mir da nicht sicher, Lewis." Und sogar Niki Lauda nimmt Vettel in Schutz: "Man kann es als Rennunfall sehen. Kann passieren. Sebastian ist mit Untersteuern in Lewis' Hinterreifen gefahren. Hätte er ein bisschen langsamer gemacht, wäre nix passiert. Und Lewis kann sowieso überhaupt nix dafür."

Ergebnis: GP Mexiko 2017 in Mexiko-Stadt

WM-Stand Formel 1 2017 nach 18 Rennen

Nach dem Crash mussten beide zur Box: Vettel wegen eines neuen Frontflügels, Hamilton wegen Reifenschaden. Und auch wenn Vettel zu dem Zeitpunkt 23,1 Sekunden Vorsprung auf Hamilton hatte, war klar, dass heute die WM-Entscheidung fallen würde. Nach der Zieldurchfahrt meldete sich Wolff am Boxenfunk: "Lewis, hier ist Toto. Nicht das Rennen, das wir uns gewünscht hatten, aber wen juckt das?"

Hamiltons musste auf seiner Aufholjagd mehrere Hindernisse überwinden. Etwa den schwer zu überholenden Renault von Carlos Sainz, eine VSC-Phase, in der er doch einen zweiten Boxenstopp einlegte, und am Ende ein Problem mit zu hohen Temperaturen, wegen denen er immer wieder aus dem Windschatten von Fernando Alonso ausscherte. Am Ende fightete er den McLaren-Fahrer in einem beinharten Duell um P8 nieder - trotz eines kaputten Diffusors.

Vettels Rennen war noch ereignisreicher. Das ging gleich gut los, als er Felipe Massa (Williams) nur mit harten Bandagen überholen konnte. "Fahren wir hier Autoscooter?", regte er sich auf. Worauf sich Teamchef Maurizio Arrivabene höchstpersönlich am Funk einschaltete: "Seb, bleib ruhig!" Was Vettel nämlich nicht sehen konnte: Massa drängte ihn nicht mutwillig ab, sondern rutschte in den Ferrari rein.

Vettel zieht alle Register

Ein weiteres Highlight war sein Duell mit Lokalmatador Sergio Perez (Force India), das jedoch von kurzer Dauer war. Als sich die tausenden Mexikaner im Stadion gerade auf einen heißen Fight einstellten, setzte Vettel schon zum Überraschungsangriff an - der prompt gelang. Damit war er Sechster. Auch Lance Stroll (Williams) und Esteban Ocon (Force India), die am Ende Fünfter und Sechster wurden, konnten sich kaum wehren.

Vettel lag an vierter Stelle und wusste, dass er Zweiter werden muss, um die WM offen zu halten. Hamilton erkundigte sich in jener Phase am Funk danach, ob das noch möglich sei. "Negativ", gab sein Renningenieur Peter Bonnington Entwarnung. Und Ferrari verwarf auch das Gedankenspiel einer Stallorder, die Kimi Räikkönen das wohlverdiente Podium gekostet hätte. Denn Räikkönen hatte fast eine halbe Minute Rückstand auf den zweiten Platz.

Hoffnung hätte nur dann bestanden, wenn Leader Verstappen noch ausgeschieden wäre. Die Möglichkeit bestand: In den Trainings waren bei Toro Rosso vier Motorprobleme aufgetreten, im Rennen verrauchten der Reihe nach die Renault-gepowerten Autos von Nico Hülkenberg, Brendon Hartley und Carlos Sainz. Bitter für Hülkenberg: Bis zu seinem Ausfall lag er ein paar Sekunden hinter Ocon an vierter Stelle.

Red Bull zittert bis zum Schluss

"Ich war bei einem Rennen noch nie so nervös! Wir hatten ständig Temperaturen und Drücke und was nicht noch alles im Blick", atmet Red-Bull-Teamchef Christian Horner auf. Und Helmut Marko lacht: "Zum Glück hat Max nicht mitbekommen, dass Vettel vier Runden vor Schluss die schnellste Runde gefahren ist. Sonst wäre er nicht zu bremsen gewesen." Das Fernduell der beiden um einen statistischen Nebenwert sorgte am Red-Bull-Kommandostand für Herzklopfen ...

Verstappens einziger verbliebener Gegner, Valtteri Bottas (Mercedes), schaffte es nicht, ein ernsthaftes Wörtchen um den Sieg mitzureden. "Red Bull", muss der Finne einsehen, "war einfach zu schnell heute." Am Ende wurde er mit 19,7 Sekunden Rückstand Zweiter - und verkürzte den Rückstand auf Vettels zweiten Platz in der WM auf 15 Punkte.

Dass Räikkönen am Ende auf dem Podium stand, hatte der Ferrari-Routinier einem glücklichen Händchen zu verdanken. Denn während die vor ihm liegenden Force Indias etwas früher an die Box kamen, um einem Undercut vorzubeugen, blieb er (wie auch Stroll, Magnussen, etc.) relativ lange draußen - und bekam der Reifenwechsel fast geschenkt, als es wegen Hartley eine virtuelle Safety-Car-Phase gab.

Räikkönen hatte eigentlich einen guten Rennspeed. Dass er im Rennen trotzdem nicht viel ausrichten konnte, lag am unglücklichen Start: "Die ersten Meter waren gar nicht so schlecht", sagt er zwar - aber als er selbst keinen Windschatten fand und von hinten die Meute kam, konnte er sich gegen die Force Indias nicht wehren. Und hinter denen drohte er dann lange Zeit zu versauern.

Hamilton vs. Alonso

Im letzten Rennabschnitt sorgten nur noch die Aufholjagden von Vettel und Hamilton für Action. Hamilton musste das Messer zwischen die Zähne nehmen, um Alonso zu knacken und Neunter zu werden - was Kevin Magnussen nutzte, um seinen achten Platz abzusichern. Für das Haas-Team nach dem katastrophalen Qualifying ein versöhnliches Ergebnis. Massa, der zu früh Reifen wechselte, schrammte an WM-Punkten um 4,5 Sekunden vorbei.

Alonso lieferte sich in Mexiko wieder einige sehenswerte Zweikämpfe. Als er von Hamilton überholt wurde, erkundigte er sich präventiv am Boxenfunk: "Ist er auf der Strecke geblieben?" Was der Fall war. Romain Grosjean (Haas) zeigte er hingegen mit Erfolg bei der Rennleitung an. Der Franzose, der das Rennen als 15. beendete, kassierte für das Duell in Kurve 13/14 eine Fünf-Sekunden-Strafe.

Ein paar Runden später führte der Rennverlauf dazu, dass Teamkollege Stoffel Vandoorne mit den weicheren Reifen hinter Alonso auftauchte. Mit der Stallorder hatte er keine Freude: "Vielleicht kann ich den Sauber überholen, ich weiß nicht." Zu dem Zeitpunkt fuhr Marcus Ericsson, der später mit rauchendem Heck an die Box rollte, sensationell (und noch ohne Boxenstopp) an neunter Position.

Für Daniel Ricciardo (Red Bull) war das Rennen schon nach fünf Runden vorbei. Nachdem er am Morgen noch den Motor wechseln ließ und damit eine Rückversetzung vom siebten Startplatz in Kauf nahm, ist das besonders "frustrierend. Die ersten drei Runden waren gut - ich war schon Siebter! Dann hörte ich, wie der Turbo lustige Geräusche machte, und fuhr an der Box. Sieht nach Turboschaden aus. Hoffentlich kein Problem für Brasilien."

Damit sind die letzten beiden Saisonrennen bedeutungslos, was die WM-Entscheidung angeht. "Eine schreckliche Art und Weise, es zu schaffen, um ganz ehrlich zu sein!", kann Hamilton über den Grand Prix von Mexiko lachen. Nun hat er erst einmal zwei Wochen Zeit, seinen vierten Titel sacken zu lassen. Weiter geht's erst am 12. November mit dem Grand Prix von Brasilien.

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Über diesen Artikel
Rennserien Formel 1
Veranstaltung Mexiko-Stadt
Rennstrecke Autodromo Hermanos Rodriguez
Artikelsorte Rennbericht
Tags autodromo hermanos rodriguez, f1, mexico city, mexiko, mexiko-stadt