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James Allen: UBS-Rennstrategie-Report für F1 in Monza

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James Allen: UBS-Rennstrategie-Report für F1 in Monza
James Allen
Autor: James Allen
Übersetzung: Petra Wiesmayer
06.09.2017, 11:20

Der Grand Prix von Italien ist vom strategischen Punkt aus gesehen nie das interessanteste Rennen der Saison, da er mit Sicherheit ein Ein-Stopp-Rennen ist. Bei der Strategie war die Finesse von Mercedes und Ferrari faszinierend.

Ab dem Training am Freitag war klar, dass Mercedes für Monza das stärkere Paket hatte. Das kam nicht unerwartet. Ferrari bekam die Abstimmung am Freitag aber nicht in den Griff und konnte sie am Samstag aufgrund des Regens nicht in Ordnung bringen.

Nach einer schwachen Vorstellung im Qualifying war Ferrari nicht nur hinter Mercedes, sondern auch hinter den beiden Mercedes-Kundenteams Williams und Force India.

Hier werden wir analysieren, was von diesem Moment an geschah, der Ferrari so aus dem Konzept brachte und, wie die Taktik dahinter ebenso viel mit dem nächsten Rennen in Singapur zu tun hat wie mit Monza.

Wir werden uns auch anschauen, wie Daniel Ricciardo und Red Bull Racing eine Gegenstrategie aus dem Monza-Strategiebuch von Sergio Perez nahmen, um sich einen fantastischen 4. Platz zu sichern und de,nr Ferrari von Kimi Räikkönen zu schlagen.

Seltsamerweise hielt sich Perez dieses Mal aber nicht an sein eigenes Regelbuch.

 Valtteri Bottas, Mercedes AMG F1 W08, passes Kimi Raikkonen, Ferrari SF70H, in the Parabolica
Valtteri Bottas, Mercedes AMG F1 W08, überholt Kimi R,äaikk,öonen, Ferrari SF70H, in der Parabolica

Foto: Steven Tee / LAT Images

Erwartungen vor dem Rennen

Monza ist traditionell ein Ein-Stopp-Rennen, da die Geschwindigkeit der Autos auf der Strecke von 360 km/h im Vergleich zu den 80km/h in der Boxengasse mehr Stopps ziemlich unattraktiv macht.

In diesem Jahr brachte Pirelli neben der Soft- und Medium-Mischung erneut die Supersoft-Reifen mit nach Monza. Wie schon so oft in dieser Saison, wenn es die harte Mischung zur Auswahl gab, nutzen die Teams im Rennen nur die beiden weicheren Reifenmischungen.

Beide hielten im Rennen etwa 30 Runden und es gab von Supersoft zu Soft keinen signifikanten Geschwindigkeitsunterschied. Es war aber ziemlich klar, in welchen Runden die Stopps stattfinden würden. Die Abnutzung war am Renntag, wie erwartet, aber geringer als am Freitag, also gab es einen gewissen Spielraum.

Das Rennen war in einigen Punkten ungewöhnlich. Da es im Qualifying geregnet hatte, war es den Teams freigestellt, auf welchen Reifen sie ins Rennen gehen wollten und die Top 10 mussten nicht wie normalerweise auf den Reifen aus dem Qualifying starten. Die meisten entschieden sich für Supersoft, um am Start besseren Grip zu haben. Und es war auch ein Rennen ohne eine einzige gelbe Flagge, was extrem selten vorkommt.

In der Startaufstellung standen die beiden Mercedes in den Top 4, getrennt durch die Kundenteams Williams mit Lance Stroll und Force India mit Esteban Ocon. Die Ferraris standen auf den Plätze 5 und 6, wobei Räikkönen vor Vettel stand.

Weiter hinten hatten sich Verstappen und Ricciardo, die Motorstrafen bekommen hatten, entschieden, auf dem Soft-Reifen zu starten. Die Frühphase des Rennens, als beide von langsameren Autos aufgehalten wurden, war die beste Zeit, diese Reifen einzusetzen und dann später, bei freier Fahrt, von den schnelleren Reifen zu profitieren.

Wenn man das macht, ist es wichtig, keine Kollision zu haben, nach der man früh stoppen muss, da die Supersoft-Mischung nicht bin zum Rennende durchhält und man noch einmal stoppen muss (da das Reglement vorschreibt, dass im Rennen zwei Mischungen verwendet werden müssen).

Das ist genau das, was Verstappen nach seiner Berührung mit Massa passierte und es ruinierte sein Rennen.

Alonso and Grosjean waren auf der gleichen Stategie wie Red Bull Racing. Für Alonso, der gerne auf den gleichen Reifen startet wie die Spitze, egal, wie weit er hinten steht, war das ungewöhnlich.

 Daniel Ricciardo, Red Bull Racing
Daniel Ricciardo, Red Bull Racing

Foto: Charles Coates / LAT Images

Ricciardo – von 16 auf 4 und vor Räikkönen

Einer der besten Fahrer des Tages war Daniel Ricciardo, der bis auf 4 Sekunden an einen Platz auf dem Podium herankam, nachdem er aufgrund einer Motorstrafe als 16. gestartet war. Er wendete die gleiche Gegenstrategie an, mit der er schon 2015 von Platz 15 auf 8 nach vorne gekommen war und die auch Sergio Perez 2012 sehr erfolgreich für Sauber angewendet hatte, als er von Platz 12 bis auf Position 2 nach vorne fuhr.

Dabei startet man auf dem härteren Reifen, fährt einen längeren 1. Stint und greift dann am Ende auf dne weicheren Reifen an. Das funktioniert in Monza sehr gut, da man dort überholen kann.

Ricciardos Ziel waren die Ferraris. Im Freien Training am Freitga sah es so aus, als könnten die Red Bulls mit den Ferraris mithalten. Aber er hatte viele Autos vor sich und würde auf die Ferraris Zeit verlieren, außer diese würden von Ocon und Stroll aufgehalten.

Vettel kam an ihnen vorbei, Räikkönen hatte damit aber Probleme und das war für ihn der Anfang vom Ende.

Force India und Williams kämpften ihren eigenen Kampf um Platz 4 in der Konstrukteursmeisterschaft und waren bei diesem Rennen daher auf sich und ihre eigenen Strategien konzentriert. Als Ocon Stroll am Start überholte, blieb der Teenager dran und Räikkönen folgte dem Paar.

Was man in der Situation von Ferrari in so einem Fall tun kann, ist, warten, bis sie sich gegenseitig beim Boxenstopp überholen, länger draußen bleiben und sie dann Dank der besseren Ferrari-Power beim eigenen Stopp überholen.

In diesem Fall passierte das aber nicht, denn Räikkönen bat um neue Reifen, bevor Ferrari ihn in Runde 15 an die Box rief. Das Problem dabei ist aber, dass ein Undercut nur funktioniert, wenn die neuen Reifen in deiner Garage entscheidend schneller sind als die an deinem Auto. In dieser Situation war das am Ende von Runde 14 und mit wenig Verschleiß nicht der Fall.

Räikkönen kassierte Stroll, denn der Kanadier hatte einen recht langsamen Stopp, aber Ocon konnte beide problemlos hinter sich halten und seine Position verteidigen.

All das spielte Ricciardo und Red Bull Racing in die Karten. Er fuhr einen langen 1. Stint und schnappte sich dann Räikkönen, als seine neuen Supersofts Räikkönens gebrauchten Softs überlegen waren.

Am Ende konnte er Vettel beinahe Platz 3 streitig machen, der Ferrari-Pilot konnte sich aber wehren.

 Esteban Ocon, Sahara Force India F1 VJM10, Lance Stroll, Williams FW40
Esteban Ocon, Sahara Force India F1 VJM10, Lance Stroll, Williams FW40

Foto: Charles Coates / LAT Images

Force India und Williams weiter vor dem Mittelfeld als normalerweise

Gehen wir also einen Schritt zurück und betrachten die Rolle der beiden Ausreißer in dieser Rennsituation. Die Rennverlaufsgrafik (unten) ist in dieser Woche ziemlich aussagekräftig. Die Force-India- und Williams-Autos hatten einen größeren Leistungsvorsprung auf das Mittelfeld als normalerweise und mehr als in Kanada, auf einer weiteren Strecke, auf der mit wenig Abtrieb gefahren wird. Was war also der Grund dafür?

Nun, eine Theorie hat damit zu tun, welche Entscheidung Mercedes bezüglich der Motoreinstellungen bei Ocons und Strolls Auto am Sonntag getroffen hatte (wie auch bezüglich der Werksautos).

Da sie Stroll und Ocoan als Puffer zwischen sich und Ferrari hatten, hatten sie die Möglichkeit, maximale Punkte gegenüber ihren Rivalen zu holen und die Scuderia auf heimischen Territorium gleichzeitig zu demütigen, was unweigerlich Konsequenzen haben würde.

Bei diesen Hybrid-Motoren gibt es verschiedene Einstellungen, die möglich sind, und es hängt von dem "Schaden" ab, den die Fahrer laut Hersteller anrichten dürfen, indem sie mit maximaler Belastung fahren. Normalerweise fährt man am Start des Rennes und nach dem Safety-Car am Maximum, ansonsten fährt man ihn zurück, um den Schaden so gering wie möglich zu halten und somit die Zuverlässigkeit und Lebensdauer der Motoren zu maximieren.

Force India und Williams sind im Normalfall, zumindest bezüglich der Höchstgeschwindigkeit, starke Autos. Eine genaue Analyse der Daten am Ende der Geraden vom Sonntag in Monza deutet aber darauf hin, dass Mercedes sowohl Hamilton und Bottas, als auch den beiden Kunden Ocon und Stroll erlaubte, in diesem Rennen mehr Schaden anzurichten als normalerweise.

 Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W08
Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W08

Foto: Sam Bloxham / LAT Images

Bei der Geschwindigkeitsmessung in Kurve 1 waren die Mercedes-Autos ohne Windschatten zwischen 328 und 330 km/h schnell. Mit Windschatten waren es bis zu 350 km/h. Interessanterweise gab es keinen echten Unterschied zwischen den Werksautos mit den Serie-4-Motoren und den Kundenautos mit den Serie-3-Aggregaten. Das hielt für den größten Teil des Rennens an.

Ferrari war indes zwischen 316 und 318 km/h schnell, ein Defizit von mehr als 10 km/h auf der Geraden in jeder Runde.

Vettel kam nach 53 Runden 36 Sekunden hinter dem Sieger Hamilton ins Ziel und die Kunden verdarben Räikkönen den Tag. Auf dem Podium streute Hamilton noch Salz in die Wunde, als er sagte: "Mercedes-Power ist besser als Ferrari-Power."

Ferrari-Präsident Marchionne nannte die Vorstellung später "peinlich".

Es ist verlockend, das Rennen so zu sehen, dass Mercedes wusste, dass sie in Monza sowieso gewinnen würden. Das Rennen bot aber die Gelegenheit, Ferrari beim Heimrennen weh zu tun, wenn das rote Team sowieso immer nervös ist. Wenn man alle Aktiva zusammennimmt, um Ferrari das Leben schwer zu machen, könnte es die Vorbereitungen für das nächste Rennen beeinflussen, eines, bei dem Ferrari erwartet, zu gewinnen – Singapur.

In Maranello muss Ferrari nun sehr stark sein und Monza schnell vergessen und sicherstellen, in Singapur in Bestform zu sein. Vettel hatte nach dem Rennen Recht, sich eher auf die positiven Dinge zu konzentrieren als auf die negativen, wie es Präsident Sergio Marchionne tat.

Vettel wusste, dass Monza nicht Ferraris Wochenende werden würde, bevor er am Donnerstag im Fahrerlager ankam. Er möchte aber nicht, dass das Team den Fokus vor dem Rennen in Singapur verliert, das sie unbedingt gewinnen müssen.

 Winner Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W08, second place Valtteri Bottas, Mercedes AMG F1 W08
Sieger Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W08, 2. Valtteri Bottas, Mercedes AMG F1 W08

Foto: Charles Coates / LAT Images

Der UBS-Rennstrategiereport ist von James Allen geschrieben, mit Input verschiedener führender F1-Teamstrategen und von Pirelli.

Die Rennverlaufsgrafik wird von Williams Martini Racing zur Verfügung gestellt.

Gezeigt werden die Abstände in Sekunden und somit die Leistungsunterschiede. Eine Aufwärtskurve deutet eine gute relative Pace an, eine Abwärtskurve das Gegenteil. Ein plötzlicher Abfall steht für einen Boxenstopp.

Betrachten wir die Pace von Ocon und Stroll im 1. Stint im Vergleich zum Mittelfeld (z.B. Toro Rosso, Renault), mit denen sie normalerweise eng beieinander liegen. Der Abstand ist größer als sonst. Das liegt teilweise an der ungewöhnlichen Situation des Mercedes-Motors, der mit höherer Leistung gefahren werden durfte.

Wenn man den Abstand der Stopps zwischen Räikkönen (Runde 15) und Vettel (Runde 31) anschaut, hätte Räikönen auf einen Undercut-Versuch von Stroll gegenüber Ocon warten und einen Overcut gegen beide tätigen können.

Man beachte auch den Fortschritt von Ricciardo, nachdem er freie Fahrt hatte. Er verfiel nicht in Panik, als seine Reifen im Verkehr heiß wurden, sondern fuhr weiter und wurde am Ende mit Platz 4 belohnt.

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Event Monza
Ort Autodromo Nazionale Monza
Autor James Allen
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