Nach Ferrari-Ausstiegssdrohung: Knickt Ross Brawn ein?

Liberty kann sich vorstellen, die angedachten Motorenregeln ab 2021 in Abstimmung mit den Herstellern zu modifizieren. Eine Zäsur müsste es aber geben, sagt Sportchef Ross Brawn.

Formel-1-Besitzer Liberty Media zeigt sich gesprächsbereit, wenn es um die Zukunft der Antriebe in der Königsklasse geht. Sportchef Ross Brawn reicht den Kritikern des geplanten Reglements ab der Saison 2021 die Hand und ruft sie auf, neue Vorschläge für eine Novelle einzubringen. "Warum nicht?", fragt der Brite. "Wir sind besonderen Lösungen gegenüber nicht abgeneigt." Im gleichen Atemzug macht Brawn jedoch klar, dass die US-Amerikaner zu ihrem Vorschlag stehen würden.

Die im Oktober präsentierte Idee würde den Zielen Kostensenkung, Gewichtsreduzierung, Soundverbesserung und Serienrelevanz entsprechen. "Dank unseres Fachwissen und der Arbeit, die wir geleistet haben, wissen wir, dass diese Lösungen funktionieren können", unterstreicht Brawn. Doch er steckt in der Bredouille, nachdem Mercedes, Renault sowie Ferrari gegen den Vorschlag Stimmung gemacht haben – und Scuderia-Präsident Sergio Marchionne sogar mit Ausstieg gedroht hat.

Brawn stellt klar, dass er die Italiener an Bord halten wolle – und dafür bereit sei, von seiner Position abzurücken. "Ferrari ist für die Formel 1 sehr wichtig. Ich habe dort zehn Jahre gearbeitet und ich weiß, wofür Ferrari steht", beschwichtigt der ehemalige Technikchef der Roten den schwelenden Konflikt mit Maranello. Eine harte Linie scheint er nicht fahren zu wollen: "Wir möchten Lösungen finden, um Ferrari in Zukunft nicht zu verlieren. Ich bin sicher, dass wir es auch können."

 

Sebastian Vettel, Ferrari SF70H and Valtteri Bottas, Mercedes-Benz F1 W08  battle for the lead at the start of the race
Auf welche Zukunft die Formel 1 zusteuert, ist fraglich.

Foto Sutton Images

 

Es ist ein Satz, der Brawn wohlwollend als Kompromissbereitschaft ausgelegt werden, ihm aber genauso als duckmäuserisch um die Ohren fliegen könnte. Wahrscheinlich ist, dass das Bemühen um "einen Motor, mit dem Sergio sich wohlfühlt" (O-Ton Brawn) darin endet, dass die Zahl von Einheitsteilen reduziert wird – damit Ferrari sein Triebwerk als Eigenentwicklung verkaufen kann. Auf der anderen Seite betont der Sportchef, dass die Formel 1 ihre Regeln dringend anpassen müsste.

Von den aktuellen Motoren hat er die Nase voll: "Sie sind sehr teuer, machen kaum Lärm und besitzen Komponenten, die für so viele Strafversetzungen verantwortlich sind, dass die Formel 1 zur Farce wird", moniert Brawn – wohlwissend, dass eine Beibehaltung aktueller Standards die kostengünstigste Variante wäre. Zumindest, wenn die derzeitigen Zulieferer nicht abspringen, was Liberty als Drohkulisse begreift. "So groß, wie die Unterschiede zwischen den Teilnehmern aktuell sind, bewegen wir niemals jemand andren, einzusteigen und Motoren zu bauen", befürchtet Brawn.

"Vielleicht verlieren wir einen oder zwei, wenn sie so weitermachen. Wir können es nicht dabei belassen", unterstreicht Brawn und bietet Mercedes, Renault und Ferrari ein Einfrieren der aktuellen Triebwerke an, um eine kostspielige Doppelentwicklung zu verhindern. Nebst weiteren Meetings mit Herstellervertretern, die er von seinem Konzept überzeugen möchte: "Vielleicht hätten wir die Regeln anders darstellen sollen. Ich nehme es auf meine Kappe, wenn es uns nicht gelungen ist. Vielleicht habe ich zu sehr wie ein Ingenieur gedacht und nicht wie ein Diplomat", so Brawn.

Er ist sich darüber im Klaren, dass die Hersteller bestimmte Technik unbedingt in der Formel 1 sehen wollen – allen voran Hybridsysteme, weil sie sie für relevant für die Serienentwicklung halten. "Ich denke aber nicht, dass wir diese Grenze überschritten hätten", meint er vor dem Hintergrund, dass es bei einer (sogar noch stärkeren) MGU-K bleiben soll. Die Streichung der MGU-H hält er aber für korrekt, weil sie keines der vier eingangs genannten Ziele erfülle: "Ich erkenne nicht, wie sie da nützlich sein sollte. Es ist ein Streitpunkt und es braucht Überzeugungsarbeit." Viel Überzeugungsarbeit.

 

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