Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Ins Turboloch gefallen: Renault stolperte bei der Formel 1 in Mexiko im großen Stil über die Zuverlässigkeit und Sportchef Cyril Abiteboul muss sich nun kritischen Fragen stellen.

Liebe Leser,

ein Motorschaden ist ärgerlich. Zwei sind schlecht für's Marketing. Bei drei Pannen müssen die Alarmglocken schrillen. Aber was, wenn die Anzahl der technischen Ausfälle an nur einem Wochenende die Finger an einer Hand übertrifft? Dann möchte man nicht in der Haut des sportlichen Leiters der betroffenen Marke stecken – und schon gar nicht Rechenschaft dazu ablegen müssen. Doch das ist genau das, was Renault-Sportchef Cyril Abiteboul jetzt blüht. Er dürfte daher in Mexiko-Stadt keine allzu ruhige Nacht verbracht haben.

Denn was Renault in Mexiko widerfahren ist, sprengt alles bisher Dagewesene: Von Freitag bis Sonntag wurden Renault-Piloten aus allen drei Einsatzteams insgesamt acht Mal (!) von Schäden im Motorenumfeld niedergestreckt. Die Zuverlässigkeit der französischen Marke war am Wochenende also nicht nur schlecht, sondern fast gar nicht vorhanden.

Die Zahlen zum drittletzten Grand Prix der Formel-1-Saison 2017 belegen dies anschaulich: Toro-Rosso-Pilot Pierre Gasly etwa kam am gesamten Rennwochenende nur auf 353 Einsatzkilometer – und in dieser Rechnung sind seine 70 Rennrunden vom Sonntag bereits enthalten. Das bedeutet: Gasly ging mit einer Vorbereitung von weniger als 50 Kilometern ins Rennen. Auch, weil er im ersten Training zugunsten von Testpilot Sean Gelael pausiert hatte, aber hauptsächlich, weil sein STR12 sowohl im zweiten als auch im dritten Training liegengeblieben war und er das Qualifying gar nicht erst bestreiten konnte.

Das Schicksal von Gasly war kein Einzelfall. Sein Toro-Rosso-Teamkollege Brendon Hartley wurde ebenso von der Technik eingebremst wie Renault-Werksfahrer Nico Hülkenberg oder Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo. Und beim späteren Rennsieger Max Verstappen hatte die Red-Bull-Crew laut Aussage von Teamchef Christian Horner erhebliche Sorgen, dass der Renault-Antriebsstrang den Geist aufgeben würde. Denn bei Verstappens Stallgefährte Ricciardo war kurz vor dem Rennen zur Sicherheit noch der Motor gewechselt worden. Fünf Rennrunden später stand der Australier neben der Strecke – mit Motorschaden.

Hat Renault die Anforderungen an die Technik in der großen Höhe von 2.300 Metern über Meeresniveau in Mexiko-Stadt unterschätzt? Oder wurde die jüngste Ausbaustufe des Renault-Antriebsstrangs zu früh unter Wettbewerbsbedingungen eingesetzt? Wurde bei der Qualitätskontrolle geschlampt? Oder wollte der französische Hersteller im Endspurt der Formel-1-Saison 2017 vielleicht zu viel? Diese und weitere Fragen dürften Sportchef Abiteboul am Sonntagabend in die Nacht begleitet haben. Denn von ihm werden alsbald Antworten erwartet.

Unmittelbar nach dem Rennen hatte er sich konsterniert gezeigt: Die zahlreichen Defekte hätten ihn daran erinnert, "dass die Zuverlässigkeit nach wie vor eine unserer Schwächen ist". Hülkenberg wiederum bezeichnete die Renault-Bilanz in Mexiko gar als "sehr, sehr ärgerlich und frustrierend". Kein Wunder: Mit Ausnahme von Verstappen, der seinen Sieg im Schongang einfuhr, weil er im Rennen nie ernsthaft unter Druck geriet, holten Renault-Piloten keine Punkte. Vier von sechs Renault-Fahrern kamen nicht über 500 Einsatzkilometer hinaus. Selbst die vielgescholtenen Honda-Motoren waren zuverlässiger als Renault.

Letzteres dürfte auch andernorts im Fahrerlager für Fragezeichen gesorgt haben, schließlich hat McLaren erst kürzlich und mit viel Tamtam den bisherigen Partner Honda vor die Türe gesetzt, um ab der Formel-1-Saison 2018 mit Renault-Antrieben zu starten. Und auf einmal ist Renault das Sorgenkind der Rennserie und steht massiv unter Druck: Für das Werksteam geht es um die Einhaltung des Fünfjahresplans, der für 2018 erste Podestplätze aus eigener Kraft vorsieht und 2020 im WM-Titelgewinn münden soll.

Für Renault als Lieferant geht es um die Zukunft mit starken Partnern. Denn sollte sich Honda im kommenden Jahr bei Toro Rosso bewähren, könnte Red Bull zur Formel-1-Saison 2019 ebenfalls auf Honda-Motoren wechseln. Und wie McLaren mit einer nicht befriedigenden Motorensituation umgeht, haben die vergangenen drei Jahre eindrücklich dokumentiert. Jeder bissige Funkspruch von Fernando Alonso war ein Stich ins Herz der Honda-Ingenieure und ein Albtraum für jede Marketing-Abteilung. Und mit Red Bull hat Renault für 2018 bereits ein Kundenteam, das mit Kritik nicht sparsam ist …

Für Renault steht also einiges auf dem Spiel: Neben dem Ruf ("Createur de Malheur" lässt grüßen!) die Zukunft des gesamten Formel-1-Projekts für das eigene Werksteam und für die Kunden. Schließlich bleibt in der Formel-1-Saison 2017 nicht mehr viel Raum zum Glänzen. Die Chance hingegen, sich mit einem schlechten Nachhall in die Winterpause zu verabschieden, ist groß. Abiteboul und Co. täten daher gut daran, die vielen technischen Pannen von Mexiko detailliert und rasch aufzuarbeiten und die Probleme abzustellen. Gelänge Renault noch in Brasilien und Abu Dhabi die Trendwende, die Marke könnte sogar gestärkt aus der Mexiko-Pleite hervorgehen.

Nicht vergessen: Das hat Renault schon einmal geschafft: Als Sebastian Vettel noch für Red Bull fuhr und ihm 2009 gleich reihenweise die Renault-Motoren eingegangen sind, hat der Hersteller nachgebessert. Von 2010 bis 2013 fuhr Renault daraufhin als Red-Bull-Partner sämtliche WM-Titel ein. Das sollte für Abiteboul Anspruch und Mission zugleich sein. Ob er und sein Team dieser Aufgabe gewachsen sind?

 

PS: Diese Kolumne ist das neue Schwesternformat zur traditionellen Montags-Kolumne von Christian Nimmervoll auf unseren Schwesternportalen Motorsport-Total.com und Formel1.de. "Wer letzte nacht am besten geschlafen hat" (nämlich Lewis Hamilton), können Sie hier nachlesen!

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