Formel-1-Technik mit Giorgio Piola

F1-Technik: Das Entwicklungsrennen Ferrari vs. Mercedes in Österreich

Mit welchen Neuerungen die Formel-1-Topteams Ferrari und Mercedes beim Grand Prix von Österreich den engen Titelkampf 2017 fortgesetzt haben, erklären Giorgio Piola und Matt Somerfield in Wort, Bild und Bewegtbild.

Die technische Entwicklung wird in der Formel 1 stets intensiv vorangetrieben, ganz besonders, wenn es derart umfangreiche Regeländerungen wie die zur Saison 2017 gibt. Die Neuerungen im Reglement waren derart weitreichend, dass die Teams im vergangenen Jahr genau abwägen mussten, wie viel Zeit und Ressourcen sie noch ihrem 2016er Auto widmen und wie früh sie den Fokus auf das neue Jahr verlegen.

Nun stehen wir in der Saison 2017 an einem Punkt, an dem die technische Entwicklung abermals ein Balance-Akt zwischen diesem und dem nächsten Jahr ist. Die großen Teams genießen dabei den Vorteil, diese Herausforderung besser meistern zu können als die kleinen, haben sie doch wesentlich mehr Personal. Somit können sie bis spät in der Saison noch Neuerungen für ihr 2017er-Auto bringen.

Beim zurückliegenden Rennen, dem Grand Prix von Österreich in Spielberg, hatten die beiden Formel-1-Topteams Ferrari und Mercedes zahlreiche Updates dabei. Schauen wir uns einmal genauer an, mit welchen neuen Teilen diese beiden Teams den WM-Kampf zu ihren Gunsten lenken wollen.

Ferrari

Ferrari SF70H new vs old front wing comparison
Ferrari SF70H: Fontflügel, Vergleich

Illustration: Giorgio Piola

Ferrari hatte den Frontflügel des SF70H erstmals beim Grand Prix von Bahrain umfangreich überarbeitet. Damals wurden die äußeren Flaps neu gestaltet, sodass sie eine Art Trichter bildeten, der die Luft ganz gezielt um die Vorderreifen herumleitet.

Der Frontflügel, den Ferrari in Österreich dabei hatte, ist eine Weiterentwicklung dieses Prinzips. Zum einen wurde der Bogen des Hauptflügelelements (blauer Pfeil) neu gestaltet. Zum anderen gibt es an der Innenseite der äußeren Endplatte ein neues Winglet mit Löchern (grüner Pfeil).

Der vielleicht interessanteste Teil des Österreich-Updates ist aber die neutrale Sektion des Frontflügels. Dieser Bereich hat wesentlichen Einfluss auf den sogenannten Y250-Vortex – einen energetischen Luftwirbel, der durch die Druckunterschiede erzeugt wird und in diesem Fall beidseitig 250 Millimeter neben der Mittellinie des Autos auftritt. Daher hat man ihn auf den Namen Y250 getauft.

Jedes Team hat seine eigene Methode, den Y250-Vortex zu nutzen und zu beeinflussen. Das jüngste Ferrari-Update ist ein aggressives. Besonders auffällig ist die grundlegend veränderte Form des Hauptflügelelements, das nun nach oben gebogen ist (roter Pfeil im oberen Bild).

Ferrari SF70H and Mercedes W08 front wings comparison
Ferrari SF70H vs. Mercedes F1 W08: Frontflügel, Vergleich

Illustration: Giorgio Piola

An dieser Stelle sei auf die Gemeinsamkeiten der Frontflügel des Ferrari SF70H und des Mercedes F1 W08 verwiesen. Mercedes setzt bereits seit dem Grand Prix von China 2015 auf den Trichter im Bereich der äußeren Endplatten. Das Hauptflügelelement ist über die Jahre immer wieder leicht verändert worden, kommt aber geschmeidiger daher als es beim jüngsten Ferrari-Update der Fall ist.

Was den Ferrari-Flügel betrifft, so ist mit dem Österreich-Update der in Bahrain erstmals erkennbare Schlitz (im oberen Bild gelb eingefärbt) deutlich kleiner geworden.

Das folgende Video gibt einen Überblick über die Neuerungen am Frontflügel des Ferrari SF70H in Österreich:

Die Neuerungen am Ferrari SF70H beschränkten sich in Österreich aber nicht allein auf den Frontflügel. Auch der sogenannte "Sensen"-Unterboden wurde überarbeitet.

Ferrari SF70H cut in the floor, captioned
Ferrari SF70H: Unterboden

Illustration: Giorgio Piola

Der Einschnitt, den Ferrari seit einigen Rennen am Unterboden hat (im Kreis dargestellt) begann in Österreich unter Belastung auf der Strecke zu "flattern" und zog damit das Interesse der FIA auf sich.

Einige Teams merkten an, dass flatternde Komponenten üblicherweise keinen Vorteil bringen, an dieser Stelle des Autos aber durchaus etwas bewirken könnten. Ferrari versuchte daraufhin, den vorderen Bereich des Einschnitts zu verstärken, doch die Bewegungen hielten an.

Dabei ist unklar, ob das Nachbessern auf Druck der FIA vorgenommen wurde oder ob es sich um eine geplante Entwicklung seitens des Teams handelte. Fakt ist, dass vorn ein Metallstück (roter Pfeil) angebracht wurde und auch der hintere Teil des Einschnitts abgeschlossen wurde.

Ferrari SF70H, t-wing
Ferrari SF70H: T-Flügel

Foto: Giorgio Piola

Schließlich wurde am Ferrari SF70H auch noch der in Spanien eingeführte T-Flügel leicht überarbeitet. Im Vergleich zur ursprünglichen Variante (im Kreis) wurden sowohl das obere als auch das untere Flügelelement neu gestaltet (blaue Pfeile) und für die Charakteristik des Red-Bull-Rings angepasst.

Mercedes

Der Mercedes F1 W08 wurde von Toto Wolff als "Diva" bezeichnet, weil sich das Team bei den ersten Rennen der Saison schwertat, das volle Potenzial des Autos abrufen zu können. Kernpunkt der Mercedes-Schwierigkeiten sind die Pirelli-Reifen, die in diesem Jahr breiter sind und eine neue Konstruktion aufweisen.

Eine gute Balance des Autos und damit ein konstantes Temperaturfenster der Reifen sind ganz entscheidend, um die volle Haftung der Pirelli-Pneus abrufen zu können. Mercedes gibt offen zu, dass dies im bisherigen Saisonverlauf die Achillesferse des F1 W08 war.

Bei den zurückliegenden Rennen wurden mittels mehrerer Updates große Anstrengungen unternommen, die Probleme zu kurieren. In Österreich wurde dieser Trend mit abermals neuen Teilen am F1 W08 fortgesetzt.

Mercedes AMG F1 W08, wing mirros
Mercedes F1 W08: Rückspiegel

Foto: Giorgio Piola

So hat Mercedes in Österreich unter anderem die Aufhängung der Rückspiegel am F1 W08 verändert. Dies mag sich wie eine triviale Änderungen anhören, aber das ist nicht der Fall.

Durch die neue Form (links im Bild) soll der Luftstrom in diesem Bereich des Autos verbessert werden, indem die vor dem Spiegel angebrachte Finne effizienter angeströmt wird, weil sie nun einzeln im Wind steht und nicht mehr im direkten Zusammenspiel mit der Spiegelaufhängung funktioniert.

Abgesehen davon wurde am Mercedes F1 W08 auch die beim Grand Prix von Spanien erstmals eingesetzte Schaufel an der Nase verändert. Mit dieser Neuerung befasst sich das folgende Video:

Am hinteren Ende der Schaufel gibt es nun einen kleinen Einschnitt. Zudem ist die Abschlusskante nach oben gebogen. Dadurch wird der Luftstrom in diesem Bereich des Autos gezielter nach hinten gelenkt.

Weitere Neuerungen hat Mercedes am Österreich-Wochenende am Heck des F1 W08 präsentiert.

Mercedes W08 diffuser
Mercedes F1 W08: Heck

Illustration: Giorgio Piola

So gibt es nun auf beiden Seiten der Crashstruktur kleine Winglets (gelber Pfeil). Diese Zusatzflügel haben auch auch andere Teams an ihren Autos. Mercedes hatte bereits 2015 welche, wenngleich diese damals niedriger angebracht waren.

Darüber hinaus gibt es am Mercedes F1 W08 hinter dem unteren Querlenker der Hinterradaufhängung ein weiteres neues Winglet (roter Pfeil). Damit wird der Luftstrom am Heck ebenfalls beeinflusst.

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Über diesen Artikel
Rennserien Formel 1
Veranstaltung Spielberg
Rennstrecke Red Bull Ring
Teams Ferrari , Mercedes
Artikelsorte Analyse
Tags aerodynamik, design, f1, ferrari, ferrari sf70h, frontflügel, mercedes, mercedes f1 w08, neuerung, piola, schaufel, technik, update
Topic Formel-1-Technik mit Giorgio Piola