Formel-1-Technik mit Giorgio Piola

F1-Technik: Wie Mercedes die "Diva" F1 W08 in Japan gezähmt hat

Mercedes wollte am Japan-Wochenende den jüngsten Temporückstand auf Ferrari und Red Bull aufholen und hat dies auch geschafft. Giorgio Piola und Matt Somerfield erklären, wie.

Für den Grand Prix von Malaysia hatte Mercedes ein großes Update-Paket mit jeder Menge neuer Teile für den F1 W08 dabei. Eingesetzt wurde das Update in Sepang in Qualifying und Rennen aber nur von Valtteri Bottas. Lewis Hamilton beließ es bei ein paar Trainingsrunden, bevor er auf die bewährte Konfiguration zurückrüsten ließ.

Am Wochenende des Grand Prix von Japan in Suzuka waren dann beide Mercedes-Piloten mit dem Update-Paket unterwegs, das inzwischen allerdings verändert wurde. Das Team hatte in der (kurzen) Zwischenzeit Daten für weitere neue Teile ausgewertet, welche die richtige Korrelation zwischen CFD-Modell in der Fabrik und der realen Welt verdeutlichten.

Das in Malaysia präsentierte Update-Paket besteht unter anderem aus einem überarbeiteten Frontflügel und einer veränderten Schaufel an der Nase. Das breitere Profil der Schaufel (roter Pfeil) fiel sofort auf. Was allerdings nicht auf den ersten Blick auffiel, war die Auswirkung, die diese Neuerung auch auf die Nase selbst hatte. Die Nase musste nämlich modifiziert werden.

Mercedes W08 new nose, Malaysia GP
Mercedes F1 W08: Nase, GP Malaysia

Illustration: Giorgio Piola

Wann immer es Veränderungen an der Nase gibt, muss ein neuer Crashtest absolviert werden, um seitens der FIA weiterhin grünes Licht zu haben. Den diesbezüglichen neuen Crashtest musste Mercedes also vor dem Verladen der neuen Teile in Richtung Malaysia absolvieren.

Neben Frontflügel, Schaufel und Nase umfasst das in Malaysia präsentierte Update-Paket für den Mercedes F1 W08 auch Veränderungen an den von Beginn an komplexen Windabweisern vor den Seitenkästen. Beim Grand Prix von Spanien im Mai gab es das erste Update in diesem Bereich. Es wurden zusätzliche r-förmige Winglets angebracht.

Mercedes W08 new bargeboards, Malaysian GP
Mercedes F1 W08: Windabweiser, GP Malaysia

Illustration: Giorgio Piola

In Malaysia folgte der nächste Schritt. Die beiden vorderen dieser r-förmigen Winglets an den Windabweisern wurden nach nach außen verlängert (rote Pfeile im Bild oben), um den Luftstrom anders zu lenken.

Zudem wurde der sogenannten Axtkopf am äußeren vorderen Ende des Unterbodens (blaue Pfeile im Bild oben) neu gestaltet. Waren es bei der vorangegangenen Version (im Bild oben im Kreis rechts) vier nach vorn ragende Streben, so wurden diese im Zuge des Malaysia-Updates auf drei Streben reduziert. Erreicht wurde dies, indem die beiden äußeren Streben zu einer einzelnen zusammengefasst wurden.

Weiter hinten am Mercedes gibt es seit einigen Wochen ebenfalls etwas Neues. Beim Grand Prix von Singapur wurde eine neue Haifisch-Finne eingesetzt, die direkt in den dahinterliegenden T-Flügel übergeht. In Kombination mit dem Kühlkamin, der für eine bessere Abführung der heißen Motorluft sorgt, wurde die neue Finne auch in Malaysia – wo es ähnlich heiß und luftfeucht wie in Singapur ist – eingesetzt.

Valtteri Bottas, Mercedes AMG F1 W08  in pit lane
Valtteri Bottas, Mercedes AMG F1 W08

Foto: Sutton Images

Wird der Kühlkamin eingesetzt, dann können an anderen Stellen des Autos zusätzliche Luftauslässe wegfallen. So mussten andere Teams in Singapur und Malaysia im direkten Vergleich deutlich größere Löcher in die Motorenabdeckung schneiden als es bei Mercedes dank des Kamins der Fall war.

Doch der Kamin dient nicht nur der Kühlung. Er hat auch Auswirkungen auf die Aerodynamik des Autos, weil die Motorenabdeckung als Ganzes inklusive der Haifisch-Finne damit wuchtiger daherkommt. Das wiederum hat Einfluss auf den Luftstrom in Richtung Heckflügel und letztendlich auch in Richtung Diffusor.

In Suzuka, wo es insgesamt deutlich kühler ist als in Singapur oder Sepang, setzte Mercedes schließlich auf eine neue Variante der verlängerten Haifisch-Finne. Diese kommt ohne Kühlkamin aus.

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W08
Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W08

Foto: Sutton Images

Mit der neuen Haifisch-Finne kehrte am Mercedes am Japan-Wochenende der Flap am hinteren Ende der gesamten Kühlkonfiguration zurück. Die Variante mit Flap (blauer Pfeil) ersetzte die Variante ohne Flap und mit zusätzlichem Luftauslass im Bereich des hinteren oberen Querlenkers (roter Pfeil).

Mercedes W08 cooling flap comparison
Mercedes F1 W08: Flap, Vergleich

Illustration: Giorgio Piola

In puncto Heckflügel setzte Mercedes am Japan-Wochenende auf die Variante für viel Abtrieb, die man bereits in Malaysia im Einsatz hatte. Eine kleine Veränderung gab es dennoch. Der obere Flap wurde in der Höhe reduziert, sodass er auf der in Suzuka vorherrschenden Streckencharakteristik effizienter mit dem Hauptflügelelement agiert.

Mercedes-Benz F1 W08  rear wing
Mercedes F1 W08: Heckflügel

Foto: Sutton Images

Von Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff wurde der F1 W08 als "Diva" bezeichnet, weil er zuweilen ein bockiges Verhalten an den Tag legt. Dies gilt insbesondere dann, wenn es heiß und luftfeucht ist und die Hinterreifen unter der aus dem Motorraum abgeführten Hitze leiden.

Verstärkt wird das launenhafte Verhalten des 2017er Mercedes immer dann, wenn die Temperaturen steigen, die Streckenoberfläche besonders aggressiv ist oder die von Reifenlieferant Pirelli vorgegebenen Reifendrücke für Mercedes zu niedrig sind. Diese Kombination ungünstiger Faktoren trat in Monte Carlo, Baku und Budapest auf.

In Suzuka, einer konventionellen Strecke mit weniger aggressivem Asphalt, auf der die Temperaturen noch dazu nicht so hoch waren wie zuvor in Sepang, ist es Mercedes gelungen, zur alten Form zurückzufinden. Im direkten Tempovergleich mit Ferrari und Red Bull hat man so die gewohnte Rangordnung wiederherstellen können.

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Über diesen Artikel
Rennserien Formel 1
Veranstaltung Suzuka
Rennstrecke Suzuka International Racing Course
Teams Mercedes
Artikelsorte Analyse
Tags aerodynamik, design, diva, f1, japan, mercedes, mercedes f1 w08, piola, setup, suzuka, technik
Topic Formel-1-Technik mit Giorgio Piola