Formel-1-Technik mit Giorgio Piola

F1-Technik: Die Monza-Kniffe der Topteams beim GP Italien

Wie Ferrari, Mercedes, Red Bull und Williams beim Grand Prix von Italien 2017 ihre F1-Autos auf extrem wenig Abtrieb getrimmt haben, erklären Giorgio Piola und Matt Somerfield in Wort und Bild.

Das Autodromo Nazionale Monza stellt die Formel-1-Teams traditionell vor eine ganz besondere Herausforderung. Für die Hochgeschwindigkeitsstrecke in Italien werden nicht selten Heckflügel konzipiert und gebaut, die sonst auf keiner anderen Strecke eingesetzt werden.

Im Zusammenhang mit dem diesjährigen Technischen Reglement, das von Haus aus für mehr Abtrieb als in der Vergangenheit sorgt, lag der Fokus am Wochenende des Grand Prix von Italien 2017 darauf, den Luftwiderstand so gering wie möglich zu halten.

Ferrari

Ferrari war sich schon im Vorfeld des Heimspiels bewusst, dass der SF70H in Monza von seiner Charakteristik her gegenüber dem Mercedes F1 W08 im Nachteil sein würde. Zudem liegen die beiden Teams jetzt auch in puncto Antriebskontingent weit auseinander.

Ferrari kann bis Saisonende noch eine Ausbaustufe bringen, ohne dafür Rückversetzungen in der Startaufstellung zu kassieren. Mercedes kann dies nicht mehr, nachdem man seit dem Belgien-Wochenende in Spa mit einer neuen Ausbaustufe fährt. Das heißt, dass Ferrari für die Strecken, die dem SF70H deutlich besser liegen als die Hochgeschwindigkeitsstrecken Spa und Monza, einen leistungsstärkeren Motor bringen will.

Für Monza hat Ferrari einen komplett neuen Heckflügel gebaut, um den Luftwiderstand zu verringern. Nachdem man in Baku und in Spa einen Heckflügel mit löffelförmigem Hauptflügelelement dabei hatte, um in den Kurven immer noch genügend Abtrieb zu haben, kam der Monza-Flügel konventioneller daher.

Ferrari SF70H rear wing comparison
Ferrari SF70H: Heckflügel, Vergleich GP Belgien vs. GP Italien

Illustration: Giorgio Piola

Das Hauptflügelelement das Monza-Flügels ist gerade. Im oberen Flügelelement gibt es eine zentrale Kerbe zur Aufteilung des Luftstroms. Beim Flügel für Baku und Spa gab es deren 2 Kerben (schwarze Pfeile).

Die vorn geöffneten Lamellen an den seitlichen Endplatten wurden beim Monza-Flügel durch konventionelle Lamellen ersetzt, die vorn geschlossen sind (gelb markiert).

Zudem wurde der 2. Monkey-Seat, der über dem Auspuff saß (roter Pfeil), für Monza entfernt. Grund: Bei niedrigeren Geschwindigkeiten braucht der Heckflügel ohne Löffelform nicht die Unterstützung eines 2. Monkey-Seats.

Mercedes

Mercedes hatte das Geschehen in Monza souverän im Griff. Dafür benötigte der F1 W08 aber keinen speziellen Heckflügel, der weniger kompliziert als der Spa-Flügel gewesen wäre. Vielmehr entschied sich das Team für eine ganz ähnliche Version des Flügels, wie er in Spa und auch schon 2 Monate zuvor in Baku (im Bild im Kreis) eingesetzt wurde. Geringfügige Unterschiede gab es trotzdem.

Mercedes W08 rear endplate comparison, Italian GP
Mercedes F1 W08: Heckflügel, Vergleich GP Belgien vs. GP Italien

Illustration: Giorgio Piola

In Monza war der Flügel flacher gestellt. Am oberen Flügelelement kam ein kleinerer Gurney-Flap zum Einsatz. Was die Lamellen an den seitlichen Endplatten betrifft (gelb markiert), so variieren Anzahl und Design, um den Luftstrom je nach Anstellwinkel des Flügels optimal zu "formen".

Üblicherweise ist Mercedes mit 4 vorn geöffneten Lamellen und einer 5. kürzeren Lamelle unterwegs. In Monza, Spa und Baku aber setzte man auf nur 3 vorn geöffnete Lamellen.

Red Bull

Red Bull gab seinem speziellen Monza-Flügel wie schon in den vergangenen Jahren eine vorgezogene Premiere, nämlich im Freien Training zum Grand Prix von Belgien. Daniel Ricciardo hatte den auf extrem wenig Luftwiderstand ausgelegten Heckflügel am Freitag in Spa getestet. Somit wusste das Team genau, was in Monza von diesem Flügel zu erwarten war.Red Bull RB13 rear wing comparison, Italian GP

Red Bull RB13: Heckflügel, Vergleich GP Belgien vs. GP Italien

Illustration: Giorgio Piola

Der Monza-Flügel für den Red Bull RB13 folgt der Philosophie, die das Team beim Grand Prix von Italien alljährlich schon seit dem RB9 aus der Saison 2013 (Bild unten) verfolgt. Da der Flügel extrem flach eingestellt ist, kann man auf Lamellen an den seitlichen Endplatten komplett verzichten.

Red Bull RB9 rear wing, low downforce configuration
Red Bull RB9: Heckflügel für wenig Abtrieb

Illustration: Giorgio Piola

Zudem fällt auf, dass die Vorrichtung für DRS aufgrund des extrem flachen Flügelwinkels beim Monza-Flügel des Red Bull RB13 direkt auf dem Flügelelement sitzt und nicht, wie sonst üblich, darüber.

Williams

Williams tut sich mit dem FW40 schwer, an die Performance aus den vergangenen beiden Jahren anzuknüpfen. Die Lücke zu den Topteams ist 2017 größer statt kleiner geworden.

Am Monza-Wochenende lief es für Williams für einmal gut. Nach Qualifying im Regen und diversen Startplatzstrafen bei gegnerischen Teams nahmen Lance Stroll und Felipe Massa den Grand Prix von Italien von den Startplätzen 2 und 7 in Angriff.

Dabei setzten Stroll und Massa auf unterschiedliche Setups. Dies könnte einer der Gründe dafür sein, dass der junge Kanadier seinen erfahrenen Teamkollegen aus Brasilien im Qualifying klar im Griff hatte.

Williams FW40, rear wing comparison
Williams FW40: Heckflügel, Vergleich Lance Stroll vs. Felipe Massa

Foto: Giorgio Piola

Stroll entschied sich für den speziellen Monza-Flügel, wohingegen Massa einen Flügel mit etwas mehr Abtrieb fuhr. Am Monza-Flügel für weniger Abtrieb und mit geringerem Luftwiderstand ist die Löffelform des Hauptflügelelements weniger stark ausgeprägt (gelb eingefärbt).

Auch die Form des oberen Flügelelements wurde für den Monza-Flügel nachhaltig verändert. Wie die gestrichelte grüne Linie im oberen Bild zeigt, war das obere Flügelelement deutlich flacher eingestellt als üblich und stark nach innen gebogen.

Zudem wurde die Anzahl der Lamellen am Monza-Flügel von 4 auf 3 reduziert (im Kreis).

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Über diesen Artikel
Rennserien Formel 1
Veranstaltung Monza
Rennstrecke Autodromo Nazionale Monza
Artikelsorte Analyse
Tags abtrieb, aerodynamik, design, f1, flügel, gp italien, italien, luftwiderstand, monza, piola, technik
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