Ferrari-Teamorder in Bahrain: So hat sich Leclerc widersetzt

geteilte inhalte
kommentare
Ferrari-Teamorder in Bahrain: So hat sich Leclerc widersetzt
Autor:
Co-Autor: Jonathan Noble
06.04.2019, 07:54

Charles Leclerc hat die Anweisung des Ferrari-Teams, zwei Runden hinter Sebastian Vettel zu bleiben, missachtet - Mattia Binotto nimmt Vettel nach Bahrain in Schutz

Das Ferrari-Team hat beim Grand Prix von Bahrain erneut eine Stallorder ausgegeben, doch Charles Leclerc hat diese einfach ignoriert und Sebastian Vettel trotzdem überholt. Das geht aus der Analyse der Boxenfunk-Tonspuren des Rennens hervor.

Zu Beginn der sechsten Runde zeigte sich Leclerc am Ende der Start- und Zielgeraden erstmals formatfüllend in Vettels Rückspiegel, zog den Angriff aber nicht durch. "Ich bin schneller, Jungs", funkte der Monegasse zu dem Zeitpunkt. Nach kurzer Überlegung erhielt er vom Ferrari-Kommandostand die Antwort, er möge erstmal abwarten: "Bleib dort für zwei Runden!"

Vettel schaute schon aufmerksam in den Rückspiegel, als sich Leclerc erstmals heranzoomte, beschwerte sich am Boxenfunk aber nicht über den Druck vom eigenen Teamkollegen. Der Kommandostand informierte ihn während der sechsten Runde: "Verwende in Kurve 8 den vierten Gang. Und mach Tempo!"

Die Anweisung, Kurve 8 "wegen der Temperaturen" im vierten Gang zu fahren, erhielt zu Beginn der siebten Runde auch Leclerc. Der Renningenieur hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, da war der Newcomer auch schon am viermaligen Weltmeister vorbei. Vettel zog vor der ersten Kurve nach rechts, um die Innenbahn zuzumachen. Aber Leclerc ging mit DRS-Überschuss einfach außen vorbei.

Vettel: Gelassenheit am Boxenfunk

Für viele überraschend: Vettel ließ den Positionstausch ohne Widerrede am Funk über sich ergehen. Eine Runde lang war es am Boxenfunk ruhig, dann meldete sich der Renningenieur beim Deutschen: "Wir müssen pushen. Hamilton holt auf." Worauf Vettel antwortete: "Ich habe Probleme mit dem Heck."

Ob Vettel zu dem Zeitpunkt wusste, dass Leclerc die Anweisung hatte, zumindest zwei Runden hinter ihm zu bleiben, entzieht sich unserer Kenntnis. Aber zwei Dinge sprechen für Ferrari. Erstens: Die Sache wurde nach dem Rennen nicht hochgespielt, es gab keine medialen Diskussionen. Zweitens: Leclerc darf, das hat man in Bahrain gesehen, Rennen gewinnen, wenn er der Schnellere ist.

Das hatte Teamchef Mattia Binotto bereits vor dem Rennen angekündigt: "Wenn Charles schnell genug ist, um vorne zu bleiben, darf er vorne bleiben. Wir haben nicht vor, die Reihenfolge der Fahrer zu bestimmen. Wir lassen sie ihr Rennen fahren", sagte er im 'Sky'-Interview mit Martin Brundle.

Leclerc für seinen Teil findet nicht, dass er etwas falsch gemacht hat: "Ich hatte die Gelegenheit, und die habe ich genutzt. Ich bin froh, dass es gleich beim ersten Mal geklappt hat, besonders nach dem schlechten Start."

Dass es eine Anweisung des Teams gab, wie durch den Boxenfunk jeder nachhören konnte, will er gar nicht abstreiten: "Sie haben mir gesagt, ich soll zwei Runden dahinter bleiben. Aber beim nächsten Mal bei Start und Ziel hatte ich die Gelegenheit, also habe ich sie genutzt. Es war ein erfolgreiches Manöver. Und danach war ich einfach schneller. Also bin ich mein Rennen gefahren."

Vettel: Ratlosigkeit im Duell gegen Leclerc

Vettel probierte unmittelbar nach dem Ferrari-internen Führungswechsel einen Konter, scheiterte damit aber. Eine Runde später hatte er bereits 1,3 Sekunden Rückstand - und war aus dem DRS-Fenster abgeschüttelt.

Er sei sich "nicht sicher", wo er die Zeit auf Leclerc in Bahrain verloren habe, räumt Vettel ein. "Wahrscheinlich überall", seufzt er. "Ich hatte den besseren Start und lag in Führung, aber ich konnte heute nicht das Tempo gehen, das Charles gehen konnte. Mit dem Medium-Reifen lief es besser als mit dem Soft. Aber insgesamt konnte ich nicht mit ihm mithalten."

"Charles hat ein paar Mal gesagt, dass er mit dem Auto sehr zufrieden war. Ich war nicht ganz zufrieden, hatte vor allem mit dem Heck Schwierigkeiten. Dann verteilt sich der Verlust an Rundenzeit recht gleichmäßig über die ganze Runde. In einigen Kurven verlässt du dich mehr aufs Heck als in anderen. Aber es hat sich einfach der Trend der beiden Trainingstage fortgesetzt."

Das klingt nicht so, als hätte Vettel am Bahrain-Wochenende ein Rezept gegen Leclerc gehabt - sondern ein wenig nach Ratlosigkeit. Zumal er später im Rennen dann den weit größeren Fauxpas lieferte, als er sich im Zweikampf mit Lewis Hamilton drehte. Gleich kam der alte Vorwurf, Vettel halte Druck einfach nicht gut stand.

Vettel: Dreher hatte nichts mit Druck zu tun

Aber: "Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das etwas mit Druck zu tun hatte", verteidigt sich der Ferrari-Pilot. "Mein Ziel war natürlich, vor Lewis zu bleiben. Ich wurde überrascht, als das Heck wegging, und als ich im Dreher war, war es schon zu spät. Ich habe es mir nochmal angeschaut. Es war mein Fehler. Unser Rennen wäre sonst besser gelaufen."

Während es von der italienischen Presse teils scharfe Kritik an Vettel gab, stärkt ihm der Teamchef den Rücken: "Ich finde, wir sollten nicht über Fehler sprechen", sagt Binotto. "Wir kämpfen Rad an Rad. Das ist nicht einfach, da kann sowas passieren. Wir müssen unsere Fahrer ermutigen, denn nur wenn sie am Limit fahren, können sie die besten Ergebnisse erreichen. Genau das hat Seb versucht."

"Es war ein schwieriges Rennen", sagt Vettel. "Auf meiner Seite nehme ich viele Hausaufgaben mit nach diesem Wochenende. Ich hatte nicht das richtige Gefühl für das Auto, besonders am Samstag und Sonntag. Das müssen wir uns genau anschauen."

"Aus Teamsicht war es im Vergleich zu Melbourne aber ein Schritt nach vorne. Insofern gibt es auch genug Gründe, optimistisch in die Zukunft zu schauen", so der 31-Jährige. Beim Test am Mittwoch hatte er Gelegenheit, an der Balance zu arbeiten. Vettel drehte 103 Runden und belegte den dritten Platz. 0,2 Sekunden hinter George Russell im Mercedes.

Mit Bildmaterial von LAT.

Nächster Artikel
Lewis Hamilton: Rassismus wird noch lange ein Problem bleiben

Vorheriger Artikel

Lewis Hamilton: Rassismus wird noch lange ein Problem bleiben

Nächster Artikel

Formel-1-Technik: Wozu ein "Gurney-Flap" am Frontflügel gut ist

Formel-1-Technik: Wozu ein "Gurney-Flap" am Frontflügel gut ist
Kommentare laden
Hier verpasst Du keine wichtige News