Formel 1 2017

Findet Adrian Newey die Schlupflöcher im F1-Reglement 2017?

Aus dem Tagesgeschäft hinsichtlich des Designs von Formel-1-Autos mag sich Adrian Newey zurückgezogen haben, doch er bleibt gerade mit Blick auf die Saison 2017 eine Red-Bull-Geheimwaffe.

Adrian Newey ist seit jeher ein Denker. Er ist einer, der Konzepte entwickelt und neue Wege beschreitet, indem er die Grenzen des Formel-1-Reglements auslotet. Neweys aktuelle Rolle bei Red Bull erlaubt es ihm, von außen auf die Dinge zu blicken und so dem Technikerteam, das er während des zurückliegenden Jahrzehnts aufgebaut hat, mit wertvollen Ratschlägen zur Seite zu stehen.

Der Formel 1 stehen für die Saison 2017, die in etwas mehr als 2 Monaten in Melbourne beginnt, die umfangreichsten Regeländerungen seit Jahren ins Haus. Dies ist ganz nach dem Geschmack Neweys. Das Designgenie hatte im Laufe der Jahre immer wieder seinen Unmut darüber geäußert, dass die modernen Formel-1-Regeln zu wenig Spielraum für kreative Ideen ließen. Ein neues Reglement bedeutet indes immer eine neue Herausforderung und eine Chance, die Aufgabe besser zu lösen als andere.

"Ich mag Regeländerungen, denn dabei geht es darum, den Effekt der Änderungen besser zu verstehen als es die Gegner tun", so Newey anlässlich der Autosport International Show in Birmingham, um auszuholen: "Vielleicht gibt es neue Möglichkeiten. Vielleicht ist das, was die Regeln aussagen und das, was sie aussagen sollen, nicht das Gleiche. Glücklicherweise gibt es nicht so etwas wie die Intention einer Regel. Es gibt nur die Regel an sich, Schwarz auf Weiß. Da gibt es manchmal schon Schlupflöcher, die man finden kann."

Neweys Urteil zum Reglement 2017: "Gemischte Gefühle"

Zahlreiche Beobachter sind sich einig. Wenn es jemanden gibt, der solche Schlupflöcher im neuen Reglement gefunden haben könnte, dann ist es Newey. Was also sagt das Designgenie selbst zur Formel 1, Jahrgang 2017?

"Gemischte Gefühle. Der zusätzliche Abtrieb macht einen großen Unterschied, denn er bedeutet, dass schnelle Kurven wie Copse in Silverstone nun sogar im Rennen mit Vollgas durchfahren werden können. Grundsätzlich sind einige der schnellen Kurven jetzt nichts mehr als einfache Knicke auf Geraden. Das ist in etwa so wie mit Eau Rouge. Das war einst eine furchteinflößende Kurve. Mittlerweile ist es nicht mehr als ein Knick auf einer Gerade", so Newey.

"Das Fahren der Autos wird anstrengender sein. Das finde ich gut", so Newey weiter, um zu präzisieren: "Die größten Belastungen liegen dabei natürlich auf der Nackenmuskulatur. Deshalb werden die Fahrer im Winter noch härter trainieren, um noch stärke Nackenmuskeln zu bekommen. Doch ungeachtet dessen werden sie sich in den schnellen Kurven sogar im Sitz festkrallen müssen."

Doch nicht nur die Fliehkräfte in den Kurven werden mit den neuen Autos ansteigen. Newey spricht einen weiteren Punkt an: "Auch die Kräfte beim Bremsen werden höher sein. Inwiefern sich das auf das Überholen auswirken wird, bleibt abzuwarten. Ich sehe es ein bisschen mit Sorge, denn die Bremswege werden kürzer. Klar, man kann mit DRS überholen. Meine Meinung ist aber, dass DRS nichts anderes bewirkt als Überholmanöver der Autos untereinander. Ein Überholmanöver, an das man zurückdenkt, wird es mit DRS nicht geben."

Neweys Gesamturteil über die künstliche Überholhilfe DRS, die mit dem verstellbaren Heckflügel funktioniert: "Es ist eine Hilfe, um bei der Reihenfolge im Rennen Veränderungen zu bewirken. Wenn es aber soweit geht, dass die Fahrer davon abgehalten werden, auf traditionelle Art und Weise einen Weg am Gegner vorbeizufinden, dann ist das meiner Meinung nach eine Schande."

In diesem Zusammenhang merkt Newey an: "Es sind die richtig mutigen Überholmanöver, an die wir uns erinnern. Etwa jenes, als Mark Webber vor ein paar Jahren in Eau Rouge an Fernando Alonso vorbeiging. Das war damals eine Schande, denn es war ein äußerst mutiges und sehr gut durchgezogenes Manöver, doch direkt auf der folgenden Geraden kam Fernando dank DRS wieder vorbei."

Grundsatzfrage: Mehr oder weniger Abtrieb?

Es werden jedoch nicht nur die Bremswege sein, die sich mit den Formel-1-Autos 2017 auf das Thema Überholen auswirken. Zahlreiche Stimmen sagen voraus, dass es dank des erhöhten Abtriebs schwieriger sein wird, einem anderen Auto zu folgen und somit überhaupt in die Position für ein Überholmanöver zu kommen. Neweys Meinung dazu: "Das ist eine knifflige Frage: Sollten die Autos viel Abtrieb haben, wodurch möglicherweise das Racing leidet. Oder sollten wir alle Flügel wegnehmen und dorthin zurückkehren, wo wir einmal waren?"

"Ich bin überzeugt, dass eine zu starke Reduzierung des Abtriebs die Autos zu langsam machen würde. Auch auf die Gefahr hin, dass das, was ich jetzt sage, kontrovers ist. Aber wenn man sich einen Tourenwagen ansieht, wie er eine Kurve durchfährt, dann ist das für sich nicht besonders spektakulär anzusehen. Ich finde, die Autos müssen schnell sein, zumal es im Fernsehen ohnehin immer langsamer wirkt", so Newey.

Das Gute ist, dass die neuen Autos besser aussehen werden, und das nicht nur, weil die Breitreifen zurückkehren. Newey, ganz der Purist, deutet an, dass die neuen Autos von den Dimensionen her an den Williams aus der Saison 1992 erinnern werden. Dieses Auto wurde von Newey gezeichnet und der Designer geht davon aus, dass die Fans, was das betrifft, glücklich sein werden.

Nigel Mansell, Williams FW14B Renault
Nigel Mansell, Williams FW14B Renault

Foto: LAT Images

"Die optischen Auswirkungen werden nicht so stark sein, wie es 2009 der Fall war, weil die Änderungen im Reglement nicht so weitreichend sind. Trotzdem sprechen wir hier von einer großen Änderung. Die Autos werden breiter und dank der Rückversetzung von Frontflügel, Seitenkästen und so weiter wird die Illusion von Geschwindigkeit erzeugt, die Stylisten so mögen", sagt der Red-Bull-Designer.

"Ob es die Leute mögen oder nicht... Ich finde, es sieht gut aus", urteilt Newey über die neue Formel-1-Optik und vergleicht: "Mit der schmalen Spur und den schmalen Reifen sahen die Autos meiner Meinung nach immer etwas merkwürdig aus – insbesondere, als der Heckflügel noch höher war. Es geht jetzt darum, diesen Trend umzukehren, um die Autos zum einen wieder ansprechend aussehen zu lassen und zum anderen, dass sie schwieriger zu fahren sind."

Newey vermutet: Wettbewerb wird 2017 leiden

Wenngleich sich die Regeländerungen auf Aerodynamik und Reifen konzentrieren, so stellt Newey heraus, dass die Antriebseinheiten einen größeren Einfluss als in der Vergangenheit haben werden. Das liegt einfach daran, weil der Vollgasanteil höher sein wird: "Weil es so viel mehr Grip gibt, wird die Motorleistung noch wichtiger. Der Vollgasanteil steigt und das bedeutet, dass es weniger Zeit gibt, in der man auf der Suche nach Grip als auf der Suche nach Leistung sein wird."

Die schlechte Nachricht ist, dass der Wettbewerb leiden könnte. "Die Gefahr im Zusammenhang mit den neuen Regeln besteht darin, dass sich das Feld auseinanderzieht, denn immer dann, wenn es umfangreiche Regeländerungen gibt, wird es Leute geben, die diese besser lesen als andere. Den großen Teams stehen natürlich mehr Ressourcen zur Verfügung als den kleinen Teams. Somit dürften Regeländerungen ihnen eher in die Karten spielen als den kleinen Teams. Das ist aber nicht immer so", weiß Newey.

Newey betonte zudem, dass Red Bulls Motorenpartner Renault für 2017 einen Schritt nach vorn gemacht hat. Das gilt für Mercedes allerdings auch. Somit liegt es an Red Bull, die Lücke zu den Silberpfeilen zu schließen. Dank Newey hat die Truppe aus Milton Keynes eine Geheimwaffe an der Hand, um den Unterschied zu bewirken. Wird der RB13 Lösungen in sich tragen, die von den anderen kopiert werden müssen? Das wird spannend zu verfolgen zu sein.

Einen Kommentar schreiben
Kommentare anzeigen
Über diesen Artikel
Rennserien Formel 1
Artikelsorte Analyse
Tags abtrieb, action, auswirkung, bremsen, f1, newey, réglement, show, überholen
Topic Formel 1 2017