Formel 1 auf dem Nürburgring: Wie stehen die Chancen?

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Formel 1 auf dem Nürburgring: Wie stehen die Chancen?
Autor: Christian Nimmervoll
25.05.2018, 20:00

Der Traum vom Nordschleifen-Grand-Prix ist ausgeträumt, aber der Nürburgring hat Liberty Media konkrete Ideen für eine Rückkehr der Formel 1 präsentiert

Stand heute findet am 22. Juli 2018 zum vorerst letzten Mal ein Grand Prix von Deutschland statt. Der Vertrag des Hockenheimrings mit der Formel 1 läuft Ende dieses Jahres aus, und ein neuer Vertrag sei nur bei einem veränderten Geschäftsmodell denkbar, hieß es zuletzt seitens der Streckenbetreiber.

Ganz ähnlich ist die Ausgangslage am Nürburgring, wo die Formel 1 zuletzt 2013 einen Grand Prix ausgetragen hat (damals vor 52.000 Zuschauern am Rennsonntag). Sollten sich Rechteinhaber Liberty Media und Hockenheim für 2019 nicht einig werden, könnte der Nürburgring theoretisch einspringen. Mittel- bis langfristig auch wieder als (semi-)permanenter Austragungsort eines Grand Prix von Deutschland.

Erste Gespräche haben bereits stattgefunden: "Wir sind proaktiv auf Liberty Media zugegangen", bestätigt Nürburgring-Geschäftsführer Mirco Markfort im Interview mit 'Motorsport.com'. "Im Laufe der Gespräche haben wir klargemacht, dass die Formel 1 auf dem Nürburgring mit dem Modell der Vergangenheit nicht funktionieren kann. Die Formel 1 kann nur unter neuen Bedingungen zurückkehren."

Bei Liberty-Marketingchef Sean Bratches liegen nun zwei Modelle auf dem Tisch, die sich der Nürburgring vorstellen kann. Erstens: Die Formel 1 mietet die Rennstrecke für den Zeitraum des Events. Vorteil: Der Nürburgring wäre komplett aus dem Risiko, hätte über die Mietsumme einen garantierten Gewinn (wenn auch nur moderat) und profitiert dennoch von der Strahlkraft und Umwegrentabilität der Formel 1.

 

Mirco Markfort, CEO of Nürburgring GmbH
Mirco Markfort, Geschäftsführer der Nürburgring GmbH

Foto Capricorn Nürburgring GmbH

Zweitens: Der Nürburgring und Liberty teilen sich das Risiko, aber auch die wirtschaftlichen Chancen der Veranstaltung. Das könnte konkret eine dramatisch reduzierte Grand-Prix-Gebühr bedeuten. Liberty wiederum wäre in die Veranstaltung involviert und würde im Gegensatz zu früher auch von erfolgreichen Ticketverkäufen partizipieren.

Das war bislang anders. Hockenheim zahlt pro Grand Prix geschätzte 20 Millionen Euro an den Rechteinhaber und muss versuchen, das vor allem aus Ticketverkäufen zu refinanzieren. Wenn dann eine Veranstaltung floppt, zum Beispiel wegen Regens am Renntag und einer schlecht laufenden Tageskasse, oder weil die Formel 1 insgesamt einfach an Attraktivität verliert, bleibt der Veranstalter auf großen Teilen der Kosten sitzen.

Das ist ein Modell, das für staatlich subventionierte Grands Prix wie Aserbaidschan, Russland oder Mexiko funktionieren mag. Für den Nürburgring ist Kostenkontrolle hingegen ein Schlüsselelement: "Wir sind privatwirtschaftlich und erhalten nicht wie andere Rennstrecken Zuschüsse", sagt Markfort und zeigt Verständnis für diese politische Haltung: "Das ist auch gut so. In Zeiten wie heute wird das Geld woanders dringender benötigt und ist dort wichtiger."

Eine Entscheidung für 2019 wünscht sich Markfort idealerweise bis zum Grand Prix in Hockenheim Ende Juli - eine von vielen Gemeinsamkeiten mit den kürzlich von Hockenheim-Seite geäußerten Wünschen. "Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Wir befinden uns in einer ähnlichen Ausgangsposition", sagt Markfort und lächelt, wenn er sagt: "Und noch etwas haben wir gemeinsam: Beide Strecken hätten sich einen Formel-1-Grand-Prix verdient!"

 

 

Sollte Liberty tatsächlich Interesse zeigen, 2019 an den Nürburgring zu kommen, und sich für das Modell der Streckenmiete entscheiden, könnte ein Vertrag auch zu einem späteren Zeitpunkt vereinbart werden. "Mit fortschreitender Zeit wird unser Terminkalender aber voller", sagt Markfort. 2018 sind zum Beispiel an 38 Betriebs-Wochenenden nicht weniger als 50 Publikumsveranstaltungen auf dem Nürburgring gebucht.

Denkbar wäre auch, dass die Formel 1 2019 noch einmal nach Hockenheim kommt - und dann wieder alternierend mit dem Nürburgring stattfindet. Oder umgekehrt. Markfort: "Wir können uns eine alternierende Lösung vorstellen. Das hat in der Vergangenheit ganz gut funktioniert." Auch in Hockenheim hat man Bereitschaft zu so einem Modell signalisiert.

"Die Formel 1", sagt Markfort, "ist nach wie vor die weltweit führende Rennserie. Aus Imagegründen wäre sie natürlich willkommen." Gleichzeitig betont er, dass der Nürburgring nicht auf die Königsklasse angewiesen ist, und verweist auf 98 Prozent Auslastung der Grand-Prix-Strecke und sogar 100 Prozent der legendären Nordschleife im vermietbaren Zeitraum. "Wir erfüllen auch ohne Formel 1 unsere Aufgabe als Wirtschaftsmotor der Region", unterstreicht er.

Übrigens: Die kühne Vision, eines Tages wieder einen Grand Prix auf der Nordschleife auszutragen, von der unser Schwesternportal 'Motorsport-Total.com' vergangenes Jahr berichtet hat, ist inzwischen vom Tisch. Im Zuge der Gespräche mit Liberty wurde seitens des Nürburgrings tatsächlich angesprochen, ob es nicht zumindest sinnvoll wäre, ein so spektakuläres Projekt einmal gemeinsam zu brainstormen. Wegen Sicherheitsbedenken wurden derartige Ideen aber von Liberty bereits im Keim erstickt.

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Rennserie Formel 1
Autor Christian Nimmervoll
Artikelsorte News