Formel-1-Hoffnung Nikita Mazepin: "Man muss bereit sein"

Force-India-Entwicklungsfahrer Nikita Mazepin spricht im Interview mit Motorsport.com über seine ersten Testfahrten, seine Zukunftspläne und sein erstes Treffen mit Michael Schumacher.

Im Juli gab Nikita Mazepin bei den Testfahrten in Silverstone sein Debüt im Formel-1-Cockpit. Dabei hinterließ der 17-jährige Russe auf Anhieb einen guten Eindruck. Im Verlauf seiner zwei Testtage unterbot Mazepin, der in der Formel-3-Europameisterschaft fährt, sogar die Qualifying-Zeit von Force-India-Stammfahrer Nico Hülkenberg.

Im Interview lässt Mazepin den Silverstone-Test Revue passieren und spricht zudem über seine Zukunftspläne und darüber, wie er Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher kennengelernt hat.

Frage: "Nikita, wie würdest du den Silverstone-Test mit ein paar Wochen Abstand einschätzen?"

Nikita Mazepin: "Es war eine unglaubliche Erfahrung und eine, für die ich dem Team sehr dankbar bin. Diese Erfahrung hilft mir auch in der Formel 3, keine Frage. Ich habe in diesem Jahr auch ein paar Rennen in der Formel Renault 2.0 bestritten und fühlte mich bei der Rückkehr ins Formel-3-Auto jedes Mal am Limit. Der Formel-1-Test hat mir aber geholfen, das Formel-3-Auto mit mehr Vertrauen zu bewegen."

"Ich finde, ich habe mich beim Test gut geschlagen. Ich habe dem Team geholfen so gut ich konnte und habe keine Fehler gemacht. Die Rundenzeit meiner Performance-Runs, von denen ich nicht allzu viele fuhr, war auch nicht so schlecht. Somit war ich nach den zwei Tagen sehr glücklich."

Frage: "Hast du das Gefühl, dass Force India mit den von dir gesammelten Daten zufrieden war?"

"Ich denke schon. Das Hauptanliegen war es, alle Teile zu testen, die am Rennwochenende aus Zeitgründen nicht getestet werden können. Zudem hatte das Team Interesse daran, andere Komponenten zu testen und zu erfahren, wie Pirelli die Reifen auswählt."

"Ich fuhr hauptsächlich mit den Soft-Reifen. Das war auch am Rennwochenende die bevorzugte Mischung. Ich hatte aber auch für ein paar Runden die Supersoft- und die Ultrasoft-Reifen drauf. Das Team wollte einfach herausfinden, ob diese Mischungen auf dieser Strecke funktionieren oder nicht. Ich glaube, ich habe gute Rückmeldungen gegeben."

Frage: "Was hat dich bei deinem ersten Formel-1-Test am meisten überrascht?"

"Ich würde sagen, die gewaltige Motorleistung beim Herausbeschleunigen aus den Kurven. In Silverstone gibt es viele Kurven, die mit einem Knick beginnen. Da fällt es zu Beginn schwer, das Vertrauen aufzubauen. Die Bremsen sind unglaublich gut. Beim Beschleunigen will man natürlich vermeiden, einen Dreher hinzulegen. Der Test war ja teilweise verregnet. Somit war auch der Kunstrasen neben der Strecke nass und daher extrem rutschig. Da will man natürlich nicht die Track-Limits überschreiten."

"Ich würde also sagen, die Motorleistung war die größte Überraschung. Auch der Abtrieb bei hohen Geschwindigkeiten war beeindruckend. Andererseits produziert auch ein Formel-3-Auto jede Menge Abtrieb. Somit war das kein allzu großer Unterschied."

Motorleistung der Formel 1 beeindruckend

Frage: "Wie lange hast du gebraucht, um dich an die komplizierten Abläufe im Formel-1-Cockpit zu gewöhnen?"

"Das Auto ist in der Tat sehr kompliziert. Um ehrlich zu sein, habe ich aber nicht lange lernen müssen. Die Ingenieure im Team sind sehr gut. Ich hatte die Möglichkeit, mit der Crew von Sergio Perez zusammenzuarbeiten. Das war fantastisch, denn alle haben mir unter die Arme gegriffen. Natürlich gab es Dinge, die ich nicht wissen konnte. Ich konnte aber jederzeit jeden fragen. Alle waren sehr offen."

"Bei Testfahrten will man einen guten Eindruck hinterlassen und nicht zu blöd rüberkommen, indem man zu viele Fragen stellt. Ich habe mich aber direkt sehr wohl gefühlt und ich glaube, das war mitentscheidend dafür, dass alles so gut gelaufen ist. Ich wusste stets, was ich tat. Ich war nicht mal ansatzweise in der Nähe, das Auto oder den Motor zu beschädigen. Alles lief gut."

Frage: "Waren die körperlichen Belastungen ein Problem?"

"Eigentlich nicht. Auch die Formel-3-Autos sind heutzutage recht schwer zu fahren. Meine Vorbereitung auf diese Rennen ist sehr intensiv. Für einen Fahrer, der in die höheren Klassen aufsteigen will, ist das perfekt."

Frage: "Hast du das Gefühl, bei deinem Formel-1-Test Eindruck hinterlassen zu haben?"

"Durchaus. Ich finde, ich kann dem Team ein hilfreicher Fahrer sein. Sollte ich eine weitere Chance bekommen, wäre das großartig. Mit jedem Einsatz im Auto helfe ich nicht nur dem Team, sondern auch mir selbst. Man kann ja ein Formel-1-Auto nicht mal eben für einen Tag mieten und damit herumfahren. Ein Test ist eine sehr exklusive Sache, die nur wenigen Fahrern vorbehalten ist. Ich bin dankbar, zu dieser Gruppe zu gehören und hoffe auf eine weitere Gelegenheit, denn ich habe wirklich versucht, bei diesem Test mein Bestes zu geben."

Die Schumacher-Connection

Frage: "Wie verlief dein Einstieg in den Motorsport?"

"So wie wahrscheinlich bei den meisten anderen auch. Ich probierte ein Leihkart und hatte das Glück, dass die Leute an der Kartbahn auf mich aufmerksam wurden. Wenn man sechs oder sieben Jahre alt ist, dann sucht man sich etwas, was man nach der Schule tun kann."

"Ich war dreimal pro Woche auf dieser Kartbahn, um einfach nur Spaß zu haben. Das lief richtig gut. Mir wurde gesagt, dass es eine Aufstiegschance gibt. Ich könnte in der Russischen Meisterschaft antreten. Als ich zum ersten Mal dort fuhr, war das ein Schock. Das Niveau war natürlich ein ganz anderes, aber ich gewöhnte mich daran. So stieg ich über die Europameisterschaft in die Weltmeisterschaft auf. Als ich diese zweimal hintereinander als Zweiter abgeschlossen hatte, war ich bereit für den nächsten Schritt, den Wechsel in den Formelsport."

Frage: "Hast du damals sofort realisiert, dass es das ist, was du tun willst?"

"Seit ich neun Jahre alt war, wusste ich, dass ich Formel-1-Fahrer werden will. Aus diesem Grund war der Silverstone-Test ein so unglaublich gutes Gefühl. Wir alle wollen Erfolg haben im Leben. Wenn man dann die Chance bekommt, einen Eindruck von dem zu bekommen, worauf man jahrelang hingearbeitet hat, dann motiviert das nur noch mehr. Dann hat man das Gefühl, kurz vor dem Ziel zu sein."

Frage: "Wer war dein Jugendidol?"

"Ich denke, die Antwort überrascht nicht: Michael Schumacher. Ich bin im Kart gegen seinen Sohn gefahren. Wir fuhren im selben Team und in derselben Klasse. Zu dieser Zeit kam Michael häufig in unser Teamzelt und war dabei stets sehr nett. Er erkundigte sich, wie ich mit dem Kart zurechtkomme. Das war großartig. So gesehen war Michael sicherlich meine größte Inspiration."

Frage: "Wie war es, Michael zum ersten Mal zu begegnen?"

"Wenn man Rennfahrer werden will, dann nimmt man natürlich den Gipfel ins Visier. Michael war der Größte und ist es immer noch. Für mich ging es in erster Linie darum, zu erfahren, wie er sich verhält. Wie tritt er den Fans gegenüber? Wie spricht er mit den Leuten? Wenn du einem Champion nacheiferst, dann willst du alles so machen wie er, nicht nur das Fahren an sich. Das gilt ganz besonders im Jugendalter, wenn man seinen Charakter formt. So gesehen war das eine großartige Gelegenheit."

Frage: "Kamst du mit Mick gut zurecht?"

"Ja, wir waren gute Freunde. Genau wie ich, so verbrachte auch er sehr viel Zeit an der Strecke. Dort ist man oft sehr einsam. Also gingen wir oft gemeinsam Abendessen und solche Dinge. Als wir gemeinsam in der Juniorenklasse fuhren, haben wir viel Zeit miteinander verbracht. Dann aber stieg ich in die Seniorenklasse auf und er blieb ein weiteres Jahr in der Juniorenklasse."

"Wir haben nach wie vor Kontakt, aber jetzt fahre ich in der Formel 3 und er in der Formel 4. Das sind zwei komplett verschiedene Rennserien. Somit war der Kontakt in jüngster Vergangenheit nicht allzu eng. Ich bin mit meinen Formel-1-Verfplichtungen, meinen Formel-3-Verfplichtungen und meinen Rennen in der Formel Renault schwer beschäftigt. Da fällt es nicht leicht, den Kontakt zu halten. Unterm Strich machen wir das alles ohnehin nicht, um Freunde zu finden. Für eine gute Freundschaft bin ich aber immer zu haben."

Frage: "Erkennst du etwas von Michael in Mick wieder?"

"Das ist schwer zu sagen. Ich habe Michael nie wirklich näher kennengelernt, sondern kann ihn eigentlich nur anhand dessen einschätzen, was die Leute über ihn erzählen. Ich selbst war auf der Strecke nie der netteste Fahrer. Ich habe Spaß an Zweikämpfen und trete an, um zu gewinnen. Um ehrlich zu sein, hatte ich mit Mick ein paar Kollisionen. Genau wie ich, wollte er sein Bestes geben. Genau wie ich, ist er ein sehr aggressiver Fahrer. Das ist es, was unterm Strich zählt. Mick ist ein großartiger Fahrer. Er schlägt sich gut in der Formel 4. Wir kamen im Kartsport gut miteinander aus. Hoffentlich treffen wir uns irgendwann irgendwo an der Spitze wieder."

Frage: "Stimmt es, dass dein Kartlehrer derselbe ist, den auch Daniil Kvyat hatte?"

"Ja, das stimmt und ich habe es diesem Coach zu verdanken, dass ich im Kartsport beginnen konnte."

Frage: "Hast du auch Zeit mit Daniil verbracht?"

"Nicht viel. Er gab mir vor einiger Zeit ein paar Tipps, aber zu diesem Zeitpunkt war er auf der Karriereleiter schon sehr weit nach oben geklettert. Wir waren also in unterschiedlichen Stadien unserer Karriere, aber ich habe die Karriere von Daniil immer sehr genau verfolgt und beobachtet, wie es bei ihm läuft."

"Man muss für die Formel 1 bereit sein"

Frage: "Was sagst du dazu, dass Max Verstappen innerhalb von zwei Jahren aus dem Kartsport in die Formel 1 aufgestiegen ist?"

"Nun, Max ist natürlich ein großartiger Fahrer. Ich kenne ihn schon lange aus unserer gemeinsamen Kartzeit. Um das zu schaffen, was er geschafft hat, muss man wirklich zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Klasse fahren und alles muss stimmen. Aber er hat natürlich auch hart gearbeitet und einen richtig guten Job gemacht. Ich glaube aber nicht, dass es ein großes Problem ist, wenn man nicht derart schnell aufsteigt. Das Wichtigste für junge Fahrer ist, überhaupt in die Formel 1 zu kommen und dort eines Tages Weltmeister zu werden."

"Wenn einem das schnell gelingt, großartig. Das heißt aber nicht, dass es das Ende der Welt ist, wenn einem das nicht gelingt. Man muss sich in jeder Kategorie die notwendige Zeit nehmen und genau das tue ich. Ich gebe überall, wo ich fahre, mein Bestes. Der Wechsel von der Formel Renault in die Formel 3 war nicht einfach. Vielleicht kam er ein Jahr zu früh. Jetzt aber bin ich in der Formel 3 und darauf liegt mein ganzer Fokus. Mein Fahrstil wird besser und ich gewöhne mich mehr und mehr an das Auto."

Frage: "Setzt du dir selbst einen Zeitplan, bis wann du es in die Formel 1 geschafft haben willst?"

"Man muss für die Formel 1 bereit sein. Das ist das Wichtigste. Jede Karriere verläuft anders. Es geht nicht nur darum, dass ich mich für die Formel 1 bereit fühle. Es geht auch darum, den richtigen Platz zu finden. Es gibt nun mal nur zwei Cockpits pro Team. Ich bin für meine Anstellung bei Force India sehr dankbar. Hoffentlich gibt es von diesem oder von einem anderen Team Interesse, sobald ich genügend Superlizenz-Punkte gesammelt habe."

Frage: "Kannst du dir vorstellen, Freitagseinsätze für Force India zu fahren und damit die Rolle zu übernehmen, die Alfonso Celis derzeit innehat?"

"Alfonso ist älter als ich und hat mehr Erfahrung. Ich finde, ich habe mein Potenzial bei meinem Testeinsatz gezeigt. Ein Vergleich mit anderen Testfahrern fällt aber schwer. Ich fuhr ja gerade mal zwei Tage und an diesen war jeder auf einer anderen Strategie unterwegs. Ich denke aber schon, dass mich das Team berücksichtigen sollte, denn ich glaube, dass ich genauso wertvoll wie Alfonso sein kann, vielleicht sogar wertvoller. Es liegt an ihnen. Ich bin bereit, habe meinen Helm und meinen Overall zur Hand. Wenn sie mich im Auto sehen wollen, dann soll es mir recht sein."

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