Gerhard Berger: Mercedes hätte sich so verhalten sollen wie Hamilton

Norbert Haug und Gerhard Berger nehmen Mercedes für das Verhalten unmittelbar nach Rennende beim Grand Prix von Abu Dhabi 2021 in Schutz

Gerhard Berger: Mercedes hätte sich so verhalten sollen wie Hamilton

Mercedes steht nach dem kontroversen WM-Finale in Abu Dhabi zumindest bei vielen Formel-1-Fans auf Facebook, Twitter & Co. in der Kritik. Dass das Team die Niederlage mit Lewis Hamilton in der Fahrer-WM nicht einfach zur Kenntnis genommen, sondern zwei Proteste eingereicht hat (die von den Rennkommissaren in erster Instanz abgewiesen wurden), kam nicht überall gut an.

Ob Mercedes gegen die Entscheidung der Kommissare, Max Verstappens WM-Titel zu bestätigen, in Berufung gehen wird, muss bis spätestens Donnerstagabend entschieden werden. Dann endet die 96-Stunden-Frist der FIA. Doch unabhängig davon wirbt der ehemalige Mercedes-Sportchef Norbert Haug um Verständnis für die emotional aufgeheizten Reaktionen von Toto Wolff & Co. in der Schlussphase des Rennens am Sonntag.

"Du hast alles richtig gemacht, dein Fahrer hat alles richtig gemacht", versetzt er sich in einem Interview mit 'ServusTV' in die Situation seines früheren Arbeitgebers. Haug betont, dass er sein Urteil "nicht mit Mercedes-Brille" sprechen möchte. Aber er sagt auch: "Ich kenne das Gefühl, mit zwei Fahrern um je einen Punkt eine WM zu verlieren. [...] Das sind Schmerzen, die kommen fünf Tage später nochmal."

2007, als Kimi Räikkönen auf Ferrari Weltmeister wurde, verlor McLaren-Mercedes unter Sportchef Haug den Fahrertitel erst im allerletzten Rennen. Sowohl Fernando Alonso als auch Hamilton fehlte am Ende nur ein einziger Punkt.

Haug: Bis Runde 57 lief alles genau nach Plan

Haug versteht, dass man bei Mercedes unmittelbar nach Rennende ein Gefühl von Ungerechtigkeit verspürt hat: "Wenn du diesen Lauf hast, den Start gewonnen hast, alles läuft nach Plan, und dann kommt was, was schiefläuft, was nicht in deiner Macht ist [...]", das sei "unheimlich schwer" wegzustecken: "Das ist leichter gesagt als getan."

"Du führst bis kurz vor Schluss, dann knallt dein Partnerteam, ausgerechnet, in die Wand. Jeder von uns wusste: Wenn ein Safety-Car kommt, wird's schwierig. Egal was du machst, es ist falsch. Wenn du schnell an die Box fährst, fährt dein Gegner nicht an die Box. Dann wird vielleicht unter Safety-Car zu Ende gefahren, und dann bis du derjenige, der verliert. Was du auch machst ist da problematisch."

"Und ich glaube, da kommt natürlich auch die Wut her, dass man sagt: 'So knapp davor und unbeteiligt, wir haben nix falsch gemacht und trotzdem den Titel verloren.' Das muss man irgendwo verstehen. Aber ich hoffe, die Gemüter kühlen sich ab", sagt Haug.

"Da werbe ich schon für ein bisschen Verständnis, dass man dann in der Hitze des Gefechts auch mal flippt und sagt: 'Das kann ja wohl jetzt nicht wahr sein!' Ich glaube, das muss man verstehen. Ich weiß auch nicht, wie es gelaufen wäre, ganz ehrlich, wenn es andersrum gewesen wäre. Alle Herrschaften haben sich diesbezüglich nichts geschenkt", findet er.

Berger: Hamilton hat sich fairer Verhalten als Mercedes

Indes appelliert Gerhard Berger, dass sich die Mercedes-Verantwortlichen bei Hamilton eine Scheibe abschneiden könnten, was das Verhalten unmittelbar nach Rennende betrifft. Dass Hamilton gleich zu Verstappen ging und gratulierte, sei "ganz toll" gewesen: "Ich glaube, es war irrsinnig schwierig für ihn, und ich glaube, er hat ganz was anderes gedacht als er gezeigt hat."

"Ehrlich gesagt: Ich hätte mir das auch auf der Teamseite gewünscht. Auch wenn's noch so schwer fällt, wie Norbert gesagt hat - aber ich glaube, nach so einem harten Jahr muss man auch anerkennen können, dass der andere die Krone aufhat", sagt der DTM-Chef und betont: "Ich habe volles Verständnis für die Emotion nach dem Rennen. Allerdings: Wenn man dann eine Nacht drüber geschlafen hat, sollte sich das abkühlen."

In der Diskussion, die am Montag nach Abu Dhabi in der Sendung 'Sport und Talk aus dem Hangar-7' stattgefunden hat, arbeitete Haug noch einen anderen Punkt heraus. Denn seiner Meinung nach habe Hamilton 2021 öfter nachgegeben als Verstappen: "Wie oft Lewis in diesem Jahr Crashes vermieden hat! Ich glaube nicht, dass es viele Fahrer im Feld gibt, die so viele Crashes vermeiden können."

Dass es Verstappen in der letzten Runde aufgrund der Ausgangslage, dass er im Falle eines Ausfalls beider Titelanwärter Weltmeister sein würde, drauf ankommen lassen konnte, Hamilton aber nicht, mag auch eine Rolle gespielt haben: "Wenn der Verstappen weiß: 'Wenn du nicht nachgibst und wir fliegen beide raus, dann bin ich Weltmeister!' Dann machst du vielleicht mal eine Aktion, die du dir vielleicht sonst nicht traust", vermutet Haug.

Eine ausführlichere Diskussion zu diesem Thema mit Auszügen aus der 'ServusTV'-Sendung vom Montagabend gibt's jetzt auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de als Video (16:28 Minuten). Kanal am besten jetzt gleich kostenlos abonnieren, Glocke für Benachrichtigungen aktivieren und so kein neues Formel-1-Video mehr verpassen!

Mit Bildmaterial von ServusTV.

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