Graham Stoker: Der "ruhige Revolutionär" will FIA-Präsident werden

Mit Graham Stoker bewirbt sich die rechte Hand von Jean Todt für die Wahl zum neuen FIA-Präsidenten - Für ihn leben wir in der Zeit von Veränderung und Chancen

Graham Stoker: Der "ruhige Revolutionär" will FIA-Präsident werden

Graham Stoker ist die einflussreichste Person im Motorsport, von der man kaum etwas gehört hat. Seit 2009 ist er bei der FIA Stellvertretender Präsident für Sport und die rechte Hand von Jean Todt. In dieser Funktion hat Stoker den Automobilweltverband FIA modernisiert und weltweite Programme ins Leben gerufen, um den Motorsport weiterzuentwickeln. Seit vielen Jahren ist er dort, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen werden.

Als bedeutendes Mitglied des Motorsport-Weltrats war Stoker in große Prozesse involviert. Das waren unter anderem Crashgate (Singapur 2008), Spygate (McLaren 2007) und die Ferrari-Stallorder 2010. Im vergangenen Jahr war er auch eine treibende Kraft, als der Motorsport nach dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie neu startete.

Nun bewirbt sich Stoker für die Wahl zum neuen FIA-Präsidenten, denn Todt wird nicht mehr kandidieren. Über diese Entscheidung hat Stoker in der #ThinkingForward Serie exklusiv mit 'Motorsport.com' gesprochen.

"Ich finde, der Motorsport hat es während der Pandemie sehr gut gemacht", sagt Stoker. "Da wir die Pandemie langsam hinter uns lassen, möchte ich sicherstellen, dass wir Zuversicht aufbauen und Investment zurückholen. Wir brauchen aus dieser Pandemie heraus eine stabile Führung."

"Außerdem müssen wir uns den Herausforderungen stellen, vor denen wir stehen. Ich meine damit die Themen Antrieb und welchen Kraftstoff wir verwenden werden. Wir müssen das als Chance sehen. Ich möchte versuchen, etwas zu bewegen und glaube, ich habe die Kompetenz dazu."

Stoker ein Mann mit Erfahrung

"Ich habe Erfahrungen bei vielen wichtigen Entscheidungen im Motorsport gesammelt und habe die Einblicke. Ich habe zwei Concorde-Abkommen miterlebt, die Rallye-Weltmeisterschaft neu verhandelt, und mit der Formel E haben wir eine neue Meisterschaft ins Leben gerufen."

Graham Stoker

Seit 2009 ist Graham Stoker die rechte Hand von FIA-Präsident Jean Todt

Foto: Motorsport Images

"Diese Erfahrung möchte ich nutzen", sagt Stoker, der seit Kindheit an vom Motorsport fasziniert ist. "Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich das Autosport Magazin gelesen." Er wollte zunächst selbst Rennfahrer werden, aber wie bei vielen scheiterten diese Träume an den hohen Kosten.

Deshalb hat er sich seit jeher auf die Fahnen geschrieben, den Motorsport einsteigerfreundlicher zu gestalten. In den vergangenen zwölf Jahren hat Stoker eng mit den Clubs in den 146 Mitgliedsländern zusammengearbeitet. Ein Beispiel für Zugänglichkeit ist das FIA-Programm für Frauen im Motorsport.

Von Großbritannien zur FIA

Parallel zu seiner Karriere als Rechtsanwalt hat sich Stoker in Großbritannien um die Organisation des Motorsports gekümmert. Fünf Jahre lang war er selbst Sportwart bei der Britischen Tourenwagenmeisterschaft.

Schließlich wurde er Vorsitzender des Motorsportverbands in Großbritannien (RAC) und war elementar in die Rettung des Grand Prix involviert. Der damalige FIA-Präsident Max Mosley und Bernie Ecclestone hatten Silverstone 2000 mit einem "Jahrmarkt" verglichen.

Stoker arbeitete damals auf nationaler und regionaler Ebene mit den Behörden zusammen, bis schließlich im Jahr 2002 neue Zufahrtsstraßen gebaut werden konnten. Das verbesserte die An- und Abfahrt für mehr als 120.000 Formel-1-Fans.

Jean Todt

Jean Todt war seit dem Jahr 2009 Präsident der FIA

Foto: Motorsport Images

Anschließend wurde Stoker Formel-1-Kommissar und erhielt einen Sitz im FIA Motorsport-Weltrat. Dadurch entstand der enge Kontakt mit Todt. Als sich Todt 2009 der Wahl zum FIA-Präsidenten stellte und einen Stellvertreter für den Sport suchte, fiel die Wahl auf Stoker.

"Damals war ich im Internationalen Gericht als Richter der FIA tätig", blickt Stoker zurück. "Ich leitete den Anti-Doping-Bereich und war Formel-1-Rennkommissar. Ich kannte den FIA-Weltrat und alle 146 Clubs weltweit, mit denen wir zusammenarbeiten."

"Das brachte mich in Jeans Team. Jean war bekannt als einer der besten Manager seiner Generation. Ich brachte das Wissen der Clubs und das Wissen der FIA ein. Wir haben zusammengearbeitet und ich kann mit Stolz sagen, dass ich mit seinem Team dreimal gewählt wurde."

Wie Stoker die Rolle der FIA für modernen Motorsport sieht

Wenn sich Stoker in diesem Jahr selbst zur Wahl des FIA-Präsidenten stellt, hat er Tom Kristensen als Stellvertreter für Motorsport nominiert. Der neunmalige Sieger der 24 Stunden von Le Mans war fünf Jahre lang Vorsitzender der FIA Fahrerkommission.

Wie sieht Stoker die Rolle der FIA für den modernen Motorsport? "Es geht nicht nur darum, sicheren und authentischen Motorsport zu organisieren, sondern der Sport muss sich auch weiterentwickeln."

Charles Leclerc, George Russell, Lance Stroll, Stefano Domenicali

Silverstone 2015: Graham Stoker (li.) bei der Siegerehrung der Formel 3

Foto: Motorsport Images

"Man muss weltweit nach neuen Talenten suchen, Grundsätze diskutieren und mit unserer einzigartigen Industrie und ihrer fortgeschrittenen Technologie in Kontakt stehen", sagt Stoker. "Diese Dinge muss ein moderner, internationaler Verband tun."

"Aber nicht nur das, denn unsere Mobilität betrifft alle motorisierten Fahrer weltweit. Wir operieren in 146 Ländern. Es gibt sehr viele Mitglieder. Das ist eine Chance, denn wir können beeinflussen, wie Grundsätze formuliert werden. Diese Entscheidungen interessieren mich sehr."

Stoker beschreibt die zwölfjährige Amtszeit von Todt als FIA-Präsident als "ruhige Revolution". Der Fokus lag auf der Modernisierung des Verbandes: "Wenn man zurückblickt, dann haben wir uns von einer Regulierungsbehörde zu einem modernen Verband weiterentwickelt."

"Wir haben zum Beispiel unsere weltweiten Clubs mit großen Programmen weiterentwickelt, sie unterstützt und gestärkt. Veranstaltungen zu organisieren, ist unser Kerngeschäft. Darum geht es. Man muss sichere, authentische Events veranstalten."

"Und man muss sich auch anderen Bereich öffnen, wie zum Beispiel Frauen im Motorsport. Man muss weltweit neue Talente fördern und Grundlagenprogramme ermöglichen. Mir ist soziale Verantwortung wichtig, und welche Rolle wir einnehmen."

Zukunft: Sim-Racing ein ganz neuer Markt

Eine weitere Neuerung ist der E-Sport. Stoker hat daheim einen Simulator stehen und "liebt es, in Le Mans" zu fahren. Er möchte Sim-Racing weiterentwickeln. Unterstützung gibt es vom Internationalen Olympischen Komitee, das E-Sport ins Programm aufnehmen möchte.

"Das wird zu gegebener Zeit Teil der Olympischen Spiele sein und ist sehr, sehr aufregend", freut sich Stoker. Dass Sim-Racing weltweit und für so viele Menschen möglich ist, eröffnet seiner Meinung nach ganz neue Chancen.

Daniel Abt im Simulator

Sim-Racing wird für die Zukunft immer wichtiger werden

Foto: Audi

"Man kann es weltweit machen, in Afrika, in Asien - überall. Mit diesen Simulatoren können wir junge Leute für unseren Sport begeistern. Das ist eine tolle Sache! Es ist Teil unseres Sports und wir wollen das weiterentwickeln, um immer stärker zu werden."

Herausforderung: Neue Antriebe und Kraftstoffe

Die Zukunft des realen Motorsports steht vor vielen Herausforderungen und Möglichkeiten. Sicherheit war immer die größte Aufgabe und bleibt es auch weiterhin. Aber nun ist Nachhaltigkeit das größte Thema.

"Wir müssen unseren Sport schützen", sagt Stoker. "Wir können so eine großartige Geschichte erzählen. Zum Beispiel sind die Formel-1-Antriebe derzeit zu 50 Prozent effizient. Noch nie wurde so ein effizienter Antrieb gebaut."

"Bei der Formel E muss man sich nur ansehen, wie rasch sich die Lade- und Batterietechnologie ändert. Ich glaube, dass auch Wasserstoff kommen wird. Im Vorjahr haben wir das bei einem Streckenfahrzeug in Le Mans gesehen. Ich glaube, Wasserstoff ist ein großer Teil unserer Zukunft."

WRC Biokraftstoff

In der Rallye-WM kommt ab 2022 synthetischer Kraftstoff zum Einsatz

Foto: FIA

"Faszinierend finde ich auch synthetische Kraftstoffe und die Möglichkeit, Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu holen, um dann mit Solarstrom einen Kraftstoff herzustellen, den wir in unseren Motoren verbrennen können. Wenn man damit einen Motor startet, würde man dem Klimawandel entgegenwirken."

"Es gibt so viele Möglichkeiten! Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer ich es als Fahrer hatte. Ich möchte, dass weltweit jeder mit Talent die Chance hat, in ein Rennauto zu steigen und nicht nur, weil er Verbindungen zu jemandem hat."

"Das ist das große Ziel, das wir verfolgen müssen. Ich glaube, wir können es schaffen. Ich glaube, es ist die Zeit der Möglichkeiten. Ich wäre sehr gerne involviert und möchte mich an vielen Lösungen beteiligen", sagt Stoker.

Die Wahl zum FIA-Präsidenten findet Ende 2021 vor der FIA Generalversammlung und der Preisverleihung im Dezember statt. Bisher gibt es erst einen weiteren Kandidaten. Das ist Mohammed Bin Sulayem, ein ehemaliger Rallye-Fahrer.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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