Günther Steiner: Der Haas-F1-Teamchef im großen Interview

Haas-F1-Teamchef Günther Steiner im Gespräch mit Motorsport.com: Für den Saisonstart in Australien stehen die Weichen auf grün.

Für Günther Steiner ging vergangene Woche in Barcelona eine zweijährige Wartezeit zu Ende: Der neue Haas VF-16 rollte erstmals auf eine Formel-1-Strecke.

Wie der Haas-Teamchef den ersten Test analysiert, was bis Melbourne noch auf dem Programm steht und was das Team in seinem ersten Formel-1-Jahr erreichen möchte, lesen sie in unserem großen Interview mit Günther Steiner.

Nach zwei Jahren intensiver Planungen und Vorbereitungen kam vergangene Woche der Roll-Out des neuen Autos. Wie ist es dir dabei persönlich ergangen? War das ein emotionaler Moment? Oder hast du das, quasi noch im Arbeitstunnel, eher nüchtern verfolgt?

Günther Steiner: „Es ging mir gut. Sicher kamen ein paar Emotionen auf, aber nicht mehr als Hurra-Effekt. Man freut sich, dass das Auto auf die Strecke fährt, und im gleichen Moment denkt man bereits an die Frage, was morgen alles zu tun ist.“

„Natürlich hofft man, dass alles gut geht. Aber man beschäftigt sich sofort damit, was alles passieren könnte. Und weil ja immer irgendetwas passiert, hat man gar keine Zeit, große Emotionen zu haben. Aber es war schon ein sehr gutes Gefühl.“

Die ersten Kommentare von Romain Grosjean und Esteban Gutierrez waren recht positiv. Nach dem Motto: Es lief besser als erwartet. Was sagt der Teamchef dazu?

Steiner: „Ja. Man hofft immer das Beste und erwartet das Schlimmste. Ich würde auch sagen, dass es ziemlich gut lief. Natürlich: Einen Frontflügel zu verlieren, kann man nicht wirklich als gut bezeichnen. Aber das Gute daran war: Wir hatten das Problem innerhalb von ein paar Stunden im Griff.“

Noch keine Supersoft-Reifen getestet

„So etwas bringt Sicherheit. Dass wir dazu in der Lage sind, solche Themen auch recht kurzfristig zu lösen. Schlecht wäre es, wenn du ein Problem hast und nicht weißt, in welche Richtung du arbeiten musst.“

„Die Runden, die wir gefahren sind, waren ehrlich. Wir sind nicht die meisten Runden gefahren, aber für ein Team, das gerade mal vier Tage alt ist, war das wirklich nicht schlecht.“

Habt ihr in der ersten Testwoche schon die weichen Reifen benutzt oder wart ihr die ganze Zeit auf harten Reifen unterwegs?

Steiner: „Wir hatten ein paar Mal weichere Reifen drauf, aber die Supersoft haben wir nie aufgezogen. Für uns war es die allererste Testwoche, und da hatten wir überhaupt keine Ambitionen, eine Zeit mit Aha-Effekt zu erzielen. Wir sind immer solide gefahren.“

Bildergalerie: Der neue Haas VF-16

„Wir wollten Kilometer machen und das Auto verstehen. Das war unser größtes Ziel. Wir waren und sind nicht darauf aus, Mega-Zeiten zu setzen, um dann davon zu träumen, wie gut wir sind, denn wir müssen als Team noch wachsen.“

„Aber wir mussten die weicheren Reifen ausprobieren, um zu verstehen, wie sie funktionieren, um auch zu diesem Thema Daten zu gewinnen.“

Also sagt Haas F1, dass man die Zeiten der ersten Woche noch nicht einordnen kann, weil dazu noch viel zu früh ist?

Steiner: „Viel zu früh, das ist auch überhaupt nicht unser Interesse.“

„Sicher ist man froh, wenn es gut läuft. Aber du weißt ja nie, was die anderen Teams gerade machen, mit wieviel Benzin sie fahren, welche Strategie sie nutzen.“

Kinderkrankheiten und der Ernstfall

„Man bekommt vielleicht ein grobes Gefühl für die zweite Testwoche, aber richtig wissen wird man es erst in Melbourne.“

Zwischen den beiden Barcelona-Testwochen habt ihr nur ein Wochenende Zeit, um den ersten Test zu analysieren. Es geht sofort weiter. Kann man da überhaupt reagieren oder umplanen?

Steiner: „Man kann und muss sich wieder auf den Nullpunkt bringen. In diesen vier Testtagen gibt es Tag- und Nachtschichten, da gibt es richtig viel Arbeit.“

 

„Das Auto wird jetzt wieder auf Vordermann gebracht und alles wird so vorbereitet, dass die kommenden vier Tage ordentlich laufen. Wir haben in den ersten vier Tagen richtig viel gelernt, und das müssen wir jetzt umsetzen.“

In der Formel 1 gibt es ja eine klassische Binsenweisheit. Entweder versucht man, ein schnelles Auto zuverlässig zu machen, oder ein zuverlässiges Auto schnell zu machen. Ist das bei Haas F1 schon ein Thema oder geht es gerade um ganz andere Dinge?

Steiner: „Das ist bei uns ein Mix aus beidem. Wir müssen natürlich schauen, dass wir mit dem brandneuen Auto noch zuverlässiger werden, denn wir haben schon noch ein paar Kinderkrankheiten zu lösen.“

 

„Für die Probleme, die wir hatten, wissen wir die Lösungen. Und zum Thema Schnelligkeit – da werden wir nächste Woche hoffentlich mehr wissen.“

Ganz konkret gefragt: Außer dem Frontflügel – welche Zuverlässigkeitsprobleme hattet ihr vergangene Woche?

Steiner: „Ein wenig von allem. Zum Beispiel mit der Elektronik. Da gibt es ein paar kleinere Teile, die ein wenig überhitzen. Ein paar Karosserieteile haben einen etwas zu hohen Verschleiß. Solche Dinge beschäftigen uns gerade. Richtig große Probleme haben wir derzeit nicht.“

Nach der zweiten Testwoche folgt in Melbourne bereits der Ernstfall. Wäre es dir lieber gewesen, wenn es einen dritten Test gegeben hätte?

Steiner: (denkt nach) „Das kann ich dir gar nicht sagen. Es gibt ja keinen dritten Test, insofern stellt sich die Frage nicht.“

Fokus voll auf dem VF-16

Was passiert in den beiden Wochen zwischen Barcelona und Melbourne? Könnt ihr noch an den Autos arbeiten oder werden sie sofort in die großen Kisten gepackt?

Steiner: „Nein, nein. Die Autos gehen zuerst nach England zurück. Wir haben noch eine riesige Menge Arbeit vor uns. Das Testauto wird revidiert und neu aufgebaut, das zweite Auto ist fertig. Das dritte Auto, der Ersatzteilträger, und die Ersatzteile müssen alle noch auf Stand gebracht werden.“

Wir müssen natürlich auch über die Saisonziele sprechen. Da habe ich von dir einen schönen Satz gelesen, der lautete: Wir hätten gerne die Chance auf Punkte. Steht diese Aussage noch oder gibt es da etwas Neues?

Steiner: „Die steht noch. Wir wollen lernen und zuverlässig sein. Denn wenn du zuverlässig bist und kein ganz langsames Auto hast, dann kannst du auch an Punkte heranschnuppern. Aber ganz ehrlich: Meiner Meinung nach ist es ein schönes Ziel, wenn man versuchen kann, Punkte zu bekommen.“

Schaut ihr schon ein wenig nach links und rechts? Also in Sachen Konkurrenz, zum Beispiel Manor, McLaren-Honda oder Sauber, die ja ebenfalls mit Ferrari-Power fahren?

Steiner: „Wir konzentrieren uns im Moment ganz auf uns. Alles andere wäre ja auch schwierig, denn du kannst analysieren und hineininterpretieren, was du willst, aber du wirst nie eine exakte Antwort bekommen. Wenn man sich zu sehr auf so etwas konzentrieren würde, vergisst man sich selbst.“

 

„Wir müssen uns also auf uns fokussieren, das Beste herausholen, und in Australien werden wir sehen, wo wir stehen.“

Ihr habt einen Standort in Charlotte in den USA, ihr habt einen Standort in Banbury in England und ihr habt ein Büro in Parma in Italien. Ich kann mir vorstellen, dass du in den letzten beiden Jahren zum Vielflieger mit jeder Menge Bonusmeilen geworden bist. Wo bist du eigentlich am Häufigsten anzutreffen?

Steiner: „Schon noch in den USA. Vielleicht die letzten Wochen nicht mehr, denn da ging es ja in Europa rund. Aber zuletzt habe ich etwa 50 Prozent meiner Zeit in den USA verbracht und jeweils 25 Prozent in Italien und England.“

Erst NASCAR, nun Formel 1

„Es kam immer darauf an, wo gerade eine Baustelle war. Das Team aufzubauen fand zum großen Teil in England statt, das Auto wurde in Italien gebaut und in den USA ist die gesamte Administration. Dieses Jahr war es bislang gedrittelt. Und natürlich jetzt Spanien (lacht)…“

Wenn man nach den letzten zwei Jahren einmal einen kleinen Zwischenstrich zieht – ein Team von Null aufzubauen, das kanntest du bereits aus deiner Red-Bull-Zeit in der NASCAR. Jetzt wieder, Haas F1, aber eben in der Formel 1. Wo liegen da die Gemeinsamkeiten? Wo gibt es Unterschiede? Was konntest du aus deiner NASCAR-Zeit mitnehmen?

Steiner: „Natürlich war es wieder eine neue Erfahrung, aber es gab auch einiges, was ganz ähnlich war.“

Alle Barcelona-Testbilder von Romain Grosjean

„Ich würde es so formulieren: In der NASCAR war alles neu für mich, außer dem Begriff Motorsport. Vor allem kannte ich die Leute nicht.“

„Das war in der Formel 1 anders, denn da kannte ich die Leute und ich wusste schon früh, an wen ich herangehen wollte. In diesem Bereich habe ich mich in der NASCAR schwerer getan, weil ich eben die ganze Industrie dahinter nicht kannte, als ich damals angefangen habe.“

„Aber das Prozedere ist ähnlich: Du musst immer mindestens einen Schritt vorausdenken und du musst gute Leute bekommen, denen du dann das Tagesgeschäft in deren Bereich übergeben kannst. Sodass du also nur noch kontrollierst und dich an das nächste Ziel heranmachst.“

„Ich würde also nicht sagen, dass ich mich in der Formel 1 leichter getan habe. Es war zwar mehr Arbeit, aber ich hatte auch mehr Erfahrung, vor allem verglichen mit der Phase, in der ich in der NASCAR angefangen habe.“

Haas F1 ist ein amerikanisches Team, das als Stewart/Haas in der NASCAR sehr erfolgreich ist. In Europa wird das Thema Technik und NASCAR immer gerne belächelt. Konntest du im Bereich Technik irgendetwas für das Thema Formel 1 nutzen?

Steiner: „Nein, diese beiden Motorsportarten sind extrem unterschiedlich. Die technologischen Anforderungen, die die Formel 1 gerade stellt, sind schon wahnsinnig. Diese Autos sind echte Technologie-Monster.“

Erfahrung am Steuer

„Aber die NASCAR-spezifische Technologie ist da nicht besser oder schlechter. Sie ist nur anders und deswegen ist es extrem schwer, da etwas zusammen zu bringen.“

Alle Barcelona-Testbilder von Esteban Gutierrez

„Was wir aber mitgenommen haben: Wir arbeiten mit einem Partner zusammen, so wie es auch in der NASCAR gemacht wird. Dass man also sagt: Wir machen ein eigenes Team und kaufen viele Teile von Ferrari, weil wir es dürfen.“

Apropos – Stewart/Haas arbeitet in der NASCAR seit vielen Jahren erfolgreich mit Chevrolet zusammen und geht 2017 zu Ford. Hast du von diesem überraschenden Wechsel etwas mitbekommen?

Steiner: „Dafür fehlte mir die Zeit. Ich habe das am Tag vorher mitbekommen, damit ich es weiß, wenn mich jemand danach fragt (lacht)…“

Eure Fahrer 2016 sind Romain Grosjean und Esteban Gutierrez. Als amerikanisches Team stellt sich dabei die Frage, warum kein US-Boy wie zum Beispiel ein Alexander Rossi am Steuer sitzt. War die Intention dahinter, in euerem ersten Jahr auf so viel Erfahrung wie möglich zu setzen?

Steiner: „Ganz genau. Als neues Team müssen wir die Risiken so niedrig wie möglich halten, weil alles andere neu ist. Neue Fahrer hätten die nötige Erfahrung nicht gehabt und auch wir als Team könnten verwirrt werden, weil der Fahrer noch nie in so einem Auto gesessen ist.“

Demo-Fahrten erst 2017

„Wir brauchten also erfahrene Fahrer, auf deren Erfahrung wir wiederum aufbauen können. Wenn ein junger amerikanischer Fahrer die nötige Erfahrung gehabt hätte, wäre er sicherlich ein Kandidat gewesen.“

Im Vorfeld gab es ja einige Gerüchte, dass unter anderem auch Danica Patrick eine Kandidatin sei. Du hast mir sehr früh signalisiert, dass das nicht der Fall sein wird. Aber wie sieht es zum Beispiel mit der einen oder anderen Promo-Aktion aus? Ist so etwas für die Zukunft mal geplant?

Steiner: „Geplant noch nicht, aber es kann ohne weiteres passieren.“

„Im Moment wollen wir uns auf die Rennen konzentrieren. Wenn wir dann einmal genügend Leute haben, wenn wir solide dastehen und ein wenig mehr Zeit haben, dann könnte man mal schauen.“

Fotostrecke: Danica Patrick, die schnellste Frau der Welt

„Zudem ist der Aufwand, um nur eine Demo-Fahrt zu machen, riesengroß. Und wir haben, im Unterschied zu den anderen Teams, auch keine alten Autos, um ein zwei oder drei Jahre altes Fahrzeug mal für eine Demo-Fahrt zu benutzen.“

„Wir haben ja nur unsere aktuellen Rennautos und da wollen wir nichts riskieren. Wenn so etwas passiert, dann nächstes oder übernächstes Jahr.“

Einen Kommentar schreiben
Kommentare anzeigen
Über diesen Artikel
Rennserien Formel 1
Fahrer Romain Grosjean , Esteban Gutierrez , Danica Patrick
Teams Haas
Artikelsorte Interview