Günther Steiner: Wie Haas beim Debüt die Formel 1 aufmischte

Nach dem sensationellen sechsten Platz von Melbourne steht als Nächstes der Härtetest von Bahrain an. Haas-F1-Teamchef Günther Steiner blickt zurück – und schaut nach vorne.

Von Melbourne über Los Angeles nach Charlotte und danach über England nach Bahrain. Haas-F1-Teamchef Günther Steiner sammelt in diesen Tagen weiter eifrig Bonusmeilen.

Trotzdem nahm sich der Südtiroler Zeit für eine ausführliche Melbourne-Bilanz und einen Ausblick auf das Wüstenrennen in Bahrain.

Wie kam es zum sensationellen sechsten Platz für Romain Grosjean? Und was kann Haas-F1 in Bahrain erreichen?

 

Hier das große Interview mit Günther Steiner:

Günther, zunächst natürlich herzlichen Glückwunsch für das Melbourne-Wochenende! Ich gehe davon aus, dass ihr nach dem Rennen eine ordentliche Party veranstaltet habt. Wie lange habt ihr denn gefeiert?

Günther Steiner: "Wir haben gar nicht gefeiert, weil wir sofort nach dem Rennen alles abbauen mussten, denn das ganze Material ging gleich nach Bahrain. Unsere Jungs mussten bis sechs Uhr morgens wieder einmal eine komplette Nacht durcharbeiten."

"Aber das werden wir in Bahrain vielleicht nachholen können. Hoffentlich klappt es da dann mit einem Abendessen für alle."

Natürlich muss ich dir als Haas-F1-Teamchef ein ausführliches Australien-Fazit abringen. Ganz ehrlich: Hattest du in deinen kühnsten Träumen mit einem sechsten Platz gerechnet?

Steiner: "Nein, das habe ich nicht. Nach den Barcelona-Tests wussten wir, dass das Auto nicht schlecht ist. Aber das Mittelfeld der Formel 1 ist gerade so eng zusammen und die Teams, die schon lange dabei sind, haben im Normalfall die ersten zehn Plätze abonniert."

"Insofern ist Platz sechs natürlich extrem gut. Vor allem, weil wir im Qualifying auf den Positionen 19 und 20 gelandet sind. Wir haben uns gedacht, dass wir unter normalen Umständen vielleicht auf Rang 12 nach vorne fahren können."

Bildergalerie: Haas F1 beim Formel-1-Debüt in Melbourne

"Was uns dann komplett in die Hände gespielt hat, war die Rote Flagge nach dem schweren Unfall von Fernando Alonso und Esteban Gutierrez."

"Wir hatten sowieso nur mit einem Boxenstopp geplant, weshalb wir an der Box überhaupt keine Zeit verloren haben. Dann hat sich herausgestellt, dass der Medium-Reifen die Distanz mit unserem Auto sehr gut verkraftet hat und deswegen sind wir dort angekommen, wo wir ins Ziel gefahren sind."

"Aber ganz ehrlich: Platz sechs haben wir zu Beginn des Rennens garantiert nicht erwartet."

 

Hattet ihr denn überhaupt die Chance, den Medium-Reifen vor dem Rennen auszutesten? Oder galt da mit dem Reifenstreichler Romain Grosjean eher das Prinzip Hoffnung, beziehungsweise Risiko?

Steiner: "Natürlich wollten wir in der Anfangsphase länger als Runde 18 draußenbleiben. Aber wir wussten von den Tests, dass Auto und Fahrer sehr schonend mit den Medium-Reifen umgehen können und der Reifen deswegen lange hält."

"In den Freien Trainings sind wir diesen Reifen logischerweise nicht gefahren, dazu hat es zuviel geregnet."

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"Wir hatten also eine gewisse Erwartung, aber sicher gewusst haben wir das nicht. Natürlich gab es die Befürchtung, dass der Reifen abbauen wird. Und wenn das passiert, dann sprechen wir gleich von Sekunden, das ist also durchaus dramatisch."

"Aber so kam es eben nicht und daher glaube ich, dass wir mit Auto und Fahrer eine sehr gute, reifenschonende Kombination haben."

In diesem langen Stint fuhren Nico Hülkenberg und Valtteri Bottas hinter Grosjean. Mein Eindruck war, dass es da keinen ernsthaften Angriff gab? Stimmt das? Und wenn ja, woran lag das?

Steiner: "Überholen ist in Australien generell schwer. Ich glaube, Hülkenberg und Bottas mussten auch auf ihre Reifen aufpassen, denn zum Überholen ansetzen, konnten sie eigentlich nie. Und am Ende hat man ja sogar sehen können, dass wir eher davonziehen."

"Außerdem konnten wir den Abstand durchaus managen. Auch wir sind ja nicht auf Teufel-Komm-Raus gefahren, sondern wollten ebenfalls Reifen schonen. Wir sind also keineswegs im Maximum gewesen, sondern haben immer Kontrolle gehabt."

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"Von hinten kam kein Angriff, nach vorne konnten wir auch niemanden attackieren. Insofern sind wir sehr dosiert unterwegs gewesen."

Zum Thema Qualifying: Ihr wart nur 19. und 20. - und das Regelwerk ein komplettes Chaos. Oder sehe ich das zu extrem?

Steiner: "Chaos ist vielleicht nicht der richtige Begriff. Ich glaube eher, dass es niemand, auch der Zuschauer nicht, so richtig verstanden hat."

"Wir als Neulinge hatten das Problem, dass unsere ersten Runden zu langsam waren. Dann waren wir an der Box zum Tanken und für neue Reifen. Dabei haben wir 30 Sekunden zu lange gebraucht. Als wir wieder auf die Strecke fuhren, war es zu knapp und wir konnten keine gültige Zeit mehr fahren. Das war unser Problem."

Kritik am Qualifying nach "Fehlstart" in Melbourne

"Das war jedoch selbstverschuldet, da kann man das System nicht verantwortlich machen."

"Generell ist das Ziel dieses Qualifying-Formats, das Feld durchzumischen. Das Konfuse daran ist aber, dass man nicht wirklich sieht, was passiert, bis es passiert ist. Und daran knüpft sich die Frage: Was ist daran interessant?"

"Nicht einmal die Kameraleute können folgen, wer gerade draußen ist und wer auf der Abschussliste steht. Auf einmal taucht also etwas auf und einer ist draußen. Dann der Nächste, der Nächste und so weiter."

"Das geht so schnell, dass niemand versteht, wieso und warum etwas passiert ist."

 

Die zweite Gutierrez-Zeit, die zu spät kam, war eine 1:26-Mitte. Das ging ja in dem ganzen, ich sage es trotzdem, Chaos, fast unter. War es für euch vielleicht sogar ein Glück, dass man euch mit P19 und P20 gar nicht auf der Rechnung gehabt hat?

Steiner: "Ich glaube schon, dass man die 1:26,6 mitbekommen hat, denn diese Zeit stand ja lange in der Liste - das war ja auch etwas konfus. Esteban war draußen, hatte aber die siebtschnellste Zeit gefahren. Natürlich ein paar Sekunden nach seinem Target-Bereich."

"Man wusste also vermutlich, dass unser Auto recht schnell ist. Nur standen wir mit P19 und 20 einfach zuweit hinten."

Eine generelle Frage zur Qualifikation: Für Bahrain gibt es schon wieder ein Hin- und Her in Sachen Modus. Du kennst ja zum Beispiel auch die NASCAR-Offiziellen. Wäre so etwas dort auch möglich gewesen?

Steiner: "Es wird immer wieder einmal Entscheidungen geben, die die Show besser machen sollten, dann aber nach hinten losgehen. So etwas sollte nicht passieren, aber es passiert nun einmal."

Einigung: Das Qualifyingformat für Bahrain

"Ganz ehrlich: Uns als Team ist es eigentlich egal, wie das Qualifying-System aussieht, solange es für den Zuschauer interessant ist. Wir müssen immer daran denken, dass wir für den Fan arbeiten. Das ist das Wichtigste und deswegen sollten wir etwas finden, was interessant und übersichtlich ist."

Erfolg bringt bekanntlich sofort Neider. So auch Pat Symonds von Williams, der sich über die Art und Weise aufgeregt hat, wie ihr an das Thema Formel 1 herangeht. Also mit dem Einkauf von Komponenten, vor allem Chassis. Dallara war ja dein maßgeblicher Kontakt. Was denkst du über dieses Thema?

Steiner: "Jeder darf seine Meinung haben, denn jeder hat die Freiheit, das zu sagen, was er denkt. Insofern lasse ich das einfach im Raum stehen. Denn wenn man jeder persönlichen Meinung nachgehen würde, dann könnte ich mich den ganzen Tag damit beschäftigen."

"Nur soviel: Es gibt ein Reglement und wir bewegen uns in genau diesem Rahmen."

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Nach dem Rennen gab Gene Haas zu Protokoll, dass für Romain Grosjean als Nächstes ein Sieg auf der To-Do-Liste stehe. Ist so eine Reaktion nicht etwas vorschnell? Oder kam das eher aus der Euphorie des sechsten Platzes heraus?

Steiner: "Ich glaube, das war die Euphorie. Was Gene wahrscheinlich damit sagen wollte: Romain wäre in einem guten Auto durchaus siegfähig. Ob das dann in unserem Auto passiert, ist wieder eine andere Frage, aber natürlich hoffen wir, dass unser Auto irgendwann gut genug dazu ist."

Apropos Fahrer: Das neueste Fahrergerücht stammt von der Kollegin Tanja Bauer, die getwittert hat, dass sich Kimi Räikkönen in der Saison 2017 für die NASCAR und Gene Haas interessieren würde. Weisst du davon etwas?

Steiner: "Nein, davon weiß ich nichts. Aber wir wissen alle, dass Kimi ein großer NASCAR-Fan ist. Insofern würde ihm das sicher gefallen. Doch zunächst hat Kimi noch 20 Formel-1-Rennen zu fahren und danach kann er immer noch entscheiden."

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Die nächste Station für euch ist Bahrain. Melbourne hat immer ein wenig den Ruf, eine sehr spezielle Strecke zu sein. Wird Bahrain in diesem Sinne der große Härtetest, der Ernstfall für euch? Und mit welchen Erwartungen fahrt ihr in die Wüste?

Steiner: "Melbourne ist aus zwei Gründen speziell: Es ist das erste Rennen und es hat schon etwas von einem engen Stadtkurs – obwohl es logischerweise keiner ist."

"Ich formuliere es mal so: In Bahrain geht es richtig los, aber man konnte schon in Melbourne sehen, wo man steht."

"Ziel Nummer eins ist es für uns, dass wir uns besser qualifizieren. Wir müssen zusehen, dass wir die Qualifikation, unter welchem Format auch immer, in den Griff bekommen. Dass wir uns dort qualifizieren, wo wir auch hingehören."

"Die Qualifikation war einer unserer wenigen Fehler bisher und wir müssen nun zeigen, dass wir das auch können."

"Was danach im Rennen kommt, werden wir sehen. Wenn wir uns gut qualifizieren, dann werden wir im Rennen nicht so schlecht dastehen."

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Über diesen Artikel
Rennserien Formel 1 , NASCAR Cup
Fahrer Kimi Räikkönen , Fernando Alonso , Romain Grosjean , Esteban Gutierrez
Teams Haas F1 Team , Stewart-Haas Racing , Ferrari , McLaren
Artikelsorte Interview