"Hardcore-Training" bei minus zehn Grad: Schumacher wollte Sennas Pulswerte

geteilte inhalte
kommentare
Autor: Dominik Sharaf
Co-Autor: Sven Haidinger
03.01.2019, 10:08

Wieso Michael Schumacher dem Physiotherapeuten-Urgestein Josef Leberer früh auffiel – Sieben Monate vor seinem Formel-1-Debüt wagte er davon nicht zu träumen

Dass Michael Schumacher während seiner aktiven Formel-1-Karriere ein Fitnessfreak war, wusste nach seinem ersten WM-Titel die halbe Motorsport-Welt. Einem fielen sein unbändiger Ehrgeiz und sein Trainingsfleiß schon früher auf: Josef Leberer. Der Physiotherapeut lernte Schumacher im Februar 1991 im Rahmen von Mercedes' Gruppe-C-Projekt in der Sportwagen-Weltmeisterschaft kennen.

Peter Sauber, der den bis zu 929 PS starken und nur 905 Kilogramm schweren Rennwagen in der Schweiz baute, beauftragte Leberer, das Juniorteam mit Schumacher, Heinz-Harald Frentzen und Karl Wendlinger auf die Probe zu stellen. Die drei Talente sollten sich unter Extrembedingungen beweisen und darauf vorbereitet werden, den anspruchsvollen Prototypen zu pilotieren. Auch ein Psychotrick.

Das Trio musste ins österreichische Gars am Kamp – eine Autostunde von Wien entfernt –, wo Leberer im Biotrainingszentrum des Gesundheitsexperten Willi Dungl arbeitete. "Dort oben war es windig und kalt, es hatte Minusgrade. Einfach brutal", erinnert sich Leberer im Gespräch mit 'Motorsport.com'. "Wir waren 14 Tage dort und haben ein Hardcore-Trainingsprogramm durchgezogen."

In Sachen Ausdauer, Kraft und Koordination wurde Schumacher, Frentzen und Wendlinger immer wieder alles abverlangt. Bei bis zu minus zehn Grad Celsius ging es auf das Mountainbike. "Wenn du das jetzt jemandem sagst, fragt man sich, ob die einen kompletten Huscher [nicht mehr alle Tassen im Schrank] haben", meint Leberer. "Da werden sie krank, das ist schlecht für die Atemwege. Aber wir haben gesagt: Wenn sie das bestehen wollen, dann müssen sie das durchhalten." Gesagt, getan.

Mit von der Partie waren auch Jean-Louis Schlesser und Jochen Mass, damals 42 respektive 44 Jahre alt und ebenfalls im Gruppe-C-Projekt aktiv. "Wir wussten, dass wir die Alten nicht überfordern sollten, damit sie nicht tot sind", sagt Leberer. Sie wurden jedoch einbezogen und sollten als Vorbilder für das Juniorteam um Schumacher herhalten. Gebraucht hätte es sie allerdings wahrscheinlich nicht.

"Ich kann mich erinnern: Ein Schumacher ist mir damals schon aufgefallen", erzählt Leberer, der keine Auswertung der Trainingsergebnisse benötigte. "Wir haben gesehen, dass dieser Schumacher immer der Beste sein wollte." In puncto Entschlossenheit hätte er den damaligen Formel-1-Stars Ayrton Senna und Alain Prost, die Leberer als McLaren-Physiotherapeut betreute, in nichts nachgestanden.

Schumacher ließ sich bei den Trainingseinheiten ihre Pulswerte geben, um sich zu vergleichen. Bei der Abschlussbesprechung fragte er Leberer, wie er ihn einschätzen würde. Wenn es nach Körper, Koordination, Konzentration, Willenskraft und Disziplin ginge, könne er Formel 1 fahren, antwortete Leberer. "Da hat er gesagt: 'Ach Josef, die Formel 1, das ist ein Traum, das ist so weit weg, das ist nur ein Traum für mich." Sieben Monate später saß Michael Schumacher in Spa-Francorchamps im Jordan.

Auch wenn sie ab diesem Zeitpunkt für verschiedene Teams unterwegs waren, blieb ihr Verhältnis gut. "Als er in der Formel 1 war, habe ich ihm immer wieder das Müsli gebracht", so Leberer. Nach Schumachers heftigem Trainingscrash 1991 in Suzuka legte er ihm Lymphdrainagen an - um vier Uhr morgens.

Nächster Artikel
Kommentare laden