"Inakzeptabel": Racing Point lässt Fahrer nicht mehr frei fahren

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Autor: Maria Reyer
Co-Autor: Adam Cooper
16.09.2018, 20:34

Sergio Perez erlebt beim Nachtrennen in Singapur "den schlimmsten Tag des Jahres" - Nach Kollision will Racing Point wieder auf Verhaltensregeln setzen

Force-India-Teamchef Otmar Szafnauer hat nach dem Grand Prix von Singapur ein Machtwort gesprochen. Nach den Zwischenfällen im Nachtrennen werden Sergio Perez und Esteban Ocon bis Saisonende nicht mehr frei gegeneinander fahren dürfen, das hat die Racing-Point-Führung nach einem Desaster-Rennen entschieden.

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Die Teamkollegen sorgten mit einer Berührung in Kurve 3 gleich nach dem Rennstart für eine Safety-Car-Phase. Was war geschehen? Ocon erwischte von Platz neun einen tollen Start und konnte sogleich an Haas-Pilot Romain Grosjean vorbeigehen. Als er allerdings ein Manöver auf der Außenbahn in Kurve 3 gegen Teamkollege Perez startete, lenkte der Mexikaner leicht nach rechts - Ocon blieb außen über und landete in der Mauer.

Szafnauer fand nach dem Rennen deutliche Worte. Er richtete Perez aus: "Das ist inakzeptabel. Da war ausreichend Platz auf der linken Seite. Man muss dem Teamkollegen ausreichend Raum lassen. Wenn es jemand anderes ist, dann wäre es ein Rennunfall." Aber unter Teamkollegen müsse man mehr Vorsicht walten lassen. Am Teamfunk gleich nach dem Crash ließ der Schuldige noch wissen, dass er zu wenig Platz gehabt hätte ...

Ocon: "... plötzlich fand ich mich in der Mauer wieder"

Es ist nicht das erste Mal, dass Perez und Ocon Kleinholz auf der Strecke produzieren. Nachdem sich die beiden Hitzköpfe in Baku 2017 zu nahe kamen, folgte im selben Jahr außerdem noch ein hartes Manöver in Belgien. Danach beschuldigte der Franzose seinen Teamkollegen, dass er ihn gar umbringen wollte.

So weit geht Ocon diesmal nicht, er versuchte nach dem Zwischenfall möglichst diplomatisch zu bleiben. "Ich werde nicht analysieren, was passiert ist. Ich hatte einen tollen Start und eine gute Gelegenheit, an Checo vorbeizukommen. Als Nächstes habe ich einen Treffer gespürt und schon fand ich mich in der Mauer wieder", schilderte er kurz nach seinem Ausscheiden.

Er war sich sicher, dass für beide Piloten ein gutes Rennen möglich gewesen wäre. "Jetzt gehen wir mit null Punkten nach Hause. Das ist schrecklich." Diese Meinung teilt auch der Teamchef, der sich ebenso an die Zwischenfälle vom Vorjahr erinnert fühlt - und Konsequenzen androht. "Es ist mehr als ein Jahr her, dass wir so etwas hatten. Das letzte Mal war Spa (2017; Anm. d. Red.), wenn ich mich richtig erinnere. Seitdem ist es nicht mehr passiert - bis hier hin. Wir werden also zurück zu den alten Regeln gehen", kündigt er an.

Teamchef droht: "Gäbe auch andere Wege, sie zu trennen"

Damit meint Szafnauer den Verhaltenskodex, der bereits in der zweiten Saisonhälfte 2017 gegolten hat. Die Quintessenz: Die Teamkollegen dürfen nicht mehr frei gegeneinander fahren. "Wir haben ihnen dieses Jahr erlaubt, in der ersten Runde gegeneinander zu kämpfen. Das können wir auch wieder abschaffen." Schließlich sei das Team als Ganzes wichtiger als einzelne Personen. Er sieht sich gezwungen, die Kontrolle zu übernehmen. "Wenn sie erst einmal im Auto sind, ist es schwer, sie zu kontrollieren, aber davor können wir es in die Hand nehmen."

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Und der Neo-Teamchef geht sogar noch einen Schritt weiter: "Sollten sie so weitermachen, gäbe es auch andere Wege, wie wir sie voneinander trennen können." Nachsatz: "Ich hoffe, dass wir diese Wege nicht einschlagen müssen."

Die FIA-Rennkommissare schauten sich den Vorfall ebenso an und entschieden, keine Strafe an Perez auszuhändigen. Sie entschieden auf einen Rennunfall. Dennoch weiß Perez, dass er die Schuld alleine bei sich selbst suchen muss. "Das war ein sehr unglücklicher Zwischenfall. Aber einer, den man nur sehr schwer vermeiden kann."

Perez kritisiert Strategie: "Haben für gutes Quali bezahlt"

Er habe aus der ersten Kurve herausbeschleunigt - und plötzlich habe er einen Schlag gespürt. "Ich wusste nicht, wer es war. Erst danach habe ich gemerkt, dass es Esteban war. Darum habe ich mich bei den Jungs entschuldigt, das ist sehr schade." Insgesamt spricht er von einem harten Tag für sein Team. Denn auch der Startzwischenfall hätte "nicht viel geändert", glaubt Perez.

"Wir haben einen hohen Preis für unser gutes Qualifying bezahlt", meint er. Denn: Während sich die Piloten ab Startplatz elf die Reifen frei aussuchen konnten, musste Perez auf dem Hypersoft starten. Er ging schließlich in Runde 17 an die Box und steckte auf den Ultrasoft um. Dadurch blieb er hinter dem Williams von Sergei Sirotkin im Verkehr stecken.

"Ich hatte einen tollen ersten Stint und konnte eine große Lücke zu den Autos hinter mir herausfahren. Aber nach dem Boxenstopp kam ich in den Verkehr. Es war so schwierig, Sirotkin zu überholen", kritisiert er die Strategie seines Teams. Die hätte man an diesem Sonntag "einfach nicht richtig hinbekommen". Perez wurde zunehmend unruhiger, da er wusste, dass ihm sein Rennen aus den Händen glitt.

Sirotkin: "Ging nur noch darum, das Rennen zu überstehen"

"Wir haben den Effekt womöglich unterschätzt, da sie nicht viel langsamer waren und es war so schwierig zu überholen. Meine Bremsen gingen durch die Decke, mein Motor, meine Reifen - alles eine große Enttäuschung." Der Russe und der Mexikaner lieferte sich gleich mehrmals ein Duell, das in Runde 33 allerdings zunächst mit einer Berührung endete. Der Racing Point zog nach einem Überholmanöver auf der Geraden zu früh nach links und räumte den Williams seitlich ab. Beide Boliden waren danach beschädigt, wie Sirotkin bestätigt.

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"Ich habe mir dabei vor allem an der Frontpartie des Autos einiges beschädigt", erklärt Sirotkin nach dem Rennen. "Der Unterboden und die Bargeboards hat es erwischt. Einige Aero-Teile haben sich von Kurve zu Kurve stark bewegt. Danach ging es nur noch darum, das Rennen irgendwie zu überstehen." Perez musste aufgrund eines Plattfußes an die Box kommen. Er zog für den finalen Stint den Soft auf und fiel an das Ende des Feldes zurück.

"Das hat mir viel Zeit gekostet. Wir sind hart gegeneinander gefahren. Er hat seine Position vehement verteidigt und hat sich beim Anbremsen mehrfach bewegt. Er hatte außerdem mehrere Verbremser. Als ich an ihm vorbeikam, wollte ich die Türe zumachen. Allerdings war er zu knapp dran. Am Ende sicherlich nicht ideal", gibt Perez zu.

Perez auf Instagram: "Schlimmster Tag des Jahres"

Am Ende des Feldes angekommen, musste er sich erneut mit dem Russen duellieren. Beim zweiten Anlauf funktionierte dann auch das Überholmanöver. Zu allem Überfluss kassierte er schließlich auch noch eine Durchfahrtsstrafe für das ungestüme Manöver gegen Sirotkin. Die Strafe sei gerechtfertigt, zeigt sich Perez einsichtig. Er wurde dadurch noch ein drittes Mal hinter den Williams gespült, beendete das Rennen aber schließlich noch auf Platz 16. Sirotkin wurde 19. und damit Letzter.

"Ich möchte mich in diese Diskussion nicht einmischen", hält Sirotkin außerdem fest. "Ich weiß, wer recht hat und wer nicht. Ja, er hat mich berührt, das war ganz sicherlich nicht meine Schuld. Aber ich möchte mich nicht beschweren, nur weil er sich aufregt. Wir hatten fünf Kurven lang einen sauberen Zweikampf, das habe ich genossen." Nach dem Rennen gab es eine kurze Aussprache - im Gegensatz zu dem internen Racing-Point-Vorfall, wo Perez anmerkte: "Ich denke, ich habe nicht viel dazu zu sagen. Ich wünschte, ich hätte Esteban gesehen."

Im Gespräch mit Sirotkin sei Perez verärgert gewesen. "Ich habe ihm gesagt, was ich denke. Ich wollte nicht verärgert sein. Ich möchte ehrlich sein. Ich bin hier um Rennen zu fahren. Außerdem gab es auch schon Situationen, wo ich etwas falsch gemacht habe", zeigt sich der Russe einsichtig.

Allerdings bringt das die verlorenen WM-Punkte aller Beteiligten auch nicht wieder zurück. "Wir hätten heute zumindest zehn Punkte machen sollen", weiß Szafnauer. Dann hätte Racing Point McLaren in der Team-Wertung womöglich überholen können. Auf Instagram resümiert Perez niedergeschlagen: "Das war definitiv der schlimmste Tag des Jahres."

 
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