Kolumne: Funkverkehr ist out, Max Verstappen ist in!

Jonathan Noble über die aktuelle Situation in der Formel 1: Warum ein generelles Funkverbot notwendig sein könnte und weshalb Max Verstappen der große Gewinner des Jahres ist!

Die Formel 1 hat sich selbst in eine kuriose Situation gebracht. Und so stellen wir uns (nicht erst) seit dem Großen Preis von Großbritannien die Frage: Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Das Negative wird recht schnell deutlich, wenn man sich die jüngsten Schlagzeilen oder auch Mitteilungen in den sozialen Netzwerken vergegenwärtigt: Die Formel 1 hat dank ihrer Regeln einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Da wäre zum Beispiel die niemals enden wollende Diskussion über „Track Limits“. Was ist noch in Ordnung, was ist zu viel? Oder die Frage, ob die Safety-Car-Phase nach dem Start im Regen zu lang war.

Dann hätten wir noch das Verbot, gewisse Informationen am Funk weiterzugeben. Oder die Tatsache, dass Rennen auch Stunden nach der Zieldurchfahrt noch nicht entschieden sind, weil es kein offizielles Resultat gibt.

Ja, all dies gab den Kritikern der Rennserie zuletzt viel Handhabe!

Das Grundproblem der Formel 1

Das Grundproblem scheint zu sein: Es gibt zu viele Regeln, die die Formel 1 einschränken. Es wirkt, als wären wir nur einen Schritt davon entfernt, dass die Regelauslegung eines Anwalts nach einem Rennen eine Auswirkung auf das Ergebnis haben könnte.

Allerdings müssen wir bei der Betrachtung des Silverstone-Rennens und dessen Folgen unbedingt Vorsicht walten lassen. Die offensichtlichen Probleme lassen sich schließlich nicht im Handumdrehen lösen.

 

Die Formel 1 hat in jedem Fall eine regelrechte Büchse der Pandora geöffnet, wenn es darum geht, zu entscheiden, welcher Funkspruch regelkonform ist und welcher nicht.

Klar ist: Die Verantwortlichen der Formel 1 tun alles, um sicherzustellen, dass die Fahrer nicht als Marionetten der Ingenieure dastehen, die nur Anweisungen aus der Box umsetzen.

Und vielleicht kommen wir auch einmal an den Punkt, an dem wir erkennen: Die Einschränkung des Funkverkehrs ist nicht die Antwort. Es muss eine viel klarere Linie gezogen werden, um diesem Problem beizukommen!

Weg mit der Telemetrie!

Warum geht man zum Beispiel nicht einfach her und unterbindet den Datenfluss vom Auto zur Boxenmauer? Dann würden die Fahrer auf der Strecke das Auto zweifelsfrei „alleine und ohne Hilfe von außen“ fahren, wie es die Regeln vorsehen.

Ja – die Systeme zur Überwachung der Sicherheit sollten an Bord bleiben. Der Fahrer sollte gewarnt werden, dass die Bremsen sich zu sehr abnutzen oder dass gewisse Komponenten kurz vor dem Kollaps stehen. Aber darüber hinaus sollte die Datenanalyse in den Boxen und in den Workshops der Rennställe eingeschränkt werden, und das massiv!

Damit müssten die Ingenieure nicht lange überlegen, was sie sagen dürfen und was nicht. Denn sie hätten viel weniger Ahnung, was gerade im Auto passiert. Sie würden gewissermaßen „blind“ agieren. Den normalen Teamfunk zwischen Box und Fahrer könnten wir beibehalten, um die Show am Sonntagnachmittag nicht zu beschneiden.

Das Rezept lautet also: Gib der Formel 1 ein bisschen mehr Unvorhersehbarkeit und lass ihr den Raum für menschliches Versagen, dann wird die Show von ganz alleine besser!

Aber genug davon.

Und jetzt: das Positive!

Was mir beim Silverstone-Rennen nämlich am meisten aufgefallen ist, waren weder die Funkregeln noch der Safety-Car-Start noch das super Wochenende von Lewis Hamilton und sein Stunt beim Crowd-Surfing.

Nein, mein Highlight des Wochenendes war das atemberaubende Manöver von Max Verstappen in Runde 16, als er in der schnellen Becketts-Kurve außen an Nico Rosberg vorbeigezogen ist. Was für ein Husarenritt!

Wir kennen das ja schon von Verstappen. Man denke nur an Spa-Francorchamps 2015 zurück, als er Felipe Nasr in Blanchimont überholte, ebenfalls auf der Außenseite. Und sein Manöver aus Silverstone ist sicherlich eines, an das wir uns noch in einigen Jahren erinnern werden.

Es war ein weiteres Zeichen dessen, dass Verstappen einer der Fahrer ist, die ständig für eine Überraschung gut sind. Er mischt die Formel 1 richtig auf! Um ihn herum wird immer etwas geboten sein. Und genau das braucht die Formel 1.

In Spanien und in Österreich hat er es meisterhaft verstanden, die Reifen zu schonen. 2015 in Spa oder am Wochenende in Silverstone zeigte er mutige Überholmanöver. Dieses Jahr und vergangenes Jahr sorgte er für Schrott in Monte Carlo. Wie auch immer: Es lohnt sich, einen solchen Fahrer im Auge zu behalten, denn bei ihm ist immer etwas los!

Ein Mann mit Zukunft

Und er wird noch viel besser werden. Schon jetzt ist er sehr besonnen im Zweikampf und verteidigt sich wie ein alter Hase, kann aber auch in die Rolle des beinharten Jägers schlüpfen. Und wenn Red Bull Racing weiter an Form zulegt, ist uns in den kommenden Jahren einiges an Action gewiss!

 

Verstappen ist jemand, der Daniel Ricciardo dazu anspornt, noch mehr aus sich herauszuholen. Ricciardo muss nun zeigen, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Und das wird wiederum dazu beitragen, Red Bull Racing zurück an die Spitze der Formel 1 zu führen, sodass Mercedes und Ferrari neue Kopfschmerzen kriegen.

Unterm Strich glaube ich daher nicht, dass die Formel 1 im Eimer ist. Sie ist auch nicht überreglementiert, sondern sie ist es immer noch wert, verfolgt zu werden. Denn da gibt es einen jungen Mann, einen Teenager, im Auto mit der #33, der wahrscheinlich mehr Talent hat als viele andere zusammen.

Oder um das Bild vom Einstieg aufzugreifen: Dieses Glas ist randvoll!

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