Kolumne: Max Verstappen muss lernen, dass es Grenzen gibt

Max Verstappen hört sich schon an wie Ayrton Senna. Und mit seiner aggressiven Fahrweise bewegt er sich auf dem schmalen Grat zwischen Vernunft und Gefahr.

Keine Frage: Verstappen beeindruckt in vielerlei Hinsicht. Es ist ein bisschen wie in der MotoGP, wo man von den sogenannten Aliens spricht. Auch Verstappen hat sich sofort unter den Spitzenfahrern der Szene etabliert. Und das, obwohl er noch ein Teenager ist. Aber er ist bereits verflixt schnell und ein kompromissloser Überholer.

Das ist aufregend zu verfolgen. Auch, wie er in seiner Heimat das Interesse an der Formel 1 neu entfacht und weltweit viele Fans gewonnen hat. Verstappen ist eben ein echter Knüller und somit gut für's Geschäft, wie Bernie Ecclestone sagen würde.

Doch was Verstappen vor allem auszeichnet, ist seine hervorragende Fähigkeit, sich im Rennen durchzusetzen. Er steht Formel-1-Größen wie Ayrton Senna und Michael Schumacher, die in dieser Hinsicht Präzedenzfälle waren, in nichts nach. Und er treibt es vielleicht sogar noch etwas mehr auf die Spitze als die Genannten.

Warum ich ihn ebenfalls zu den "Aliens" zähle: Nach einer Aktion weiß er genau, was er zu sagen hat. Er wischt jede Kritik an seiner Person einfach beiseite.

Ich fand beispielsweise die Diskussion am Kommandostand von Red Bull Racing nach der Unterbrechung in Spa-Francorchamps bemerkenswert. Verstappen ging direkt zu Christian Horner und fragte nach, was in der ersten Kurve mit den Ferrari-Fahrzeugen passiert war.

Da bekam er den Eindruck, dass Sebastian Vettel eine Berührung mit Kimi Räikkönen gehabt hatte, was wiederum Verstappens Red Bull am Kurveninneren in die Bredouille gebracht habe. Nur deshalb schoss Verstappen nach Rennende verbal regelrecht um sich.

Im Parc Fermé verdrehte er die Argumente jedoch ein bisschen und meinte, die Ferrari-Fahrer sollten sich schämen, mit ihrer Erfahrung einen solchen Unfall zu verursachen und sich dann über ihn zu beschweren.

Man muss schon sagen: Das klingt verblüffend nach Senna. Es erinnert an das berühmte TV-Interview von Jackie Stewart, in dem er Senna zu Suzuka 1990 befragt. Was Senna damals gemacht hat, ist für mich immer noch das Schlimmste, was er in seiner Karriere getan hat.

Bei Verstappen hört man beinahe heraus: "Ich bin einfach nicht dazu gemacht, Dritter oder Vierter zu werden."

Er hört sich also schon an wie eine wahre Legende. Aber passt sein Auftreten auf der Strecke auch dazu? Jacques Villeneuve hat da seine Zweifel. Er meint: "Vor 20 Jahren hätte ihn jemand einfach mal in die Bäume geschickt."

Verstappen verteidigt sich mit allen Mitteln

In Ungarn haben wir gesehen, wie energisch sich Verstappen zur Wehr setzen kann und dabei bis ans Limit geht – im Duell mit Kimi Räikkönen. In Belgien schien er es noch weiter treiben zu wollen. Erst drückte er Räikkönen in Les Combes in die Auslaufzone (was noch halbwegs in Ordnung war), dann kam es nur eine Runde später zur Situation auf der Kemmel-Geraden.

In meinen Augen schoss er damit über das Limit hinaus. Einem Fahrzeug mit aktiviertem DRS den Weg zu blockieren, ist einfach nicht die feine englische Art. Und ich bin überrascht, dass der Berater der Rennleitung, Danny Sullivan, hier nicht einmal für eine Verwarnung plädiert hat.

Räikkönens Intention war klar und Verstappen reagierte mit seinem Manöver darauf – aber nicht, weil er ihn damit auf die Außenbahn zwingen wollte, wie man es bei einem DRS-Angriff erwartet.

Du kannst einen Rennwagen mit Überschuss nicht einfach so abblocken. Schumacher hat es 2000 bei Mika Häkkinen versucht und das war in dieser Form nicht in Ordnung.

Und Räikkönen hat es klar formuliert: Wenn du mit 20 km/h auf ein Auto aufholst und dich selbst jenseits von 300 km/h bewegst, dann kann eine Berührung fatale Folgen haben. Und das Letzte, was die Formel 1 braucht, ist, dass ein Auto in die dank Verstappen gut gefüllten Tribünen abfliegt…

Rad-an-Rad-Kollisionen bei so hohen Geschwindigkeiten können in schwere Unfälle münden. Man denke nur an den fürchterlichen Crash zwischen Wolfgang Graf Berghe von Trips und Jim Clark in Monza 1961. Natürlich: Seither wurde die Sicherheit an Rennstrecken wesentlich verbessert. Doch ich denke da auch an den Rückwärtssalto von Mark Webber in Valencia vor ein paar Jahren…

Wenn ein Fahrer, wie im Fall von Räikkönen, auf einer Geraden abbremsen (oder zumindest vom Gas gehen) muss, dann geht das zu weit. Genau wie damals, als Schumacher Barrichello in Budapest an die Boxenmauer drückte. Das geht einfach nicht!

Das Problem ist nur: Diese Grenze wurde nun überschritten. Und weil es keine Strafe gab, darf sie wieder überschritten werden.

Was bedeutet all dies für die Zukunft?

Selbst Senna sagte während des angesprochenen Interviews in den 1990er-Jahren: "Man kriegt es unmöglich in jeder Situation hin, genau richtig zu handeln."

Und das muss auch Verstappen verstehen. Senna sprach dabei über das Erkennen und Nutzen von Überholchancen, aber seine Worte gelten natürlich auch für das Verteidigen. Und bitte: Es ist schon ein Unterschied, ob ich mich in Ungarn gegen Räikkönen zur Wehr setze oder ein DRS-Manöver auf der Kemmel-Geraden von Spa-Francorchamps abblocke. Letzteres ist einfach nur draufgängerisch!

Ich verlange ja nicht, dass Verstappen weniger aggressiv fährt. Ich denke aber, er muss erkennen, dass es gewisse Grenzen gibt, wenn man sich verteidigt. Und da kann es meiner Meinung nach nicht sein, ein Auto auf einer Geraden zum Bremsen zu zwingen, damit es bei 300 km/h nicht zu einem Unfall kommt…

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