Kolumne: Wieso weniger Regeln in der Formel 1 alles noch schlimmer machen würden

So sehr die Formel 1 ein Kampf von Mann gegen Maschine ist, so war sie vom ersten Tag an doch auch ein Kampf gegen das Reglement.

Auf der einen Seite gibt es die FIA, die ein Reglement aufstellen muss, um die Teams und Fahrer unter Kontrolle zu halten, vor allem aber um sicherzustellen, dass faire Bedingungen herrschen.

Dem gegenüber stehen die Teilnehmer – die ständig versuchen, Mittel und Wege zu finden, das Geschriebene zu ihrem eigenen Vorteil zu umgehen.

Die ständige Verschiebung dieser Kampflinien ist das, was die Faszination der Formel 1 im Laufe der Jahre zum großen Teil ausgemacht hat. Man denke nur an Doppeldiffusor, Traktionskontrolle, F-Schächte – all das wurde an den Grenzen der Regeln eingeführt.

Während es allgemein akzeptiert ist, dass es diesen Kampf zwischen den Wilderern und den Jagdaufsehern immer geben wird, muss der gegenseitige Respekt doch da sein.

Daher gibt es im Fahrerlager das geflügelte Wort, dass Artikel 0.0.0 des Technischen Reglements besagt: „Du sollst dich nicht verarschen lassen.“

 

Die vergangenen paar Wochen wurden jedoch von Diskussionen darüber bestimmt, dass Reglement jetzt vielleicht zu weit gegangen ist. Diese endlose Verkomplizierung dessen, was am Funk erlaubt ist und was nicht, die Farce um die 107%-Regel in Ungarn, plus der Streit um die gelben Flaggen. Das alles hat neuerliche Diskussionen heraufbeschworen, dass man das gesamte Reglement doch zerreißen und den Sport von derartigen Kontroversen befreien sollte.

Das Thema soll in der Tat beim Treffen der Strategiegruppe am Donnerstag in Genf auf den Tisch kommen.

Trotzdem ist die Vorstellung eines viel dünneren Regelbuchs eine Utopie. In einem Sport, der so kompliziert ist wie die Formel 1, wird die Notwendigkeit der Interpretation desto größer, je weniger Regeln es gibt. Das Ende vom Lied ist dann ein Streit darüber, was ein Loch und was ein Schlitz ist.

Der Grund der geballten Kritik sind am Ende die vielen Stunden, die die Rennkommissare damit verbringen müssen, die Regeln zu interpretieren – und nicht einmal die Regeln selbst.

Zum Beispiel die Regel der doppelten gelben Flaggen. Darüber wird nur so viel diskutiert, weil die Regel Tür und Tor für Interpretationen offen lässt.

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Im „International Sporting Code“ der FIA für den Fahrer heißt es: “Die Geschwindigkeit merklich verringern, nicht überholen und bereit sein, die Richtung zu ändern oder anzuhalten.“

Was heißt das aber nun genau?

Was ist „merklich“? 1 km/h? 5 km/h? 50 km/h? 100 km/h? Und was heißt „bereit sein, die Richtung zu ändern oder anzuhalten“? Es heißt nicht, dass du anhalten musst, denn man kann immer noch Vollgas fahren und „bereit sein“ anzuhalten.

Am Ende war es auch klar, wieso die Rennkommissare zu dem Schluss gekommen sind, dass Nico Rosberg die Buchstaben der Regel befolgt hatte – trotz Lewis Hamiltons anderer Ansicht.

Vielleicht braucht man am Ende etwas strengere Regeln, die einen festgesetzten Zeitverlust bei gelben Flaggen vorschreiben, um die endgültige Entscheidung schwarz/weiß zu machen.

Williams' Technischer Direktor Pat Symonds geht sogar noch weiter: „Wenn man das zum Beispiel im Qualifying wirklich streng anwenden wollte, könnte man sagen, dass jede Rundenzeit bei doppelter gelber Flagge ignoriert wird, dann gäbe es absolut keinerlei Veranlassung dazu, nur kurz vom Gas zu gehen. Einige Leute würden sicher sagen, das sei unfair, aber das gleicht sich im Laufe des Jahres aus.“

Dieses Thema der gelben Flaggen zeigt auf, dass das Problem nicht ist, dass es zu viele Regeln gibt, sondern das genaue Gegenteil: Die Grauzonen müssen in einem sich schnell entwickelnden Sport so schnell wie möglich geschlossen werden. In diesem Fall ist mehr Kontrolle besser, nicht weniger.

 

Es geht nicht darum, dass die Fahrer und Teams von der Leine gelassen werden und tun können, was sie wollen, sondern darum, dass man ein klares, allumfassendes Regelwerk hat, das so viel Instrumentalisierung wie möglich ausschließt, damit die Stewards von vorne herein gar nicht involviert werden müssen.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das Regelbuch im Sport – wie auch sein gesetzliches Vorbild in der „normalen“ Welt – immer dicker wird, da man ständig auf unvorhergesehene Umstände reagieren muss.

Man denke nur daran: Rennen in der Boxengasse zu gewinnen, wo man am Ende eine Strafe absitzt (wie beim Grand Prix von Großbritannien 1998), oder der immer wiederkehrende Streit, Teamorder zuzulassen oder zu verbieten. Etwas passiert und es wird eine neue Regeln geschrieben, um sicherzustellen, dass es nicht noch einmal passiert.

Wie Symonds sagte: „Die Regeln entwickeln sich. Man vergisst leicht, wieso sie geschrieben wurden. Einige von uns alten Jungs sitzen seit 40 Jahren in diesen Meetings und wir erinnern uns – und Charlie [Whiting, Renndirektor] erinnert sich. Und ich sage euch, an dem Tag, an dem Charlie geht, wird es sehr schwierig, denn andere Leute werden sich nicht daran erinnern, wieso es diese Regeln gibt.“

„Hin und wieder gibt es eine Situation, die bisher noch nicht da war und es gibt einen Konflikt. Was wir in Ungarn hatten [mit der 107%-Regel], war ein Konflikt.“

Es gibt eine ganze Menge Regeln, aber es gibt sie alle aus einem Grund und manchmal denkt man, es sind zu viele, aber sie wurden alle aus einem Grund geschrieben. Bei den meisten geht es um ungewöhnliche Dinge – vor langer, langer Zeit gab es einen Grund, aus dem sie geschrieben wurden. Und es gibt wirklich viel Ungewöhnliches.“

Wenn man viele der „ungewöhnlichen“ Regeln wegnimmt, hat man einen Sport, in dem die Rennkommissare ständig ungenau formulierte Regeln interpretieren müssen – und das wäre fürchterlich.

Symonds sagte weiter: „Es gäbe nur jede Menge Streitereien. Wenn alles niedergeschrieben und absolut schwarz/weiß ist und man eine Entscheidung hat, die man leicht befolgen kann, sollte einfach sein – auch wenn das Reglement komplex ist. Wenn wenig niedergeschrieben ist, dann gibt es viel Streit.“

Vielleicht ist der Schlüssel zu allem nicht, dass es zu viel Regeln gibt, sondern die Art, wie sie den Fans vermittelt werden. Es war bemerkenswert, dass Mercedes, als sie den Einspruch gegen die Strafe gegen Nico Rosberg in Silverstone zurückgezogen haben, erklärten, dass man das Problem der „vermeintlichen“ Überregulierung angehen müsse.

Wenn es am in Ungarn am Samstag sofort ein Urteil über Rosberg gegeben hätte und eine ähnlich schnelle Entscheidung wegen des 107%-Frage, hätte es keine Beschwerden über das Reglement gegeben. Wenn Fans aber drei oder vier Stunden warten müssen, bis es ein Urteil gibt, dann wird die Formel 1 zur Enttäuschung.

Die Formel 1 ist am besten, wenn die Fans wissen, wo die Linie zwischen Legalität und Betrug ist und von den Verantwortlichen schnelle Entscheidungen getroffen werden.

So, wie ein Fußballspiel einen Schiedsrichter für rote Karten und Strafen braucht, so braucht auch die Formel 1 jemand, der beurteilt, was richtig und was falsch ist. Das muss aber schnell geschehen und es muss ein verständliches Regelwerk geben, das kein Grauzonen erlaubt und keine Notwendigkeit für zu viele Interpretationen.

Wenn man alles zu frei und zu offen lässt, laufen die Wilderer plötzlich Amok und das ist schlecht für alle.

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