Kommentar: Nico Rosberg hört auf – richtige oder falsche Entscheidung?

Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg hat überraschend seinen Rücktritt angekündigt und wird in der Formel-1-Saison 2017 nicht als Titelverteidiger an den Start gehen. Stefan Ziegler fragt sich, ob das die richtige Entscheidung war.

Liebe Leser von Motorsport.com,

aufhören, wenn es am schönsten ist. Diesen Satz haben wir seit gestern sehr häufig gelesen oder gehört. Natürlich im Zusammenhang mit dem Rücktritt von Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg, der damit die ganze Szene überrascht hat.

Dabei ist er nicht der 1. Champion, der unmittelbar nach seinem Titelgewinn aufhört. Zuletzt hat es Alain Prost im Anschluss an die Formel-1-Saison 1993 genauso gemacht. Prost trat damals jedoch als bereits viermaliger Weltmeister ab und nicht etwa nach seinem 1. Triumph in der Gesamtwertung.

Zum 1. Mal Weltmeister werden und dann gleich abtreten – das spielt in einer anderen Liga.

Denn Rosberg beendet seine Formel-1-Karriere mit gerade einmal 31 Jahren, in einem für Rennfahrer noch jungen Alter und obwohl er wahrscheinlich problemlos noch einige Jahre hätte dabeibleiben können. Sein Vertrag im Mercedes-Werksteam lief auch noch bis Ende 2018.

Dass er schon jetzt einen Schlussstrich zieht und aufhört, erfordert Mut und nötigt Respekt ab. Man bedenke nur einmal das Millionengehalt von Mercedes oder die sportlichen Aussichten im derzeit schnellsten Auto der Formel 1. Aber diesen Versuchungen ist Rosberg nicht erlegen.

Er will Zeit für sich und seine Familie haben, Vater und Ehemann sein. Etwas, das ihm sein Job als Formel-1-Fahrer bisher nur eingeschränkt erlaubt hat, weil der Job stets auf der Pole-Position stand – und das seit über 2 Jahrzehnten.

Rosberg will nun endlich ein eigenes Leben haben. Eines, das nicht mehr vom Ecclestoneschen Rennkalender diktiert wird.

Zumal die Formel 1 auch nicht ungefährlich ist. Die Unfallbilanz der vergangenen Jahre darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Sport noch immer mit einem sehr hohen Risiko behaftet ist. Auch das mag eine Rolle gespielt haben bei Rosbergs Überlegungen.

Den hohen persönlichen Einsatz, den eine Rennsaison auf diesem Niveau darüber hinaus erforderlich macht, hat Rosberg in seinen Ausführungen zum Rücktritt selbst benannt.

Das Streben nach dem einen großen Ziel, dem alles andere unterzuordnen ist. In einem immer komplexeren Sport mit inzwischen 21 Rennwochenenden pro Saison, etlichen Simulator-Einheiten, Dutzenden PR-Terminen rings um die Welt und nur wenig Privatsphäre. Das zehrt.

Und so hat Rosberg für sich entschieden: Das brauche ich nicht mehr. Denn alles, was er je wollte, war, es seinem Vater Keke gleichzutun und Formel-1-Weltmeister zu werden. Dieses Ziel hat er erreicht. Und damit ist seine Mission erfüllt, wie er bei der FIA-Gala erklärte.

Rosberg hat fertig, einfach so.

Seine Karriere endet mit dem Gewinn der Formel-1-Weltmeisterschaft. Kein schlechter Schluss!

Dergleichen ist vielen Großen des Sports nicht gelungen. Vielleicht auch, weil sie den Zeitpunkt für den Absprung verpasst haben. Weil sie der Erfolg immer noch weiter getrieben hat. Weil sie nicht loslassen konnten oder wollten. Oder weil sie gar nicht (mehr) in der Position waren, mit einem WM-Titelgewinn abzutreten.

Alles richtig gemacht, kann man Rosberg da nur sagen!

Oder?

Man könnte auch fragen: Wie kann er nur? Am Höhepunkt der Karriere aufhören, obwohl er noch einen Werksfahrervertrag mit einer Laufzeit von 2 Jahren hat? Obwohl er im besten Auto der Formel 1 sitzt und die Aussicht hat, noch etliche Millionen mehr zu verdienen?

Es gibt wahrlich schlechtere Szenarien…

Rosberg lässt sich auch die Chance entgehen, seinen Titel zu verteidigen und damit seinen Ruhm zu mehren.

Weltmeister geworden sind schließlich viele. Nicht allen davon ist es gelungen, einen 2. Titel zu holen. Noch weniger haben es zu 3 oder noch mehr Titeln gebracht.

Aber 1 Titel? Das könnte, würden böse Zungen behaupten, eine historische Randnotiz werden.

Rosberg ist es egal. Auch, dass er seinen Gegnern nicht die Gelegenheit bietet, ihn zu schlagen. Er verwehrt ihnen – und damit vor allem Lewis Hamilton – die Revanche.

Womit er womöglich auch eine weitere eigene Niederlage abwendet. Denn wer weiß schon, ob es Rosberg 2017 oder später noch einmal gelungen wäre, eine so perfekte Saison wie 2016 hinzulegen?

Vielleicht hat auch das eine Rolle gespielt bei seinen Überlegungen: das Wissen um die eigene Leistungsfähigkeit und den direkten Vergleich zum Teamkollegen.

Eine Revanche ist Rosberg aber niemandem schuldig. Auch nicht als der faire Sportsmann, der er ist. Die Formel 1 ist schließlich kein Kickermatch in der Kneipe nebenan, sondern ein unheimlicher persönlicher Aufwand über ein ganzes Jahr hinweg, den Rosberg nicht mehr zu leisten bereit ist.

Das ist eine rationale Entscheidung. Verbunden mit vielen Emotionen, ja, aber eben keine emotionale Entscheidung. Wofür Rosberg schon jetzt als "leidenschaftslos" abgestempelt wird.

Auch den Vorwurf, er scheue das erneute Duell mit Hamilton, muss er sich wohl gefallen lassen.

Aber wenn Rosberg als junger Mann auf dem absoluten Höhepunkt seiner sportlichen Karriere den Mumm hat, über all dem zu stehen und einfach sein Ding zu machen, dann kann man als Beobachter eigentlich nur sagen: wow!

Genau das habe ich auch gedacht, als ich von seinem Rücktritt erfuhr.

In diesem Sinne: alles Gute, Nico!

Einen Kommentar schreiben
Kommentare anzeigen
Über diesen Artikel
Rennserien Formel 1
Veranstaltung Nico Rosberg verkündet Rücktritt
Fahrer Nico Rosberg
Teams Mercedes
Artikelsorte Kommentar
Tags champion, familie, karriere, mercedes, rosberg, rücktritt, schluss, silberpfeil, weltmeister