Longrun-Analyse Belgien: Vorteil Vettel - auf den ersten Blick

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Longrun-Analyse Belgien: Vorteil Vettel - auf den ersten Blick
Autor: Heiko Stritzke
24.08.2018, 20:42

Die Longruns in Spa-Francorchamps zeigen einen leichten Vorteil für Ferrari im Kampf gegen Mercedes - Doch was ist das am Sonntag noch wert?

Auf der längsten Strecke des Formel-1-Kalenders sollte mit 20 Autos eigentlich Platz sein, trotzdem gab es nach den Rennsimulationen am Ende des zweiten Freien Trainings wieder reichlich Beschwerden über Verkehr. Unabhängig davon konnten die Fahrer jedoch viele Runden unter regulären Bedingungen abspulen, weil keine Gelb- oder Rotphasen die letzten 35 Minuten des Nachmittagstrainings auf dem Circuit de Spa Francorchamps durchkreuzten.

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Gerade die drei Topteams experimentierten fleißig mit verschiedenen Reifenmischungen. Der Supersoft so scheint es, ist weder für Mercedes noch für Ferrari ein ernsthaftes Thema. Beide Mercedes-Piloten und Sebastian Vettel spulten nur drei Runden auf dem weichsten aller Spa-Reifen ab. Red Bull und Kimi Räikkönen, der wie so oft antizyklisch unterwegs war und die Supersofts erst im zweiten Longrun ausprobierte, fuhren etwas länger auf den rot markierten Reifen.

Doch schon nach wenigen Runden brechen sie um mehr als eine halbe Sekunde ein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Topteams lieber die Strategie Soft-Medium fahren werden, sofern sie es auf dem Soft durch Q2 schaffen. Aufgrund der wenigen gefahrenen Runden ist die Supersoft-Tabelle mit Vorsicht zu genießen. Wie üblich haben wir "Ausreißer"-Runden in der Analyse nicht berücksichtigt.

Durchschnittszeiten auf Supersoft:

Fahrer Fahrzeug Durchschnitts-Zeit Runden auf Reifensatz
 Valtteri Bottas 1:48.273 3-5
 Lewis Hamilton 1:48.621 6-8
 Sebastian Vettel 1:48.675 10-12
 Kimi Räikkönen 1:48.875 7-13
 Max Verstappen 1:48.884 5-10
 Daniel Ricciardo 1:49.840 5-11

Vettel auf Mediums eine Klasse für sich

Im zweiten Longrun setzten Lewis Hamilton und Sebastian Vettel auf Medium-Reifen, Valtteri Bottas und die beiden Red Bulls probierten Softs aus und konnten sich so mit Kimi Räikkönens erstem Longrun vergleichen. Obschon mit den härtesten Reifen unterwegs, war Vettel deutlich der Schnellste im zweiten Longrun mit über sechs Zehntelsekunden Vorsprung in der Durchschnittszeit. Damit war er sogar deutlich schneller als Kimi Räikkönen, der zum selben Zeitpunkt Supersofts drauf hatte (Vergleichszeit s.o.).

Durchschnittszeiten zweiter Longrun:

Fahrer Fahrzeug Durchschnitts-Zeit Runden auf Reifensatz
 Sebastian Vettel 1:48.302 Medium 8-17
 Max Verstappen 1:48.727 Soft 8-13
 Lewis Hamilton 1:48.970 Medium 6-15
 Valtteri Bottas 1:49.018 Soft 8-17
 Daniel Ricciardo 1:49.127 Soft 11-17

Zum Vergleich: Kimi Räikkönen 1. Longrun: 1:49.082, Soft 10-14 

Auf den ersten Blick spricht also alles für Sebastian Vettel. Doch erstens droht wie in Ungarn der Regen das Qualifying durcheinander zu werfen, der ihn dort um einen eigentlichen Pflichtsieg gebracht hat. Und zweitens lag Mercedes zuletzt immer wieder in den Longruns am Freitag zurück und wurde dann stärker. Lewis Hamilton kämpfte am Freitag zusätzlich mit Bremsproblemen.

 

So fuhr er die schnellste Zeit aller Fahrer im zweiten Sektor, in dem es auf Anpressdruck ankommt und es nur eine harte Bremszone gibt, verlor aber im dritten Sektor mit dem harten Bremspunkt vor der Bus-Stop-Schikane. Ferrari hingegen punktet im ersten Sektor mit der langen Geraden, womöglich dank des neuen "Wundersprits".

Valtteri Bottas sieht den Grund eher in den engen Kurven: "In langsamen Kurven scheinen wir noch unsere Probleme zu haben. In manchen Kurvenkombinationen wie 5-6-7 (Les Combes/Malmedy; Anm. d. Red.) scheint Ferrari noch ein klein wenig stärker zu sein." Auch scheint der Mercedes die Soft-Reifen zu bevorzugen, also jene Mischung, die Hamilton am Nachmittag nicht benutzte. Es sollte also nicht überraschen, wenn Mercedes bis Sonntag beim Renntempo auf gleiche Höhe mit Ferrari kommt.

 

Mercedes-Technikchef James Allison ist mit der generellen Performance im Rennbetrieb allerdings nicht zufrieden: "An den Longruns müssen wir hingegen noch etwas mehr arbeiten, da sie bei beiden Fahrern schwach und bruchstückhaft waren. Dafür sorgte eine Mischung aus Verkehr und Bremsplatten. So fanden wir keinen Rhythmus, der uns ein gutes Gefühl für den Sonntag geben sollte."

Red Bull stapelt derweil tief: Mehr als Platz fünf sei nicht drin, versichert Max Verstappen: "Uns fehlt es einfach an Leistung, da müssen wir realistisch bleiben. Wir müssen noch etwas beim Heckflügel tun, denn der ist zu flach. Damit werden wir sicher nicht auf die Pole fahren können, aber der Longrun sieht gar nicht so schlecht aus." Womit er Recht hat: Auf Soft war Verstappen sogar schneller als Bottas. Aber bekanntlich können Ferrari und Mercedes die Motoren im Laufe des Wochenendes noch weiter aufdrehen.

 

Daniel Ricciardo kämpfte mit Problemen an seinem Getriebe, vor allem im sechsten Gang. Das zeigte sich auch an seiner Longrun-Performance, die deutlich schlechter war als die von Verstappen. Er will aber nicht alles auf das Problem schieben: "Balance, Abtrieb… Da sind so einige Dinge, die wir uns heute Abend anschauen müssen."

Racing Point: Dicke Punkte schon im ersten Rennen?

Im Mittelfeld dominierten Force-India-Nachfolger Racing Point und Renault die Longruns. Sergio Perez und Carlos Sainz lagen mit den Supersofts, mit denen die Mittelfeldteams, die sich für Q3 qualifizieren, bei trockenem Quali und Rennen auf jeden Fall starten müssen, etwa gleichauf. Auf den Medium-Reifen, die der Renault bevorzugt, war Sainz schneller als Perez. Doch Racing Point hat noch den Mercedes-Joker im Ärmel. Es riecht nach einer guten Ausbeute; der letzte Platz in der Konstrukteurswertung dürfte schon an diesem Wochenende wieder an Williams abgegeben werden.

 

Nico Hülkenberg, der gegenüber Sainz im Longrun das Nachsehen hatte, gibt die Favoritenrolle bereits an das Team in Pink ab: "Ich habe auf den Onboard-Aufnahmen bemerkt, dass ihr Auto nicht nur auf der Geraden schnell ist, sondern auch in den Kurven ziemlich solide geht."

Und das neu formierte Team scheint sich des Q3-Einzugs sehr sicher zu sein, denn Esteban Ocon verzichtete auf einen zweiten Longrun und fuhr stattdessen elf Runden auf dem Supersoft durch. Er verlor dabei rund 1,5 Sekunden an Performance. Das könnte wiederum etwaige Überraschungskandidaten in Q3 dazu bewegen, gar nicht erst an dieser Session teilzunehmen, um freie Reifenwahl am Sonntag zu genießen.

 

Pierre Gasly zeigte wieder eine starke Leistung auf dem Soft-Reifen und fuhr dabei auf dem Niveau von Perez. Der Ungarn-Grand-Prix hat gezeigt, dass er das nötige Tempo auch am Sonntag gehen kann, wenn die Startposition einmal passt. Doch mit dem Honda-Motor wird es sehr schwer im Qualifying werden, sofern es trocken bleibt. Einziger Trost: In Spa kann man überholen. Allerdings braucht man auch dazu Motorleistung…

Nicht ganz zufrieden dürfte man bei Haas sein: Die Mittelfeld-Konkurrenz scheint nach dem Höhenflug während des Triple-Headers im Sommer wieder aufgeholt zu haben. Romain Grosjean und Kevin Magnussen waren auf Supersoft erschreckend langsam, auf Medium und Soft aber nahe dran an Racing Point, wenn auch klar langsamer als Sainz.

 

McLaren nur noch auf Williams-Niveau

Sandbagging betrieb man bei Sauber: Auf den Supersofts ging nicht viel, doch die braucht Sauber nicht unbedingt. Somit durfte man gespannt auf den zweiten Longrun sein. Aber Marcus Ericsson und Charles Leclerc fuhren auf Medium beziehungsweise Soft nur ganz kurze Runs von zwei und drei Runden, was jegliche Vergleichbarkeit zunichtemacht. Auf den wenigen Umläufen war Leclerc gut dabei und auf dem Niveau von Haas, Perez und Gasly. Es waren aber zu wenige Runden, um wirkliche Aussagen treffen zu können.

Am Ende des Feldes hat Williams unterdessen Besuch bekommen: McLaren ist über die Distanz nicht mehr außer Reichweite. Stoffel Vandoorne stand am Freitag ziemlich neben sich und belegte in den Trainings zweimal den letzten Platz. Wenn er sich nicht steigert, droht das Debakel beim Heimrennen so weiterzugehen. Aber selbst Fernando Alonso ist für Sergei Sirotkin mittlerweile eine machbare Aufgabe. Beide McLaren verzichteten auf einen zweiten Longrun. Der einst glorreiche Kampf der zwei Traditionsteams wird in Spa voraussichtlich glanzlos am Ende des Feldes ausgetragen werden.

 

Somit liegt die Favoritenrolle erst einmal wieder bei Ferrari, doch entscheidenden Einfluss könnte wieder einmal das Wetter nehmen: Der Einbruch der Kaltfront (für die Nacht auf Sonntag sind drei (!) Grad vorhergesagt) bringt Regen mit sich, der aber bis zum Qualifying schon durch sein könnte, sodass es bis Q3 trocken wäre. Für den Sonntag wird bislang gutes Wetter vorhergesagt. Aber bekanntlich haben die Ardennen ihre eigenen Wettergesetze…

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Subevent 2. Training
Autor Heiko Stritzke
Artikelsorte Analyse